Deutschland hat den Sprint gewonnen Image
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Der Schock vom 15. September 2008 ist bei beiden noch präsent. Es war der Tag, als in Amerika die riesige Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, der Beginn der Weltwirtschaftskrise, vielleicht der folgenreichste Tag in ihrem Ökonomen-Leben. „Es war ein Riesen ding, ein Tsunami“, sagt Hans-Peter Klös, „ich fühlte mich als Zeitzeuge von etwas ganz Neuem, was unsere Zunft bisher noch nicht auf ihrer Kartografie draufhatte.“

Zwar wurde, so erinnert sich Rolf Kroker, das ganze Ausmaß der Verwüstungen erst nach und nach klar. „Aber der Eindruck war schon teilweise da, dass uns jetzt wirklich etwas wegkracht, das nicht mehr aufzubauen ist. Dieses Gefühl hatte ich in früheren Krisen so nicht.“

Und jetzt, im Juni 2010, der gemeinsame Blick auf eine Zwischenbilanz. 5,4 Millionen Menschen sind seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers in den USA arbeitslos geworden, per saldo und saisonbereinigt. In Deutschland waren es 54.000. Das liegt schon im Bereich der normalen monatlichen Schwankungsbreite. Die Welt spricht von einem neuen deutschen Beschäftigungswunder. Wie ist das zu erklären?

Rolf Kroker und Hans-Peter Klös haben auf dieses Thema einen unterschiedlichen Blickwinkel. Sie leiten die beiden Wissenschaftsbereiche des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Kroker („Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik“) ist eher für die harten Makro-Daten zuständig, Klös („Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik“) primär für das, was man früher einmal die „weichen Faktoren“ nannte. Der eine schaut vorrangig auf Rahmenbedingungen des Standorts Deutschland, der andere konzentriert sich auf die Betriebe, auf Themen wie Personalpolitik, Qualifizierung, Innovation.

Mit diesen unterschiedlichen Brillen betrachten die beiden promovierten Volkswirte Kroker und Klös, die hier seit 1981 und 1988 die deutsche Wirtschaft erforschen, die erstaunliche Arbeitsmarkt-Bilanz des Jahres 2010. Und wie in einem 3-D-Kino ergänzt sich das, was sie sehen, zu einem Gesamtbild.

„In Krisenzeiten zeigt sich die Verfasstheit eines Systems“, sagt Klös, der Mann fürs Feine. „Ich glaube, wir dürfen würdigend zur Kenntnis nehmen: Das nötige Ausmaß von interner Flexibilität ist in Deutschland in der Industrie offenbar gegeben.“ Es war ein langer Weg, den die Arbeitgeberverbände über Jahrzehnte eingeschlagen hatten und den die Gewerkschaften und auch die Politik am Ende mitgegangen sind. Interne Flexibilität in dieser Mega-Krise, das definiert Klös so: „Es ist die Möglichkeit von Unternehmen, im Rahmen eines gegebenen tarifpolitischen Geflechts richtig auf den dramatischen Einsturz des Arbeitsvolumens reagieren zu können.“ Der Abbau von Arbeitszeitkonten, das Anpassen der betrieblichen Arbeitszeit, natürlich auch der flexible Einsatz des vom Staat als stressmildernder Betablocker bereitgestellten Instruments der „konjunkturellen Kurzarbeit“: und das vor Ort ausgehandelt, zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft, ohne dass jemand daraus gleich eine Grundsatzdebatte ableitet, die man erst einmal zu Ende führen müsste. Die Unternehmen, so konstatiert der IW-Forscher, haben das beispiellose Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 4,9 Prozent im vergangenen Jahr bislang überwiegend intern ausgleichen können. „Die externe Flexibilität, also die Anpassung über Entlassungen und umgekehrt über schnelles Wiedereinstellen im Aufschwung – das ist in Deutschland eben viel weniger ausgeprägt als etwa in den USA.“

Es wird ja bekanntlich auch verhindert, durch den umfänglichen Kündigungsschutz in Deutschland. „Das haben wir immer wieder als Manko kritisiert“, stellt Klös klar, und er werde das auch in Zukunft tun, „schon allein wegen der vielen Langzeitarbeitslosen, die es im deutschen System viel schwerer haben, schnell zurückzukommen, wenn sie mal den Job verloren haben“. Doch das ist ein anderes Thema. „Auf diese Krise“, so lautet sein Befund, „hat auch der Rheinische Kapitalismus auf seine Weise angemessen, flexibel, schnell und adäquat reagiert“.

Aber Moment mal. „Ich will das nicht kleinreden“, meldet sich Kroker, der Makro-Ökonom, zu Wort. „Doch wir müssen natürlich auch aufpassen, dass wir jetzt nicht schon ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das alles gegessen ist.“ Denn einen Schönheitsfehler hat das deutsche Jobwunder schon. Die Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe, also die Arbeitskosten je Produkteinheit, tendierten im Zuge der Krise weltweit nach oben – weil die Fabriken weniger ausgelastet sind und ihre Kosten erst mit Verzögerung senken. Aber diese Kennziffer, ein wichtiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Industriestandorts, ist dies- und jenseits des Großen Teichs nicht in gleichem Maße gestiegen. In Deutschland lagen die Lohnstückkosten, wiederum saisonbereinigt, im vierten Quartal 2009 um 17 Prozent höher als im ersten Quartal 2008, vor der Krise. In den USA stiegen sie nur um 2 Prozent. „Die Amerikaner haben sich nicht so ein Kostenproblem eingehandelt“, konstatiert Kroker.

Er malt dabei nicht schwarz. „Es wird dieses Jahr in Deutschland nicht fünf Millionen Arbeitslose geben, wie es kurz nach dem starken Einbruch prognostiziert wurde“ – die deutsche Antwort auf die Krise habe durchaus ihre Strahlkraft. „Wir werden im Jahresdurchschnitt nicht mal die Vier vor dem Komma sehen, wahrscheinlich nicht einmal im Verlauf.“ Doch die Ergebnisse der IW-Frühjahrsumfrage, bei der seine Leute im April und Mai dieses Jahres 2.000 Unternehmen aus der gesamten deutschen Wirtschaft befragen ließen, sieht er durchaus mit Sorge. 31 Prozent der Firmen haben geantwortet: Wir sind merklich von der aktuellen Wirtschaftskrise betroffen – und wir werden auch 2011 noch nicht wieder so gut dastehen wie vor der Krise. Und von diesem knappen Drittel der Firmen meinten wiederum 70 Prozent: Wir müssen an den Personalbestand ran, da führt kein Weg dran vorbei.

Humankapital – das war 2004 das „Unwort des Jahres“. Der Begriff degradiere die Arbeitskräfte in den Betrieben, und den Menschen überhaupt, „zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“, befand eine Jury von Linguisten, die ihn im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache unter 1.218 eingereichten Vorschlägen als den vermeintlich allerunmöglichsten auswählte. Mit diesem Unwort werde die „primär ökonomische Bewertung aller Lebensbezüge gefördert“, die leider auch die Politik in Deutschland immer stärker beeinflusse. Das ist sechs Jahre her. Wenn sich der IW-Forscher Hans-Peter Klös die betriebliche Personalpolitik im Jahr 2010 anschaut, steht jetzt der gleiche Begriff erneut im Mittelpunkt: Humankapital.

Diesmal aber ist er positiv besetzt. Denn Klös nimmt wahr, dass viele Unternehmen genau deshalb vor Personalabbau zurückschrecken: um ihr Vermögen an Wissen, Erfahrung und eingespielten Arbeitsabläufen zu schützen. Zumal dieses immer schwerer zu ersetzen ist: „Wir sind in einer demografischen Zeitenwende – ich glaube, das Thema ist jetzt auch auf der Ebene der betrieblichen Entscheider angekommen.“ Der Fachkräftemangel, „das ist jetzt keine akademische Diskussion mehr“. In früheren Krisen sei sie ja in der Tat ziemlich schnell verstummt. „1992/93 war der schon damals diskutierte Ingenieurmangel sehr schnell gegenstandslos, weil viele ausgebildete Ingenieure damals in der Krise keinen Job bekommen haben.“ Und 2001, nach dem Platzen der New-Economy-Blase, „standen plötzlich die zuvor heißbegehrten IT-Leute auf der Straße“. Doch im Jahr 2010, so urteilt Klös, ist alles anders.

Inzwischen sei absehbar, dass die ersten Babyboomer-Jahrgänge allmählich in das rentennahe Alter kommen. „Was das für ihre Belegschaften bedeutet, haben mittlerweile die meisten Betriebe erkannt.“ Klös verweist auf die Bilanz auf dem Lehrstellenmarkt: Trotz der Wirtschaftskrise mit einem Rückgang der abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 8 Prozent hat sich die Knappheitssituation am Ausbildungsmarkt nicht zulasten, sondern zugunsten der Bewerber verändert. „Das Problem der demografischen Entwicklung ist so elementar“, konstatiert der IW-Forscher, „dass sich auch in der Krise das Bewusstsein durchgesetzt hat: Das Halten und Binden von Arbeitskräften und das zukünftige Rekrutieren sind zwei Seiten einer Medaille.“

Aber brauchen wir die Leute in Zukunft überhaupt noch? Jede vierte Auto-Fabrik weltweit sei überflüssig, urteilte auf dem Höhepunkt der Krise Ferdinand Dudenhöffer, der weithin beachtete Branchenexperte und Wirtschaftsprofessor an der Universität Duisburg-Essen. Die Medien reißen solche Moment-Betrachtungen gern aus dem Zusammenhang. Sie interpretierten die Absatzkrise als Ausdruck eines Strukturwandels, als Indiz für das nahende Ende des deutschen Geschäftsmodells, das angeblich allzu sehr auf die Industrie und auf den Export von Industrieprodukten setzt.

Die These, dass die deutsche Industrie enorme Überkapazitäten aufgebaut habe, ist griffig. Denn sie scheint abzubilden, was Millionen Deutsche in letzter Zeit an ihrem Arbeitsplatz erleben. So lag die Produktion von Metall und Elektro, dem mit rund 3,4 Millionen Beschäftigten bei weitem größten Industriezweig, im ersten Vierteljahr 2010 immer noch um 22 Prozent niedriger als im ersten Vierteljahr 2008. Die Zahl der Arbeitsplätze lag dagegen nur um 6 Prozent niedriger. Das ist der Kern des deutschen Jobwunders, die Stellenkonservierung unter den verschärften Bedingungen einer zumindest zeitweise weggebrochenen globalen Nachfrage. Und die Frage an Rolf Kroker, den Chef der Makroökonomik beim IW, lautet: Was wird sich am Ende an was angleichen – die Belegschaftsstärke an die Produktion oder zum Glück doch wieder die Produktion an die Belegschaftsstärke? „Ich stehe der These von den Überkapazitäten skeptisch gegenüber“, sagt Kroker mit einer Entschiedenheit, die viele im Land verblüffen mag. „Ich habe da ehrlich gesagt wirklich keine große Sorge. Ich bin auch kein Skeptiker des deutschen Geschäftsmodells.“

Er verweist auf die Bevölkerungsprognose der Uno: Bis 2050 wird die Zahl der Erdenbürger von 6,8 auf 9,2 Milliarden steigen. Und sieben von zehn Menschen, statt fünf von zehn wie heute, werden in Ballungsräumen leben. Die bräuchten alle möglichen Güter – und wegen der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen vor allem intelligente, energiesparende Technik. „90 Prozent der Forschung finden in der Industrie statt – da werden die Lösungen für die Probleme der Zukunft erdacht.“ Und mit trockenem Humor setzt er hinzu: „Da die Welt jede Menge Probleme hat und auch in Zukunft noch bekommen wird, habe ich um die Industrie überhaupt keine Angst.“

Aber wie steht es speziell um die Produktionsstätten in Deutschland? Auch da ist Kroker grundsätzlich zuversichtlich, trotz seiner Sorge um den krisenbedingten Anstieg der Lohnstückkosten. Was diese Sorge angeht, formuliert er nämlich zwei Szenarien. „Wenn die Erholung schnell und dauerhaft ist“, so sieht das erste Szenario aus, „dann kann das deutsche Modell möglicherweise einen Sieg davontragen. Das heißt, die Lohnstückkosten bilden sich dann auch relativ schnell wieder zurück – und die Betriebe müssen, anders als ihre amerikanischen Konkurrenten, nicht erst wieder aufwendig neue Mitarbeiter suchen und einarbeiten.“

Das andere Szenario geht so: „Wenn die Erholung aber eher ein mühsamer Prozess wird, eher eine Seitwärtsbewegung, dann sind möglicherweise die Amerikaner im Vorteil – weil sie sich dieses Kostenproblem gar nicht erst an den Hals geholt haben, das wir jetzt ein Stück weit mitschleppen müssen.“ Für eine endgültige Beurteilung sei es noch zu früh. „Aber ich bin Optimist genug zu glauben, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.“

Falls es tatsächlich eine Erfolgsgeschichte wird, dann wird es zuvorderst eine Erfolgsgeschichte der Tarifparteien, vielleicht ihre größte, eine historische, die so manchen skeptischen Beobachter zu einer Neubewertung bringt. „Tarifkartell“, haben sie all die Jahre geunkt – und den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften vorgeworfen, mit ihren Vereinbarungen die Stammbelegschaften in der Industrie künstlich vor dem rauen Wind des globalen Wettbewerbs zu schützen, zulasten der Arbeitslosen und mitunter auch der Steuerzahler, und dadurch letztlich den Strukturwandel zu blockieren.

Doch das deutsche Jobwunder ist ein neues, ein starkes Argument. Kroker begründet seinen Optimismus gerade mit dem Zusammenwirken der Tarifparteien: „Sie haben einen guten Job gemacht – in der Krise, aber auch schon vorher.“ Bereits in den vergangenen Jahren habe man „ganz ordentliche“ Abschlüsse hinbekommen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Produktion am Standort Deutschland verbessert hätten, „und zwar nachhaltig“.

Und was in dieser Krise noch mehr zählte, war die neu gewonnene Flexibilität. „Die Tarifparteien der Metall- und Elektro-Industrie haben in denvergangenen Jahren bislang unbekannte betriebliche Freiräume geschaffen. Und das gab denen, die jetzt auf den Produktionseinbruch reagieren mussten, mehr Optionen als nur zu sagen: Wir reduzieren einfach die Zahl der Arbeitsplätze.“

Natürlich könne das noch kippen, zurück zu Trillerpfeifen, roten Fahnen und bewusst unrealistischen Lohnforderungen. Aber Kroker hält es durchaus für wahrscheinlich, dass sich hier etwas dauerhaft verändert. „Ich glaube, dass es als Ergebnis der Krise einen Reputationsgewinn für das Tarifgebilde geben kann, so wie wir es haben. Das ist eine Chance, ich begrüße das sehr. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass damit am Ende auch die Tarifbindung wieder zunimmt.“

Hans-Peter Klös setzt noch einen drauf. Auch auf der betrieblichen Ebene könnte die Erfahrung, dass man eine äußerst schwierige Zeit gemeinsam durchgestanden hat, vielleicht auch für die Zukunft nachwirken. „Die betriebliche Mitwirkung, das muss man sagen, kann unter bestimmten Bedingungen eben auch zu diesem deutschen Geschäftsmodell gehören.“ Schließlich hätten die betrieblichen Bündnisse im Kern deshalb funktioniert, weil Geschäftsleitung und Belegschaft gemeinsam das Beschäftigungsrisiko zumindest teilweise in ein Einkommensrisiko abgemildert hätten. „Das Bild muss da durchaus vielschichtig sein und zwischen betrieblicher und überbetrieblicher Mitwirkung unterscheiden“, betont er.

Auch dies ordnet sich ein in die große Frage: Wie schaffen wir es, im globalen Spiel am Ball zu bleiben? Das deutsche Geschäftsmodell, so sieht es Klös, steht auf vier Säulen. Eine davon ist das Miteinander von Geschäftsführung und Belegschaft. Die zweite Säule ist die Tarifautonomie, die dritte das System der dualen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Und die vierte Säule, das werde oft übersehen, sei die Priorität für die MINT-Qualifikationen in weiten Teilen unseres Bildungssystems. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik: „Ohne diese Grundausbildung, die wir haben im Land, können wir nicht als Ausrüster der Welt diesen andauernden exportgetriebenen Erfolg haben.“

Man kann den Gedanken auch umdrehen. Das in Jahrzehnten aufgebaute Profil als Exportnation wurzelt tief in der deutschen Kultur. Und wer glaubt, das Erfolgsmodell unserer Volkswirtschaft im Zuge der Krise kurzerhand zur Disposition stellen zu können, der hat es nicht wirklich verstanden.

Wäre noch über die Schulden-Orgie zu sprechen. Um gigantische 16 Prozentpunkte, von 66 auf 82 Prozent, wird sich laut aktueller Prognose der EU-Kommission zwischen 2008 und 2011 der Anteil der deutschen Staatsschulden an der Wirtschaftsleistung erhöht haben, die riskanten Bürgschaften in hoher dreistelliger Milliardenhöhe für Banken und klamme Euro-Staaten sind da noch gar nicht mit drin. Allein für die Kurzarbeit hat die Allgemeinheit im vergangenen Jahr rund sechs Milliarden Euro hingelegt, so eine Hochrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Die Betriebe hat die Kurzarbeit fünf Milliarden gekostet, die betroffenen Arbeitnehmer drei Milliarden. Ging es nicht billiger? Musste das deutsche Jobwunder, das die Tarifparteien maßgeblich organisiert haben, so teuer alimentiert werden?

Für einen Ökonomen wie Rolf Kroker, der jahrzehntelang über die Forderung nach staatlichen Konjunkturprogrammen kategorisch den Kopf geschüttelt hat, ist das natürlich eine knifflige Frage. Doch auch hier kommt die Antwort mit Nachdruck: „Die Politik hat sich im Großen und Ganzen gut geschlagen.“ Seine Begründung: Durch den von der US-Immobilienkrise ausgelösten Kollaps des globalen Finanzsystems im September 2008 ist Deutschland erstmals seit 1967 in eine Rezession geschlittert, die wirklich durch einen Nachfrageschock ausgelöst worden ist. „Das waren jetzt keine Verwerfungen auf der Angebotsseite, wie die Ölkrisen oder irgendwelche überzogenen Lohnsteigerungen, sondern da ist wirklich Nachfrage weggebrochen. Und wir haben immer gesagt: Für solche Fälle gibt es auch die keynesianische Rezeptur, und dann soll man sie durchaus anwenden.“

Immerhin ist der britische Ökonom Sir Maynard Keynes (1886–1946) einer der fünf bedeutenden Vordenker, die aus dem Empfangsraum des IW Köln auf das Rheinufer blicken – neben Walter Eucken, Friedrich August von Hayek, Joseph Schumpeter und Adam Smith. In bestimmten Situationen, so lautet seine zentrale Botschaft, muss der Staat die Wirtschaft stabilisieren. Diesmal musste er tatsächlich ran, sagt Kroker, auch in dieser Größenordnung. Allerdings: „Dass man da auch Fehler gemacht hat, ist klar. Die eine Milliarde Euro für die Hotellerie im Wachstumsbeschleunigungsgesetz ist selbst unter Keynesianischen Gesichtspunkten jetzt nicht unbedingt der Bringer.“

Da ist man sich einig: Mehr als ein Nachtwächter sollte der Staat schon sein. „Wir müssen unseren Blick insgesamt dafür schärfen“, ergänzt Klös, „inwieweit öffentliche Ausgaben konsumtiv oder investiv sind“. Das sei eben auch mit Blick auf das Humankapital wichtig. „Haben Staatsausgaben in dieser Hinsicht einen investiven Ertrag?“ Qualifizierung in der Kurzarbeit, das sei so eine Idee in dieser Richtung gewesen. Auch wenn das Ergebnis nicht immer den Erwartungen entsprochen habe.

5,4 Millionen zusätzliche Arbeitslose in den Vereinigten Staaten, 54.000 in der Bundesrepublik: Da mag man noch einwenden, dass die USA ökonomisch viermal so groß sind wie Deutschland oder dass hier und da die Statistik nicht ganz vergleichbar ist – aber dass die deutsche Zwischenbilanz vergleichsweise wunderbar ist, daran gibt es nichts zu deuteln. Doch das ist keine Garantie für die Zukunft. Denn Zuversicht, wie sie die beiden IW-Forscher für Deutschland formulieren, hört man ja umgekehrt auch aus den USA.

So urteilt etwa der renommierte Ökonom Adam S. Posen, der schon für verschiedene Zentralbanken und Ministerien in Amerika, Europa und Japan arbeitete und derzeit am Washingtoner Thinktank Peterson Institute for International Economics über die Wettbewerbsfähigkeit der großen Wirtschaftsblöcke forscht: „Deutschland hat den Sprint gewonnen – aber das Rennen bleibt offen.“

In der Tat ist die Industrieproduktion in den USA schon wieder näher am Vorkrisen-Niveau, als dies in Deutschland der Fall ist. Rolf Kroker merkt allerdings an: Nach dem klassischen Muster hätte die US-Beschäftigung auf den Produktionsanstieg stärker reagieren müssen. Dass sie es nicht tat, deute auf neuartige, strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt. „Klar, es geht um die Frage der Konstitution“, sagt Hans- Peter Klös. „Aber mit der Sprint-Qualifikation hat sich Deutschland in den letzten Jahren auch insgesamt fit gemacht. Ich kann mir vorstellen, dass aus dem Sprinter durchaus ein Mittelstreckler werden kann.“

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