21. Januar 2013

Arbeit

Mit Hand und Kopf

Für die einen ist sie Humankapital und Produktionsfaktor, für andere je nach Standpunkt Lebenssinn oder reine Mühsal. Über kaum etwas gibt es so unterschiedliche Ansichten wie über die Arbeit.

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Gute Gespräche und ausgedehnte Waldspaziergänge gibt es in der Regel gratis. Für die meisten anderen schönen Dinge des Lebens ist aber zunächst der Hände Arbeit nötig. Selbst wenn Maschinen und Computer den Menschen immer mehr Aufgaben abnehmen: Letztlich ist immer die menschliche Arbeit der ausschlaggebende Faktor, denn auch Automaten müssen entwickelt, gestaltet, zusammengebaut und verkauft werden. Für Ökonomen ist die Arbeit zwar nur einer von mehreren Produktionsfaktoren – genauso wie das Kapital, die natürlichen Ressourcen und der technische Fortschritt. Für die meisten anderen steht die Arbeit aber an erster Stelle. Von ihr hängen Existenzen ab, und viele Menschen beziehen aus ihr Lebensinhalt und Selbstbewusstsein.

Auf die Wirtschaftsleistung wirkt sich Arbeit gleich zweifach aus - zum einen über die schiere Menge der gearbeiteten Stunden, zum anderen über die Ergiebigkeit des in der einzelnen Stunde Geleisteten. Das Wirtschaftswachstum mit Arbeit zu steigern bedeutet also, dass die Menschen entweder mehr arbeiten oder dass die einzelne Arbeitsstunde einen größeren Ertrag abwirft, sprich die Arbeitsproduktivität steigt. Letzteres kann mit Hilfe des Faktors Kapitals gelingen, etwa indem Maschinen und andere technische Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Ein anderer Weg liegt darin, dass Unternehmer und Angestellte ihre Erfahrungen und ihr Wissen erweitern, also die Qualität der Arbeit steigern. Die beruflichen Fähigkeiten umschreiben Ökonomen gerne mit dem Begriff Humankapital und haben es mit dieser Wortschöpfung sogar schon auf die Liste der Unwörter des Jahres geschafft. Der Vorwurf lautet, menschliche Arbeit werde auf ihren wirtschaftlichen Nutzen reduziert. Ganz abwegig ist die Analogie zum Sachkapital aber nicht, denn sie hilft, die Eigenschaften der Arbeit zu verdeutlichen. Genauso wie Maschinen und Anlagen nutzen sich auch menschliche Fähigkeiten ab, wenn nicht kontinuierlich in sie investiert wird.

Doch Investitionen in Bildung haben ihren Preis. Der Staat muss Schulen und Universitäten bauen sowie Lehrer und Professoren bezahlen. Die Studenten belasten den Geldbeutel der Eltern oder häufen Schulden beim Bafög-Amt an. Außerdem verzichten sie für das Studium auf Konsum. Gleichaltrige haben womöglich direkt einen Job angenommen und können sich schnell ein Auto und andere Dinge leisten. Der Verzicht auf diese Annehmlichkeiten lohnt sich aber, denn im Laufe ihres Berufslebens holen Akademiker den entgangenen Verdienst in der Regel locker wieder herein. Wie viele Jugendliche Abitur machen, ein Studium aufnehmen und eine Berufsausbildung antreten, hängt also stark davon ab, in welchem Maße sich Bildung später auf dem Lohnzettel bemerkbar macht.

Entscheidend für die Rendite der Bildung ist auch, in welchem Umfang das erworbene Wissen zum Einsatz kommt. Selbst die klügste Bevölkerung bringt die Wirtschaft nicht auf Touren, wenn das Wissen nicht genutzt wird. Für das Bruttoinlandsprodukt ist deshalb nicht nur die Qualität der Arbeit wichtig, sondern auch die Quantität. Wenn die Menschen zu lange für ihre Ausbildung brauchen, vornehmlich Teilzeit arbeiten, lange Auszeiten nehmen und sich möglichst früh wieder in den Ruhestand verabschieden, zahlt sich Bildung für den Einzelnen und auch die Gesellschaft weniger aus.

Gerade eine Volkswirtschaft wie die deutsche, die große Bedürfnisse etwa an die medizinische Versorgung und die Absicherung im Alter befriedigen soll, ist darauf angewiesen, dass möglichst viele Erwerbsfähige auch tatsächlich einer Arbeit nachgehen. Selbst das vermeintlich reiche Deutschland kann es sich mit seiner alternden Bevölkerung nicht leisten zum Beispiel auf die Arbeitskraft gut ausgebildeter Mütter zu verzichten, weil sich Beruf und Familie schlecht miteinander vereinbaren lassen. Und auch wenn die Arbeitslosenzahlen schon deutlich höher waren, sind drei Millionen Menschen ohne Job noch immer ein vergeudetes Potenzial.