21. Januar 2013

Nachfrage

Investitionen spielen Doppelrolle

Die Nachfrage bestimmt, wie viele Güter und Dienstleistungen produziert werden. Eine Obergrenze setzen die Produktionskapazitäten. Langfristig kann die Wirtschaft deshalb nur durch Investitionen wachsen.

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Mehr als drei Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts fließen in den Konsum. Von den rund 2.600 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung des Jahres 2011 gaben die Bundesbürger fast 1.500 Milliarden Euro für Waren und Dienste aus, die sie entweder sofort oder nach und nach verbrauchten. Für Lebensmittel, Wohnung, Reisen und all die anderen schönen Dinge des Lebens gaben die Deutschen 2011 im Schnitt 18.000 Euro aus. Auch der Staat konsumierte kräftig, nämlich gut 500 Milliarden Euro, um seine Behörden, Krankenhäuser und Kasernen zu unterhalten. Von den restlichen 600 Milliarden Euro des Bruttoinlandsprodukts entfielen 460 Milliarden Euro auf die Investitionen der Unternehmen, zum Beispiel in Bürogebäude und Werkshallen. Und weil Deutschland als „Ausrüster der Welt“ mehr exportierte als importierte, erwirtschaftete das Land zudem einen Exportüberschuss von 130 Milliarden Euro, auch Außenbeitrag genannt.

Privater Konsum, Staatsausgaben, Investitionen und Außenbeitrag addieren sich zur gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Diese entscheidet, wie viel die Unternehmen umsetzen und wie hoch letztendlich das Bruttoinlandsprodukt ausfällt. Die Gewichte der einzelnen Größen unterscheiden sich von Land zu Land. Die skandinavischen Staaten zum Beispiel lassen traditionell viele Aufgaben vom Staat erledigen. Entsprechend groß ist dort der Staatskonsum. In den südeuropäischen Ländern konsumieren sowohl der Staat als auch die Privaten überdurchschnittlich viel – und wie die Eurokrise zeigt: zu viel. Die Chinesen dagegen sparen so fleißig wie kaum eine andere Nation, ihr Konsum ist daher schwach ausgeprägt. Dafür fallen die aus den Ersparnissen bestrittenen Investitionen umso höher aus.

Für das Bruttoinlandsprodukt spielt es keine Rolle, ob die Unternehmen ein Konsumgut wie ein Motorrad oder ein Investitionsgut wie einen Gabelstapler herstellen. Beide Güter lasten die Kapazitäten der Unternehmen aus und sorgen dafür, dass die Wirtschaft wächst. Dem Wachstum sind allerdings Grenzen gesetzt, wenn das Maximum der Produktionskapazitäten erreicht ist. Sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft, kann die Wirtschaft nur wachsen, wenn die Kapazitäten erweitert werden, und das geht nur durch Investitionen. Um im Beispiel zu bleiben: Im Gegensatz zum Motorrad erhöht der Gabelstapler die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft, denn mit seiner Hilfe können neue Dinge hergestellt werden. Investitionen spielen also eine Doppelrolle: Sie lasten einerseits das Produktionspotenzial der Gegenwart aus und erhöhen andererseits das der Zukunft.

Auch in anderer Hinsicht haben Investitionen eine besondere Bedeutung: Sie transportieren den technischen Fortschritt. Neue Maschinen und Anlagen spiegeln die neuesten Forschungserkenntnisse wider und modernisieren den Kapitalstock einer Volkswirtschaft. Außerdem sind Investitionen häufig der ausschlaggebende Faktor für die konjunkturellen Schwankungen. Die Investitionen machen in Deutschland zwar nur ein Viertel des Konsums aus, ihre Wirkung für das Auf und Ab der Wirtschaft aber ist viel größer. Während der Konsum seine Richtung so behäbig wechselt wie ein Tanker, schwimmen die Investitionen wie ein Korken auf der Welle. In der Wirtschaftskrise 2009 zum Beispiel konsumierten die Deutschen genauso viel wie im Vorjahr, als wäre nichts geschehen. Die Firmen dagegen fuhren ihre Investitionen um 18 Prozent zurück. Ein Jahr später, im Aufschwung, stieg der Konsum leicht um 2,5 Prozent. Die Investitionen dagegen legten um fast 10 Prozent zu. Ein Grund: Während die für den Konsum maßgeblichen Arbeitseinkommen kaum auf die kurzfristige Wirtschaftslage reagieren, sind die für die Investitionen entscheidenden Gewinneinkommen sehr volatil.

Hinzu kommt, dass die Investitionsneigung stark von der Gemütslage der Unternehmen abhängt. Wenn die Investoren damit rechnen, dass die Wirtschaft künftig rund läuft, werden sie neue Anlagen und Fabriken bauen, um am erwarteten Aufschwung teilzuhaben. Wenn genug Menschen diese Gedanken teilen, kann allein das schon dafür sorgen, dass der Aufschwung tatsächlich kommt. In die entgegengesetzte Richtung funktioniert die sich selbsterfüllende Prophezeiung leider auch: Wenn viele Menschen einen Abschwung erwarten, kann genau das einen erzeugen.

Um die Ausschläge im Konjunkturzyklus zu glätten, versucht die Politik häufig, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu steuern. Besonders in schlechten Zeiten werden deshalb gerne schuldenfinanzierte Konjunkturpakete geschnürt, um den Konsum zu beleben. In guten Zeiten die Ausgaben zu drosseln, ist dagegen weniger beliebt. Wenn die Staatsausgaben schon als Stütze der Konjunktur herhalten müssen, dann sollte das Geld aber wenigstens so ausgegeben werden, dass es zugleich die kurzfristige Nachfrage und das langfristige Wachstumspotenzial stärkt – zum Beispiel durch Investitionen in Schulen und Straßen.