10. August 2010

Ursache, Geschichte und Bedrohung

Die Globalisierung ist einerseits auf technologische Ursachen zurückzuführen. Neue Transportsysteme sowie das Internet ließen die Transport- und Kommunikationskosten sinken. Andererseits hat die Politik bewusst der internationalen Arbeitsteilung den Weg bereitet, indem sie den Handel von gesetzlichen Fesseln befreit hat. Allerdings gab es in der Geschichte immer wieder protektionistische Rückschläge.

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Die Ursachen der Globalisierung sind technologischer und politischer Natur. Technologisch bedingt sind Transport- und Kommunikationskosten immer weiter gesunken – und haben die Länder einander näher gebracht. Beim Flugverkehr etwa dürften die Kosten durch immer größere Maschinen seit 1930 um weit mehr als 80 Prozent zurückgegangen sein. Beim Schiffsverkehr hat die Container-Revolution dafür gesorgt, dass die massiven Energiepreisschübe kaum auf die Transportkosten durchschlugen.

Computer, Satellit, Internet, Handy und I-Phone haben darüber hinaus die Kommunikation revolutioniert, jeden fast überall erreichbar gemacht und die Welt in dieser Hinsicht in ein globales Dorf verwandelt. Die Möglichkeiten sind gestiegen, die Kosten gesunken. Ein dreiminütiges Telefongespräch von New York nach London kostet heute nur noch wenige Euro-Cents, während im Jahr 1930 noch 250 Dollar und selbst im Jahr 1990 noch 3,32 Dollar gezahlt werden mussten.

Politischer Natur sind folgende Entwicklungen:

  • Bis heute gab es bei den multilateralen Verhandlungen des vormaligen GATT (General Agreement on Tariffs and Trade – Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) acht Runden, bei denen die Zölle auf Industriewaren um über 80 Prozent gesenkt wurden. Der Durchschnitt der Industriezölle liegt in der EU heute bei knapp 4 Prozent und in den USA bei unter 3,5 Prozent. Als ein wichtiges Ergebnis der letzten Uruguay-Welthandelsrunde (1986 bis 1993) wurde zudem im Jahr 1995 die Welthandelsorganisation (WTO) mit Sitz in Genf gegründet. Seit 2001 läuft die neunte Doha-Welthandelsrunde – allerdings bislang mit nur sehr enttäuschenden Ergebnissen und vielen verpassten Deadlines. Eine Einigung ist freilich schwierig, da über eine große Vielfalt von Themen verhandelt wird und inzwischen 153 Staaten am Verhandlungstisch in Genf sitzen, von denen jeder ein Veto-Recht hat.
  • Aus deutscher Sicht ist wichtig, dass die Wirtschaftsintegration in Europa große Fortschritte gemacht hat – mit dem Europäischen Binnenmarkt, verschiedenen Erweiterungen der Europäischen Union und mit der Europäischen Währungsunion.
  • Schließlich spielen politische Faktoren ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Öffnung von China, Indien und den ehemaligen Ostblockstaaten für die Globalisierung. Vor allem wegen der stärkeren Weltmarkt-Integration dieser Staaten hat sich das weltweite Arbeitsangebot seit den achtziger Jahren immens erhöht.

Die Globalisierung ist sicherlich kein neues Phänomen. Grenzüberschreitende Handelsbeziehungen gab es schon in der Antike – etwa bei den Phöniziern oder den Römern, im Mittelalter mit Blick auf Marco Polo oder im Zuge der Entdeckungsreisen und der kommerziellen Erschließung Amerikas. Allerdings war die Geschichte der Globalisierung ein Auf und Ab, bei dem es immer wieder auch Rückschläge gab, etwa den Niedergang der Römer, den Rückzug Chinas von den Weltmeeren im ausgehenden Mittelalter oder den Protektionismus im Rahmen des französischen Merkantilismus oder der deutschen Kleinstaaterei. Ein wichtiger zwischenzeitlicher Globalisierungsschub fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg statt. Er war ebenfalls getrieben von Kostensenkungen für den Transport – Eisenbahn und Dampfschifffahrt – und für die Kommunikation – Telegraph, transatlantisches Unterwasserkabel – sowie – ausgehend vom Vereinigten Königreich – von Zollsenkungen. Diese wurden freilich in Kontinentaleuropa als Reaktion auf die „Getreideinvasion“ aus Amerika teilweise wieder rückgängig gemacht. Trotzdem war die Handelsoffenheit vor dem Ersten Weltkrieg so groß wie erst wieder in den 1970er Jahren, weil es in der Zwischenkriegszeit erneut zu einem gravierenden protektionistischen Rückschlag kam.

Doch die damaligen Verflechtungen, die neben engen Handelsverbindungen auch erhebliche Kapital- und vor allem Auswanderungswellen nach Amerika umfasste, waren nicht ganz so intensiv wie heute. So hatten sich damals deutlich weniger Länder aktiv in die Weltwirtschaft eingeklinkt. Zudem war es nicht möglich, ohne Zeitverzug über die Finanzmärkte der Welt informiert zu sein, neue Produkte in verschiedenen Zeitzonen rund um die Uhr entwickeln zu lassen oder multinationale Produktionsnetzwerke aus der Zentrale zu steuern und auf Just-in-time-Zulieferungen zu trimmen.

Wenn der Abbau der Handelshemmnisse eindeutig politisch gesteuert ist, heißt das aber zugleich, dass die Globalisierung auch heute nicht unumkehrbar ist, wie oft behauptet wird. Tatsächlich haben sich in der letzten Dekade nennenswerte zivilgesellschaftliche Widerstände gegen die Globalisierung formiert. Zudem waren die Folgen der Finanzkrise Anlass für ein Aufflackern des Protektionismus weltweit, wenngleich es nicht zu einem Flächenbrand gekommen ist. Merkliche Zollerhöhungen gab es etwa in Russland, Indien und Ecuador, doch auch Länder wie Argentinien, Indonesien und Malaysia haben den Handel durch neue bürokratische Vorschriften erschwert. Viele Industrieländer haben zudem die Finanz- und Autoindustrie stark subventioniert; aus den Bürgschaften dürften sie nun nach und nach wieder aussteigen. Gleichwohl haben diese Stützungsmaßnahmen zu Wettbewerbsverzerrungen geführt, unter denen gerade die Entwicklungs- und Schwellenländer leiden, die sich solch kostspielige Hilfen oft nicht leisten können. Auch in Reaktion darauf ist die Zahl der Strafzoll-Verfahren gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern im Jahr 2009 merklich, aber nicht übermäßig gestiegen. Alles in allem blieb der Welt eine protektionistische Eskalation wie in den 1930er Jahren erspart.

Manche Experten glauben, dass in naher Zukunft der Druck auf die Politik noch einmal zunehmen könnte, weitere protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, weil in vielen Ländern die Arbeitslosigkeit zunimmt. Das mag im Fall eines erneuten Konjunktureinbruchs richtig sein, doch sollte sich die globale Konjunktur wie zuletzt stabilisieren und wieder langsam erholen, dürfte diese Sorge übertrieben sein. Gleichwohl spricht manches dafür, dass die Globalisierung in Zukunft langsamer fortschreitet als vor der Krise, auch weil sie durch die in dieser Zeit errichteten – wenngleich begrenzten – Handelsbarrieren gebremst wird. Die Globalisierung könnte des Weiteren behindert werden durch die erhöhten Sicherheitsanforderungen im Rahmen der Terrorismusbekämpfung, welche die Kosten des internationalen Handels erhöhen – etwa durch bürokratische Auflagen, Kontrollen und Zeitverzögerungen. Die Transportkosten steigen zudem in Zukunft sehr wahrscheinlich auch, weil die Energiepreise – unter anderem wegen erhöhter Klimaschutzanforderungen – zunehmen dürften.

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