21. Januar 2013

Armut

Die Flut hebt alle Schiffe

Wirtschaftswachstum ist die beste Medizin gegen Armut. Doch in manchen Ländern wirkt das Mittel besser als in anderen.

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Das Wirtschaftswachstum in China und Indien ist in den vergangenen Jahrzehnten geradezu explodiert. Gleichzeitig schrumpfte die Zahl der Armen dort so schnell wie nie zuvor. Ganz anders entwickelte sich Afrika: Südlich der Sahara dümpelt die Wirtschaft schon seit langem vor sich hin. In manchen Ländern Afrikas hat sich die Armut sogar noch vergrößert.

„Wachstum ist der sicherste Weg, um eine Gesellschaft von Armut zu befreien“, so die Meinung der Weltbank. Die wohl wichtigste Institution der Entwicklungshilfe untersucht alle drei Jahre, welche Fortschritte im Kampf gegen Armut zu verzeichnen sind. Ihrer Definition zufolge gilt als absolut arm, wer mit einer Kaufkraft pro Tag auskommen muss, die 1,25 US-Dollar im Jahr 2005 entspricht. Demnach sind Industrieländer wie Deutschland so gut wie frei von absoluter Armut. In Ländern wie Nigeria und Tansania dagegen hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mal das Nötigste zum Leben.

Weltweit hat sich die Zahl der bitter Armen zwischen 1990 und 2011 von 1,9 auf etwa 1 Milliarde verringert. Dieser Rückgang ist umso beachtlicher, als die Weltbevölkerung in dieser Zeit rasant wuchs – um etwa 1,4 auf fast 6 Milliarden Menschen. Der Anteil der Armen sank also von 43 auf 17 Prozent. Damit haben die Vereinten Nationen ihr im Jahr 2000 selbst gestecktes Milleniumsziel, die Armut bis 2015 gegenüber 1990 zu halbieren, vorzeitig erreicht.

Dass das Wirtschaftswachstum entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen hat, ist unumstritten. In welchem Ausmaß jedoch ein steigendes Bruttoinlandsprodukt gegen Armut hilft, war lange unbekannt. Die beiden Ökonomen David Dollar und Aart Kraay wollten es genau wissen und haben die Daten aus 92 Ländern über einen Zeitraum von 40 Jahren hinweg analysiert. Das Ergebnis der Studie: Die Einkommen des ärmsten Fünftels sind im Durchschnitt prozentual genauso schnell gestiegen wie die Durchschnittseinkommen. Oder anders ausgedrückt: Die Flut hebt alle Schiffe.

Eine Aufforderung, sich entspannt zurückzulehnen und das Wachstum machen zu lassen, ist die Studie aber nicht. Denn Dollar und Kraay betrachteten nur den Durchschnitt. In einzelnen Ländern profitierten die Armen stärker, in anderen schwächer. Länderspezifische Besonderheiten können also ein „Durchsickern“ des Wachstums begünstigen oder hemmen. Die „Breitenwirksamkeit“ des Wachstums, wie Entwicklungsökonomen sagen, hängt zum Beispiel davon ab, in welchen Regionen und Sektoren die Wirtschaft wächst. Wenn nur jene Branchen expandieren, mit denen die Armen nichts zu tun haben, nutzt ihnen das gar nichts. Steigende Ölpreise zum Beispiel helfen in erster Linie den ohnehin wohlhabenden Ressourcenbesitzern. Im schlimmsten Fall kann derartiges Wachstum die Armut sogar vergrößern. Wenn etwa die Rohstoffexporte steigen, kann sich die Währung des Exportlandes verteuern - und damit auch die Ausfuhrpreise der anderen Wirtschaftszweige. Dadurch sinken die Chancen der Armen, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Umgekehrt gilt: Arme profitieren am meisten, wenn jene Wirtschaftszweige und Landstriche prosperieren, in denen viele von ihnen leben und arbeiten. Indien und Lateinamerika zeigen, wie es gehen kann: Dort erhöhte neues Saatgut in den 1960er Jahren die Erträge der Landwirtschaft. Die sogenannte Grüne Revolution verbesserte vor allem die Situation von armen Bauern. Eine gute Regierung investiert daher in Agrarforschung und schließt ländliche Regionen an das Strom- und Wassernetz an - statt beispielsweise mit anderen Staaten ein Ölkartell zu schmieden.