Wenn der naive Glaube an die Zahl das Urteil trübt Image
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Griechenland befindet sich in einer dramatischen Situation. Das Land erfährt gerade, was es bedeutet, in einer Währungsunion die Regeln nicht einzuhalten. Die Regierung hat keine Alternative zu drastischen Einschnitten, um auch nur ein Mindestmaß an fiskalischer Handlungsfähigkeit wiederzugewinnen und an den Kapitalmärkten neues Vertrauen zu gründen. Diese Regierung trägt nicht die Verantwortung für die Fehler früherer Amtsträger, gleichwohl trifft sie die politische Haftung. Dem Fluch der Vergangenheit entgeht auch sie nicht.

Zwar ist es durchaus verständlich, wenn sie anderen eine Mitverantwortung anzudichten versucht. Gleichwohl ist solche ein Vorgehen nicht akzeptabel. Der griechische Ministerpräsident und sein Finanzminister haben den Partnern in der Europäischen Union vorgeworfen, bei der Entscheidung über den Beitritt Griechenlands zur Währungsunion nicht richtig geprüft zu haben. Hier schimmert ein verlogenes Verständnis von Haftung durch. Wie viel Schuld trifft den Kontrolleur, der eine Fälschung nicht erkennt? Welche Schuld verbleibt beim Fälscher?

Das Versagen der europäischen Institutionen, die finanzpolitische Situation Griechenlands angemessen einzuschätzen, darf heute einen Bruch maßgeblicher vertraglicher Regelungen nicht legitimieren. Jeder, der dieses fordert, lädt schwere Verantwortung für ein mögliches Scheitern dieses großen europäischen Projekts auf sich. Daran darf kein Zweifel bestehen. Doch eines wird uns durch den Fall Griechenland und seine politischen Arabesken auch vor Augen geführt: Der naive Glaube an die Zahl kann das wägende Urteil nicht ersetzen!

Es ist ein Zug unserer Zeit, bei Entscheidungen in der scheinbaren Objektivität der Zahl Entlastung zu suchen. Das Rating eines Wertpapiers oder eines Kredits macht die entsprechende Vorstandsvorlage revisionssicher, nach der Wertsubstanz wird nicht mehr gefragt. Nicht anders wirkt die Illusion der neoklassischen Finanzmarkttheorie, dass zu jeder Zeit jedem denkbaren Risikotatbestand ein informationseffizienter Marktpreis zugewiesen werden kann. Im Umfeld einer Bilanzierung, die stets den „echten“ Marktwert beansprucht, kommt es so zu einer großen Wertillusion.

Wenn wir informationseffiziente Preise also solche, die nicht durch enge Märkte verzerrt sind - nicht vorfinden, versuchen wir, diese zu simulieren. Dass wir uns dabei nur auf die Vergangenheit beziehen können, wird in der Deutung leicht vergessen. Wenn es anders nicht geht, dann helfen wir uns mit einer Benchmark, oder wir konstruieren Rankings. Das sind alles höchst hilfreiche Instrumente, wenn man weiß, wo ihre Grenzen liegen: Sie bieten eine verdichtete und konsistente Information, die im Zeitvergleich wie im Standortvergleich Orientierung gibt und den Wirkungsraum von Vorurteilen drastisch verengt. Ohne valide Daten stochern wir im Nebel.

Indes: Entlastung davon, dass man für eine Entscheidung immer die Verantwortung zu tragen hat, gewähren Daten nicht. Der Wunsch nach Entlastung hat viele Quellen. Man möchte der Auseinandersetzung oder dem Konflikt entgehen, der sich daraus ergibt, dass jede Entscheidung diskriminiert. Man möchte dem Erklärungsdruck entgehen, den ein klares Urteil gewöhnlich herausfordert. Man möchte die Unsicherheit überdecken, die unvermeidbar immer mitschwingt und die Überzeugungskraft der Entscheidungsbasis in Zweifel zu ziehen vermag. Man möchte Verlässlichkeit, wo Sicherheit nicht zu bekommen ist.

Auch die Zahl in ihrer unumstößlichen Präzision und Klarheit verführt uns zur Bequemlichkeit. Und sie offeriert eine Gewissheit des Augenblicks, den wir gern zur Ewigkeit verklären. Wenn es allenthalben üblich ist, das wägende Urteil durch den Report von Daten, Zahlenreihen oder Indikatoren zu ersetzen, dann verlernen wir, verantwortlich zu handeln. Nicht selten war in der Finanzkrise von Bankern zu hören, dass sie keine Verantwortung treffe, weil die Ratingagenturen ja alles mit Bestnoten versehen hätten und der Kapitalmarkt dies auch akzeptiert habe. Die reklamierte Unmündigkeit ist selbst verschuldet und exkulpiert einen deshalb nicht.

Die Kunst der konstruktiven Auseinandersetzung wird uns abhandenkommen, wenn wir die differenzierte Argumentation auf Basis der gewonnenen Daten nicht versuchen. Wer will für eine Sache streiten, wenn er doch nur auf den Algorithmus verweisen kann, denandere entworfen haben. Erinnern wir uns, welchen Aufschrei 1997 der damalige Finanzminister Theo Waigel mit seinem Hinweis auslöste, dass Italien unter den obwaltenden Umständen der Europäischen Währungsunion nicht angehören könne. Darum geht es: Wir müssen entscheiden, und wir müssen verantworten.

The Economic Effects of a Brexit on the UK
Gastbeitrag, 25. August 2016

Jürgen Matthes and Berthold Busch in European Financial Review The Economic Effects of a Brexit on the UKArrow

The results of a plethora of studies on the likely economic impact of a Brexit on the UK are rather confusing. In this article, IW economists Jürgen Matthes and Berthold Busch challenge the mainstream view and argue that the risks of a Brexit are likely to be underestimated. mehr