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Der kräftige Aufschwung der deutschen Wirtschaft lässt vergessen, wo wir herkommen: aus dem tiefsten Absturz von Produktion und Handel seit dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt 2009 um 4,7 Prozent schrumpfte, erleben wir in diesem Jahr eine Korrektur. Wir sind aber noch nicht in der Normalität angekommen, sondern nur auf dem Weg der Normalisierung. Allerdings deuten alle Indikatoren darauf hin, dass die Konjunkturerholung – wenn auch mit geringerer Dynamik als im zweiten Quartal 2010 – im nächsten Jahr anhält.

Man kann weiter gehen und die These von einem langen Aufschwung begründen. Denn mit der Überwindung der großen Krise, die sich für die Industrie als Wachstumspause, nicht aber als Strukturbruch erwiesen hat, wurde deutlich, dass die deutsche Wirtschaft mit ihrer Spezialisierung auf industrielle Kompetenz in besonderer Weise von den Trends im globalen Strukturwandel profitiert. Das ist keine Kurzgeschichte.

Damit verbindet sich zugleich die Aussicht auf einen höheren Wachstumstrend in Deutschland. In der ersten Hälfte des Jahrzehnts lag das Wachstumspotenzial der Wirtschaft nur bei knapp einem Prozent. Bis zur Krise stieg es infolge der Strukturreformen der Agenda 2010 und einer Lohnpolitik, die den Erhalt von Arbeitsplätzen in den Vordergrund stellte, auf 1,75 Prozent. Offenkundig knüpft die deutsche Wirtschaft nun wieder hieran an.Sogar zwei Prozent scheinen möglich zu sein.

Setzt man diese Entwicklung in den internationalen Kontext, dann fällt eine erstaunliche Konvergenz der Wachstumspfade in Deutschland und in den Vereinigten Staaten bei rund zwei Prozent ins Auge. Doch während Deutschland damit erstmals seit längerem sein Potenzial wieder nachhaltig ausschöpft, entwickelt sich die US-Wirtschaft deutlich unterhalb ihrer Möglichkeiten, die angesichts der günstigen Bevölkerungsentwicklung und der Arbeitsproduktivität eher bei drei Prozent liegen.

Nach der Krise erweisen sich nun in vielen Ländern wieder Strukturaspekte als bedeutsam. Für die USA sind besonders drei Punkte zu nennen: Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, die besondere Abhängigkeit von der Finanzbranche und Probleme aufgrund der Vermögensentwicklung der privaten Haushalte. In Deutschland gilt es auf der einen Seite, die Auslands- und Inlandsnachfrage als Wachstumstreiber besser auszubalancieren. Auf der anderen Seite steht die Zukunftsfähigkeit der industriellen Wertschöpfung und der damit verbundenen starken Exportorientierung im Blickpunkt.

Die Perspektiven der deutschen Industrie im Verbund mit den passenden Dienstleistern sind nicht gottgegeben günstig. Es bedarf dafür dauerhafter Anstrengungen. Hierbei treten zunehmend Ressourcenfragen in den Vordergrund. Erstens: Wie beantworten wir den Fachkräftemangel? Dabei müssen wir alle denkbaren Instrumente nutzen: Qualifikation von Arbeitslosen, Anerkennung gleichwertiger Abschlüsse von Migranten, bedarfsgesteuerte Zuwanderung. Zweitens: Wie sichern wir die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe? Hier bedarf es vermehrter internationaler Anstrengungen für einen fairen Zugang zu Ressourcenbeständen, und die Materialforschung muss intensiviert werden. Bedeutsam ist ebenso eine Energieproduktion, die gleichermaßen umweltverträglich und zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar ist. Das Energiekonzept der Bundesregierung lässt dazu viele Fragen offen.

Die industrielle Wertschöpfung in Deutschland ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie innovativ, dienstleistungsergänzt, kundenorientiert und preislich adäquat ist. Das ist freilich nicht selbstverständlich. Wir verschenken gewaltige Potenziale an Innovationskraft, weil wir in Deutschland eines der wenigen Industrieländer sind, das auf eine allgemeine steuerliche Forschungs- und Entwicklungsförderung verzichtet. Das zu ändern hat die Regierung im Koalitionsvertrag verankert. Es sollte nun umgesetzt werden. Diese politische Investition dürfte sich schnell amortisieren. Schließlich gilt auch für diesen Aufschwung der Industrie: Lohnpolitische Vernunft bleibt das Gebot. Die Tatsache, dass zunehmend Arbeitskräfte knapp werden und nicht mehr per se Arbeit knapp ist, dürfte auf mittlere Sicht die Lohnpolitik beeinflussen. Allerdings erfordert dies deutliche Differenzierungen auf der betrieblichen Ebene. So wird sich die Lohnstruktur nach Kompetenzen und Branchen deutlich verändern. Es ist wichtig, dass die Tarifpolitik dafür durch beschäftigungsorientierte Abschlüsse hinreichend Raum lässt.

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