Sichere Jobs vertragen keine Lohnerhöhung Image
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Zwar prognostizieren die Konjunkturforscher für dieses Jahr wieder ein gesamtwirtschaftliches Wachstum. Die Folgen der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren sind aber noch überall spürbar. So lag die Kapazitätsauslastung in der Metall- und Elektroindustrie zuletzt bei 73, in der chemischen Industrie bei 77 Prozent.

Wer in dieser Situation die private Konsumnachfrage durch hohe Lohnabschlüsse ankurbeln will, um damit das Wachstum zu beschleunigen, ignoriert zwei Zusammenhänge. Erstens: Der private Konsum hängt nicht allein von der Lohnentwicklung ab. Er wird in erheblichem Maß von der Beschäftigungsentwicklung bestimmt. Beschäftigungssicherung stabilisiert Kaufkraft und verhindert Angstsparen. Durch den Abbau von Zeitkonten und den Einsatz von Kurzarbeit gelang es 2009, den Arbeitsmarkt von der Krise weitgehend abzukoppeln. So baute die Metall- und Elektroindustrie nur rund fünf Prozent der Arbeitsplätze ab, obwohl die Produktion um das Sechsfache schrumpfte.

Zweitens: Beschäftigungssicherung ist nicht zum Nulltarif zu haben. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) betragen die sogenannten Remanenzkosten der Kurzarbeit für Betriebe– je nachdem in welchem Umfang die Sozialversicherungsbeiträge durch die Bundesagentur für Arbeit (BA) erstattet werden– 24 bis 35 Prozent der sonst üblichen Lohnkosten. Zwar zahlen die Betriebe für die Ausfallstunden keine Löhne. Diese übernimmt teilweise die BA. Sie beteiligt sich zudem an den Beiträgen zur Kranken-, Pflege und Rentenversicherung der Kurzarbeiter. Die Unternehmen schultern jedoch die Lohnzusatzkosten für bezahlte Freistellungen wie den Urlaub oder für tarifliche Sonderzahlungen (Weihnachtsund Urlaubsgeld) auch während der Kurzarbeit in vollem Umfang.

Hinzu kommen in manchen Branchen tarifliche Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld. So müssen etwa die Chemiebetriebe das Kurzarbeitergeld auf bis zu 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts aufstocken– wobei Schichtzulagen und Zuschläge einbezogen sind. Insgesamt hat die Kurzarbeit die Betriebe laut lAB 2009 mit 4 bis 6 Mrd. € belastet– das sind rund 2 Mrd. € mehr, als die Arbeitnehmer tragen müssten.

Das schlägt sich in den Lohnstückkosten nieder. Sie sind in der Metallbranche im vergangenen Jahr um 21 Prozent gestiegen. Zusätzlich laufen auch bei verminderter Produktion die Kosten für die Abschreibung oder Wartung von Werkshallen und Maschinen weiter.

Diese Zusammenhänge sind auch bei den Gewerkschaften angekommen. IG Metall und IG BCE gehen ohne konkrete Lohnforderung in die Tarifverhandlungen. Stattdessen steht die Beschäftigungssicherung im Vordergrund. Die IG Metall fordert, die tariflichen Möglichkeiten zur Arbeitszeitverkürzung gegen Beschäftigungssicherung über die bisher möglichen fünf Stunden pro Woche hinaus auszuweiten, notfalls bis auf 26 Stunden.

Da die Gewerkschaft den Beschäftigten aber keine weiteren finanziellen Einbußen zumuten will, dringt sie auf einen teilweisen Lohnausgleich. Damit würden die Löhne je Stunde steigen. Dies kommt einer impliziten Lohnerhöhung gleich und musste deshalb an anderer Stelle kompensiert werden. Wer Beschäftigungssicherung zur Leitlinie der diesjährigen Tarifrunde macht, erhebt demnach nicht die "Nulllinie zur Ideallinie". Er investiert in Arbeitsplätze und stabilisiert auf diese Weise Kaufkraft.

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