8. Januar 2013

Glücksforschung

Der Mensch lebt nicht vom Geld allein

Wenn die grundlegenden Bedürfnisse gestillt sind, macht eine Erhöhung des Einkommens die Menschen nicht zufriedener, haben Glücksforscher herausgefunden. An dieser These wachsen aber Zweifel.

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Wenn es darum geht, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Ländern zu vergleichen, ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar ein praktisches Maß. Doch es konzentriert sich auf die Messung des materiellen Wohlstands - und lässt Aspekte der weiter gefassten Wohlfahrt wie etwa Glück, Sicherheit und Gerechtigkeit außer Acht. Deshalb sind Wissenschaftler weltweit auf der Suche nach einem Maß, das nicht nur materielle, sondern auch immaterielle Werte abbildet und international vergleichbar macht.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die sogenannte Glücksforschung. Sie versucht zu definieren, welche Rolle zum Beispiel der Gesundheitszustand und die Umweltqualität für das Glück des Menschen spielen. Einen Ansatz dafür lieferte der Ökonom Ulrich van Suntum. Im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat er das „Glücks-BIP“ entwickelt. Van Suntum betont allerdings, dass das Glücks-BIP das klassische Bruttoinlandsprodukt nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen kann. So berücksichtigt auch der Glücks-Indikator die Konjunktur eines Landes – denn die Zufriedenheit der Menschen hängt nun einmal nicht zuletzt vom Wirtschaftswachstum ab, sprich von den Einkommen.

Richard Easterlin, ein Pionier der Glücksforschung, hat in diesem Zusammenhang allerdings etwas Erstaunliches festgestellt: Das sogenannte Easterlin-Paradox aus dem Jahr 1974 besagt, dass die Menschen – überspitzt ausgedrückt – zwar wie wild schuften, um immer mehr zu haben. Können sie allerdings ihre Grundbedürfnisse umfassend befriedigen, fühlen sie sich durch mehr Einkommen nicht mehr besser. Um sich tatsächlich besser zu fühlen, brauchen die Menschen laut Easterlin keinen absoluten Einkommenszuwachs, sondern einen relativen: Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, machen nicht 100 Euro mehr Lohn glücklich, sondern 100 Euro mehr als der Arbeitskollege oder der Nachbar bekommt.

Deutsche Wirtschaftsforscher um Joachim Weimann stellen das Easterlin-Paradox allerdings aus methodischen Gründen in Frage: Man könne die Zufriedenheitswerte nicht im Zeitverlauf vergleichen. Denn wenn ein Befragter in einem Jahr seine Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 mit 7 bewertet und fünf Jahre später ebenfalls mit 7, müsse das nicht bedeuten, dass sich nichts geändert habe. Vielmehr steckten sich Menschen, die bereits einiges erreicht haben, immer höhere Ziele. Deshalb verschiebe sich über die Jahre die komplette Skala.

Auch andere Fragen machen der Glücksforschung zu schaffen. So hat eine internationale Expertengruppe im Auftrag des früheren französischen Staatspräsidenten Nikolas Sarkozy untersucht, welche Faktoren das BIP ergänzen könnten, um dessen Aussagekraft zu erhöhen. Doch wie soll beispielsweise "politische Mitsprache" vernünftig gemessen und verglichen werden? Und wie sollen "Ungerechtigkeiten" im Indikator umfassend und eindeutig berücksichtigt werden? Hier wird die Bewertung schnell willkürlich und die Objektivität geht verloren.

Die Verfasser der INSM-Studie verweisen noch auf ein anderes Problem des Glücks-BIP: Die persönlichen Lebensumstände und die Lebenseinstellung haben einen erheblichen Einfluss auf die Zufriedenheit – lassen sich aber nicht valide erfassen. So sind beispielsweise Materialisten, also Menschen, die sehr auf Geld aus sind, weniger glücklich als Idealisten, die sich weniger um ihr Einkommen kümmern. In Zahlen lässt sich das allerdings kaum fassen.

Trotzdem, so das Plädoyer der Wissenschaftler, sollte die Politik die Glücksforschung keineswegs links liegen lassen: Zumindest jene Glücksfaktoren, die Politiker längerfristig positiv gestalten können, sollten sie auch angehen. Etwa durch gesellschaftspolitische Weichenstellungen im Gesundheitswesen und in der Rentenpolitik – gerade mit Blick auf Fragen der Nachhaltigkeit.