10. August 2010

Ursachen der Finanzkrise

Die Finanzkrise hat zwar auch wegen der globalen Verflechtungen weltweit zu gravierenden Auswirkungen geführt. Die eigentlichen Ursachen haben aber mit der Globalisierung nur wenig zu tun. Vielmehr haben die Akteure am Finanzmarkt vor allem deshalb so risikoreich agiert, weil sie glaubten, die Folgen ihres Handelns auf die Steuerzahler abwälzen zu können.

Ursachen der Finanzkrise Image
Quelle: Fotolia

Die Finanzkrise hat weltweite Auswirkungen und wird daher oft der Globalisierung zugeschrieben. Sicherlich ist es richtig, dass es ohne die stärkeren internationalen Verflechtungen der Finanzmärkte nicht zu so weit reichenden globalen Wirkungen der Krise auf dem US-Immobilienmarkt gekommen wäre, die am Anfang des Desasters stand. Auch Banken außerhalb der USA mussten so enorme Abschreibungen vornehmen und verzeichneten Verluste. Zudem kam es bei den privaten Kapitalströmen im Zuge des Krisenschocks zu einem massiven Rückgang. Die Bankkredite etwa sind von 4,6 Billionen Dollar im Jahr 2007 auf minus 845 Milliarden Dollar im Jahr 2008 geschrumpft, es wurden also unter dem Strich mehr Auslandskredite gekündigt als vergeben. Insofern trägt die internationale Verflechtung der Kapitalmärkte zweifellos eine Mitverantwortung dafür, dass auch Deutschland so stark getroffen wurde.

Doch die Hauptursachen dafür, dass die Krise auf dem US-Markt für Subprime-Hypotheken sich so stark auch auf andere Bereiche des Finanzsystems auswirkte, haben kaum etwas mit der Globalisierung zu tun. Vielmehr bestand unter den Akteuren eine überzogene Risikoneigung, die von der staatlichen Regulierung und Aufsicht nicht ausreichend diszipliniert wurde. Schwächen im Finanzsystem trafen also auf ordnungspolitische Fehler des Staates. Beispielsweise kam es dazu, dass der für die Marktwirtschaft eigentlich wichtige und hoch produktive Wettbewerb der Unternehmen in die falsche Richtung wirkte und Anreize zu Fehlverhalten gab. Als einzelne Banken begannen, Regulierungs-Schlupflöcher zu nutzen und damit hohe Gewinne einzufahren, wurden andere Banken durch ihre Kapitaleigner dazu gedrängt, ähnlich hohe Renditen wie die Konkurrenz zu erzielen – und den gleichen fragwürdigen Weg zu gehen.

Es gab eine ganze Reihe derartiger Regulierungs-Lücken, die gerade in den USA auch mit der politischen Einflussnahme des Finanzsektors in Verbindung gebracht werden. So fehlte es der Finanzmarktaufsicht an politischer Unterstützung und an ausreichend qualifiziertem Personal. Zudem hat der Staat eine extrem risikoreiche Hypothekenvergabepraxis zugelassen. Kredite konnten gebündelt und in handelbare Anleihen umgewandelt werden. Die Experten nennen dies Verbriefung. Die sogenannten „Asset Backed Securities“ (forderungsbesicherte Anleihen) wurden oft erneut wieder verpackt und dann von anderen Banken an eigens dafür gegründete Zweckgesellschaften weiterverkauft. Diese wiederum finanzierten den Kauf der Forderungen oft, indem sie selbst via Schuldverschreibungen kurzfristige Kredite aufnahmen. In der Finanzkrise brach dieses Kartenhaus weitgehend zusammen, und selbst der ansonsten sehr stabile Markt für kurzfristige Kredite (Geldmarkt) geriet in Schwierigkeiten.

Außerdem hat der Staat Ratingagenturen kaum reguliert und beaufsichtigt. Und Risiken mussten nicht – gerade bei der Verbriefung von Hypotheken – mit ausreichendem Eigenkapital zur Risikovorsorge unterlegt werden. Damit konnte es dazu kommen, dass das Finanzsystem unangemessen mit der eigentlich guten Idee der Verbriefung umging. Dieses Instrument ermöglicht in einem angemessenen Regulierungsumfeld im Grundsatz ein besseres Risikomanagement, weil Risiken sich besser aufsplitten und verteilen lassen, so dass weniger Klumpenrisiken in den wenigen Händen der Banken liegen.

Darüber hinaus hat der Staat versäumt, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass das ordnungspolitisch grundlegende Haftungsprinzip greifen kann. Die Akteure am Finanzmarkt werden nur dann keine überzogenen Risiken eingehen, wenn sie wissen, dass sie diese später nicht auf andere – z.B. die Steuerzahler – abwälzen können.

  • US-Hypothekenbanken konnten in großer Zahl extrem risikoreiche Subprime-Kredite vergeben, weil sie die damit verbundenen Verlustgefahren in Form von verbrieften Wertpapieren meist vollständig an den Finanzmarkt weiterreichen konnten.
  • Manager in der Finanzbranche gingen enorme Risiken ein, um hohe Gewinne zu erzielen, weil die Vergütungssysteme zu kurzfristig orientiert waren und ihnen hohe Bonuszahlungen versprachen. Rückzahlungen dieser Boni für den Fall des Scheiterns der waghalsigen Finanzstrategien waren nicht vorgesehen.
  • Rating-Agenturen erzielten hohe Einnahmen, indem sie verbriefte Wertpapiere großzügig bewerteten, ohne für die Konsequenzen ihrer Fehlurteile gerade stehen zu müssen.
  • Deutsche Landesbanken, in deren Aufsichtsräten es zu wenige Finanzmarktexperten gibt, gingen hohe Risiken ein – im Wissen darum, dass für mögliche Verluste der Steuerzahler einstehen würde.

An vielen dieser Schwachstellen setzen inzwischen Reformen an, die zudem teilweise auf internationaler Ebene im Rahmen der G20 (dazu gehören die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer), des Financial Stability Boards und des Basler Bankenausschusses koordiniert werden. Dies ist unerlässlich, weil es für Staaten große Anreize gibt, mit laxen Regulierungen Finanzinstitute – und damit Wertschöpfung und Beschäftigung – ins Land zu locken. Die Steuer- und Regulierungsoasen sind dafür ein Paradebeispiel. Wenn es bei dem Bemühen, die internationale Finanzmarktstabilität zu erhalten, solche Trittbrettfahrer gibt, fällt es den anderen Staaten umso schwerer, ihre Finanzmärkte stärker zu regulieren, weil sie die Abwanderung von Banken und Fonds fürchten müssen. Aus diesem Grund ist auch die Regulierungsinitiative der deutschen Regierung im Jahr 2007 im Rahmen der G8-Präsidentschaft gescheitert. Und deshalb ist die Maßgabe der G20 so wichtig, alle Staaten und gerade auch die Steueroasen in die stärkere Regulierungsdisziplin einzubinden. Allerdings kamen im Sommer 2010 gewisse Zweifel auf, ob der gemeinsame Reformeifer nicht wieder erlahmt, weil Konjunktur und Finanzbranche sich nach und nach erholen.

Darüber hinaus sind Reformen nötig, die verhindern, dass Banken in Zukunft wieder auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden müssen, weil andernfalls das gesamte Finanzsystem – national oder international – ebenfalls in eine Krise gestürzt wird. Dazu sieht ein derzeit diskutierter – und vom Internationalen Währungsfonds unterstützter – Vorschlag vor, dass alle wichtigen Länder eine Bankenabgabe einführen, deren Höhe mit dem Risiko steigt, das eine einzelne Bank für das Finanzsystem darstellt. Hier hat der G20-Gipfel im Juni 2010 in Kanada jedoch gezeigt, dass nicht – wie es eigentlich nötig wäre – alle Staaten bei dieser Reform mitziehen.

Demgegenüber ist eine allgemeine Finanzmarkttransaktionssteuer – etwa eine Börsenumsatzsteuer –, die kurzfristige Spekulation verteuern und damit unrentabel machen soll, nicht zielführend. Denn eine solche Abgabe setzt nicht an den Ursachen der Finanzmarktkrise an, die bei verzerrten Anreizstrukturen der Banken lagen. Zudem besteuert sie auch „gute“ Finanzmarktgeschäfte wie z.B. das Weiterreichen von aufgesplitteten Risiken (etwa aus Wechselkursabsicherungsgeschäften von Großunternehmen) im Finanzsystem (hot potatoe trading). Damit könnten die Risiken am Finanzmarkt sogar noch steigen.

Alles in allem haben sich in den letzten zwei Dekaden – mit den Finanzkrisen der Schwellenländer, dem Platzen der New-Economy-Blase und der jüngsten Finanzkrise – erhebliche Probleme der internationalen Finanzmarktarchitektur gezeigt. Kritik und Reformbedarf sind entsprechend groß.

Demgegenüber darf die handelsbezogene Globalisierung nicht mit der finanzmarktgetriebenen Internationalisierung in einen Topf geworfen werden. Denn ihre Bilanz von Chancen und Risiken ist deutlich positiver, wie die weitere Betrachtung zeigen wird.

Ansprechpartner