26. September 2013

Armut

Mit Maß und Mitte

Armut bedeutet in weiten Teilen Afrikas etwas völlig anderes als in Europa oder Nordamerika. Doch selbst in den reichen Ländern gibt es zu viele Menschen in Not – ihre Zahl wird aber überschätzt.

Armut Image

Die Weltbank, die wohl wichtigste Institution der Entwicklungshilfe, bezeichnet jene als absolut arm, die am Tag mit weniger Kaufkraft auskommen müssen, als 1,25 US-Dollar im Jahr 2005 Wert waren. Demnach sind Industrieländer wie Deutschland so gut wie frei von Armut. In Ländern wie Nigeria und Togo sind dagegen mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen. Immerhin hat sich weltweit die Zahl der bitter Armen von 1990 bis 2011 von 1,9 auf etwa 1 Milliarde verringert. Dieser Rückgang ist umso beachtlicher, als die Weltbevölkerung in dieser Zeit rasant wuchs.

Für Industrieländer sagt die Armutsdefinition der Weltbank natürlich wenig aus. Für reiche Staaten ist deshalb die relative Einkommensarmut das gebräuchliche Maß: Darunter fallen alle, die über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügen. Der Median teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen: Die eine Hälfte hat mehr Geld, die andere weniger. Daran gemessen betrug der Armenanteil 2014 in Deutschland 15,4 Prozent; etwas weniger als der Durchschnitt der EU-Staaten. Allerdings liegt der Schwellenwert für einen Alleinlebenden in Deutschland mit knapp 1.000 Euro auch etwa doppelt so hoch wie zum Beispiel in Portugal.

Trotz ihrer Popularität ist die relative Einkommensarmut also kein geeigneter Maßstab für Armut, denn auch unterhalb der 60-Prozent-Grenze ist in vielen Fällen ein passabler Lebensstandard möglich, etwa wenn die statistisch Armen im eigenen Haus wohnen oder Unterstützung von Verwandten bekommen. So fallen beispielsweise viele Studenten unter die Armutsschwelle, obwohl viele von ihnen ihr Leben sicherlich als privilegiert bezeichnen würden. Die Europäische Kommission zieht deshalb einen weiteren Wert zu Rate: die Deprivation oder auch materielle Entbehrung. Diese liegt vor, wenn vier von neun Grundbedürfnissen aus finanziellen Gründen nicht befriedigt werden können. Dazu gehört unter anderem, die Wohnung angemessen zu heizen und sich mindestens jeden zweiten Tag eine warme Mahlzeit mit Fisch oder Fleisch leisten zu können.

Die EU betrachtet also nur jene Menschen als arm, die gleichzeitig ein geringes Einkommen haben und zudem auf vieles scheinbar Selbstverständliches verzichten müssen. Gutverdiener, die ihr Geld verprassen und deshalb Pleite sind, fallen nicht unter diese Definition – ebenso wenig wie Geringverdiener, die dank ihrer Ersparnisse oder einer disziplinierten Haushaltsführung gut zu Recht kommen. In Deutschland gelten demnach etwa 3 Prozent der Menschen als arm. Die niedrigsten Werte in Europa verzeichnen die skandinavischen Länder, Luxemburg und Holland; die osteuropäischen Staaten die höchsten (siehe Grafik).

Diese Teilung des Kontinents zeigt sich auch, wenn man weitere Indikatoren hinzuzieht. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat zusätzlich zu den beiden Indikatoren der EU-Kommission die Einschätzungen der Betroffenen berücksichtigt, nämlich die sogenannte subjektive Armut und die finanzielle Anspannung (siehe unten). Auch hier zeigt sich das gewohnte Gefälle mit Dänemark auf dem ersten und Bulgarien auf dem letzten Platz.

  • Für den Indikator der subjektiven Einkommensarmut legen die Befragten den Schwellenwert selbst fest: Zunächst wird gefragt, wie hoch das Mindesteinkommen wäre, mit dem der Haushalt gerade zurechtkommen würde. Dann wird gefragt, wie hoch das tatsächliche Einkommen ist. Liegt dieses deutlich unter dem gewünschten Mindesteinkommen, gilt der Haushalt als arm.
  • Die finanzielle Anspannung gibt Auskunft darüber, wie gut eine Haushaltsgemeinschaft mit ihrem Einkommen zurechtkommt. Selbst wenn keine Deprivation vorliegt, kann eine Situation als finanziell angespannt gesehen werden, wenn die Ansprüche hoch sind. Umgekehrt ist es möglich, dass Haushalte gut mit einem niedrigen Einkommen zurechtkommen, weil die Ansprüche niedrig sind.

IW-Trends

Christoph Schröder: Armut in Europa

IconDownload | PDF

Ansprechpartner