10. August 2010

Kontroverse Debatte

Die Globalisierungsdebatte wird seit Jahren kontrovers geführt. In der Tat wirkt sich die internationale Arbeitsteilung oftmals negativ auf die Jobsicherheit, die Einkommen und den Arbeitsalltag aus. Oft werden diese Folgen der Globalisierung in der öffentlichen Debatte aber überzeichnet.

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Die Debatte über die Chancen und Risiken der Globalisierung ist in Deutschland wie auch in vielen anderen Ländern sehr kontrovers geführt worden. Mit globalisierungskritischen Gruppen wie ATTAC entstand sogar eine neue gesellschaftliche Strömung, die in jüngerer Zeit freilich wieder etwas an Schwung verloren hat. Auch in der breiten Bevölkerung hat die Diskussion Spuren hinterlassen. Wie Umfragen des Allensbach-Instituts zeigen, wuchs die Skepsis gegenüber der Globalisierung seit Ende der 1990er Jahre deutlich. Sah damals noch rund ein Fünftel der Befragten mehr Risiken als Chancen in der Globalisierung, war zehn Jahre später schon die Hälfte der Befragten dieser Ansicht.

Die Globalisierungsgegner haben also ganze Arbeit geleistet. Ihre Argumente sind für viele Menschen einleuchtend:

Die Finanzkrise zeigt, wie negativ die internationale Vernetzung für die Kapitalmärkte sein kann. Innerhalb weniger Wochen hat sich die Immobilienkrise in den USA über die ganze Welt ausgebreitet.

  • Die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes nimmt ab, wenn die Wirtschaft über stärker verflochtene Handels- und Finanzmärkte immer mehr vom Wohl und Wehe der Weltkonjunktur abhängt. Die damit einhergehende Angst vor dem Jobverlust führt zu einer tiefen Verunsicherung.
  • Wo – nicht zuletzt wegen der Globalisierung – mehr Konkurrenzdruck herrscht, steigen meist auch Stress und Leistungsanforderungen. Der Arbeitsalltag wird dadurch aufreibender.
  • Die Globalisierung verstärkt den Strukturwandel, bei dem unrentabel gewordene Arbeitsplätze gerade in der für Deutschland wichtigen Industrie verloren gehen. Damit entsteht der Eindruck, Deutschland gehe die Arbeit aus.
  • Die zunehmende Niedriglohnkonkurrenz verschlechtert die Beschäftigungschancen gerade von Geringqualifizierten – diese können sich fortan leicht als Verlierer der Globalisierung fühlen.
  • Weil Hochqualifizierte häufig als Gewinner der Globalisierung gelten, drohen Verteilungskonflikte.
  • Das technologische Aufholen der Schwellenländer, die auf viele gut ausgebildete und trotzdem billige Arbeitskräfte zurückgreifen können, ist eine Gefahr für die etablierten Industrienationen wie Deutschland und selbst für Hochqualifizierte hierzulande.

Wenn im Zuge der Globalisierung die Unternehmen und Finanzinvestoren mobiler werden, setzt die Drohung abzuwandern Nationalstaaten und Gewerkschaften unter Druck, Löhne und Steuern zu senken.

  • Die Entwicklungsländer werden oft als Verlierer der Globalisierung angesehen. Denn die Industrieländer dominieren den Welthandel, schotten vor allem ihre Agrarmärkte gegen die Exporte der ärmeren Staaten ab und haben auch in der Welthandelsorganisation ein großes Gewicht.
  • Schließlich sehen manche in der Globalisierung eine Amerikanisierung der Sitten, die regionale Identitäten und Gewohnheiten verdrängt – sei es im Fernsehen, in der Musik oder beim Fast-Food-Konsum.

Allerdings lassen sich viele dieser Einwände gegen die Globalisierung relativeren. So sind die Wirkungen teilweise nicht so gravierend, wie zuweilen behauptet wird. Oder sie sind nur zu einem geringen Teil auf die Globalisierung zurückzuführen und haben in erster Linie andere Ursachen. Daneben bietet die Globalisierung auch viele und bedeutsame Vorteile – vor allem für Verbraucher, für die Exportwirtschaft und für Arbeitnehmer ausländischer Firmen. Gleichwohl werden die Risiken der Globalisierung in der öffentlichen Diskussion sehr viel stärker betont als ihre Chancen. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Erstens sind die Nachteile oft hautnah spürbar und direkt der Globalisierung zuzuschreiben – wenn etwa Menschen aufgrund einer Verlagerung ihres Betriebs ins Ausland den Arbeitsplatz verlieren. Die Vorteile der Globalisierung sind dagegen breit gestreut und schwer zurechenbar. So freut sich jeder über Schnäppchen beim Einkaufen, macht sich aber wohl meist nicht klar, dass die Kampfpreise häufig nur durch die Einfuhr aus Billiglohnländern möglich sind. Auch der Arbeitnehmer beim kleinen Zulieferbetrieb ist sich möglicherweise nicht bewusst, dass er indirekt vom Exporterfolg des Großkunden profitiert.
  • Zweitens tendieren Menschen bei komplexen Sachverhalten zum Schubladendenken. Die Globalisierung bietet sich da häufig gut als Sündenbock für manche Fehlentwicklung an. So erscheint es auf den ersten Blick plausibel, der Globalisierung die Hauptschuld für die lange Zeit sehr hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland zuzuschieben, obwohl die Faktenlage diese Ansicht bei genauerem Hinsehen nicht stützt.
  • Und drittens verallgemeinern wir oft Einzelfälle, über die die Medien wie vor einiger Zeit etwa bei Nokia ausführlich berichten – und machen daraus einen Trend. Die Firma hatte ihr Werk von Deutschland nach Rumänien verlagert.

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