3. Mai 2010

Kaufkraft der Nettoverdienste

Die Kaufkraft der Nettostundenverdienste hat sich im Nachkriegsdeutschland mehr als verfünffacht: Ein Warenkorb, der 1950 noch dem Gegenwert einer vollen Stunde Arbeit entsprach, ist heute bereits nach elf Minuten verdient. Besonders deutlich sind die Kaufkraftgewinne dort, wo viele elektrische oder elektronische Bauteile eingesetzt werden – der technische Fortschritt und der durch die Globalisierung verstärkte Wettbewerb drücken hier besonders auf die Preise. Aber auch bei Lebensmitteln hat es auf lange Sicht meist überdurchschnittlich hohe Kaufkraftgewinne gegeben.

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Wie die Einkommen insgesamt ist auch der Nettoverdienst der Arbeitnehmer je geleisteter Stunde enorm gestiegen: Bekam man 1950 für eine Stunde im Büro oder an der Werkbank gerade umgerechnet 56 Eurocent, sind es aktuell in Westdeutschland 14,05 Euro – also 25-mal so viel. Auch bei den Verbraucherpreisen gab es über einen Zeitraum von fast 60 Jahren keinen Stillstand. Rechnet man Qualitätsunterschiede heraus, sind Waren und Dienstleistungen heute gut 4,7-mal so teuer wie 1950.

Setzt man diesen Anstieg zu den Verdienstzuwächsen in Relation, zeigt sich, dass die Kaufkraft um mehr als das Fünffache gestiegen ist. Ein (repräsentativer) Warenkorb für den man 1950 noch eine volle Stunde arbeiten musste, ist heute bereits in elf Minuten verdient. Entsprechend der hohen Wirtschaftsdynamik in den Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderjahren fiel auch die Arbeitszeitersparnis in den 1950er- und 1960er-Jahren am höchsten aus.

In den neuen Bundesländern stiegen die Reallöhne und damit die Kaufkraft der Arbeitnehmerstunde seit der Wende um 21 Prozent.

Wie groß der Kaufkraftzuwachs für den Einzelnen tatsächlich ausfällt, ist nicht nur eine Frage der individuellen Verdienstentwicklung, sondern hängt sehr von den Vorlieben beim Konsum ab.

Denn die Preis- und damit auch die Kaufkraftentwicklung variiert nicht nur zwischen High-Tech-Erzeugnissen und Dienstleistungen, sondern auch innerhalb einzelner Produktgruppen erheblich. Dies zeigt sich zum Beispiel bei Lebensmitteln. So zählten selbst Eier im Jahr 1950 noch fast zu den Luxusgütern. Denn 10 Stück kosteten 1950 schon umgerechnet 1,12 Euro, während der Nettostundenverdienst bei lediglich 56 Cent lag. Der Lohn für eine Stunde Arbeit an Werkbank oder im Büro reichte also gerade für fünf Eier. Die Eierkaufkraft hat sich seitdem enorm gesteigert. Denn bereits 1960 erhielt man für eine Stunde Arbeit ein Dutzend Eier, 1970 waren es 30 Eier, 1980 schon 50 Stück, im Jahr 1991 über 70 und aktuell sind es sogar 74.

Noch dramatischer war die Entwicklung beim Kaffee: Der Wachmacher war damals für den Normalbürger unerschwinglich. Denn im Jahr 1950 kostete ein Pfund Bohnenkaffee noch annähernd 15 Euro und war damit dreimal so teuer wie heute. Anfang der 1950er Jahre musste man für 500 Gramm der begehrten Bohne mehr als eine halbe Woche arbeiten, nämlich 26 Stunden. Heute reicht der Gegenwert von 19 Arbeitsminuten.

Ein Gegenbeispiel liefern die Fischpreise: So war beispielsweise ein Kilo Schweinekotelette im Jahr 1950 dreimal so teuer wie die gleiche Menge Kabeljau. Heute leben dagegen die Fleischesser günstiger. Denn das Schweinefleisch ist jetzt nur noch halb so teuer wie der Fisch. Dementsprechend muss man heute für den Kabeljau mit einer Stunde und sechs Minuten nur zwölf Minuten weniger arbeiten als 1950, während sich die Kaufkraft bezogen auf das Kotelett mehr als versiebenfacht hat.

Generell zählten Lebensmittel zu den eher preisstabilen Warengruppen. Noch besser sieht es bei langlebigen Gebrauchsgütern aus – besonders da, wo Hightech im Spiel ist, gehen die Preise auch absolut zurück. Ein moderner Flachbildfernseher mit einem 81cm-Bildschirm und Full-HD-Auflösung kostet beispielsweise heute etwa so viel wie ein einfaches Schwarz-Weiß-Gerät im Jahr 1960. Mieten stiegen dagegen bis Mitte der 1990er-Jahre überdurchschnittlich schnell an, weil die Baupreise rasant zulegten und Baugrundstücke in attraktiven Wohnlagen knapp wurden. Ebenfalls deutlich über der allgemeinen Inflationsrate liegen die Preisanstiege für Dienstleistungen mit geringem Rationalisierungspotenzial – beispielsweise Waschen und Legen beim Friseur –, da ja auch die in diesen Dienstleistungsberufen tätigen Arbeitnehmer am allgemeinen Verdienstanstieg partizipieren wollen.

Die deutliche Differenzierung nach Produktgruppen zeigt sich auch, wenn man keinen ganz langen Zeithorizont wählt. So bedeuten auch die 4 Prozent Kaufkraftzuwachs, die sich gesamtdeutsch seit 1991 ergeben haben, keineswegs Stillstand in allen Bereichen. Die Kaufkraft für Güter der Nachrichtenübermittlung – im Wesentlichen Gebühren für Telefon und Internet – hat sich beispielsweise nicht zuletzt aufgrund der Liberalisierung des Telefonmarktes mehr als verdoppelt. Bei Bekleidung und Schuhen, den Ausgaben für Freizeit und Kultur und bei der Wohnungseinrichtung – Möbel und Haushaltsgeräte – kann man sich heute zwischen 25 und gut 30 Prozent mehr leisten als zu Beginn der 1990er-Jahre. Bei den beiden letztgenannten Gruppen erklärt sich ein großer Teil des Kaufkraftgewinns durch den technischen Fortschritt und die Früchte der internationalen Arbeitsteilung, also der Globalisierung. Denn unter die Rubrik der Freizeitgüter fallen auch die gesamte Unterhaltungselektronik und die Heimcomputer, die insgesamt 64 Prozent billiger sind als zu Beginn der 1990er-Jahre. Für den Preis eines PCs von 1991 kann man, das technische Niveau von damals unterstellt, heute gleich 19 Stück erwerben. Hier wirkt sich der rasante Fortschritt gerade bei elektronischen Bauteilen besonders aus.

Diese werden zwar auch bei Haushaltsgeräten häufig verbaut, haben aber am Wert des Produkts einen wesentlich kleineren Anteil. Dennoch waren auch die Preise für Spül- und Waschmaschinen und andere Haushaltshelfer seit 1991 leicht rückläufig, was den großen Kaufkraftzuwachs bei Einrichtungsgegenständen insgesamt erklärt. Technik kommt bei Lebensmitteln nur indirekt bei der Herstellung und Weiterverarbeitung ins Spiel, gleichwohl ist die Kaufkraft für Nahrung und alkoholfreie Getränke um 19 Prozent gestiegen.

Dem stehen aber auch Verbrauchssparten gegenüber, in denen die Preise den Verdiensten davon liefen. So muss heute länger als zu Beginn der 1990er-Jahre gearbeitet werden, um den gewohnten Standard bei der Mobilität zu halten, aber auch für das traute Heim hat sich der Arbeitseinsatz erhöht: Sowohl für den Bereich Verkehr – die Palette reicht hier von Autokauf und -wartung über Treibstoffe bis zu Bus- und Bahnfahrten – als auch für Wohnungsmiete und Nebenkosten hat sich die Kaufkraft der Lohnminute seit 1991 um rund ein Zehntel verringert. In ähnlicher Größenordnung liegt der Kaufkraftverlust im Gesundheitswesen (-8 Prozent) sowie bei Alkohol und Tabak (-14 Prozent). Am stärksten verteuert haben sich aber Kindergarten und Studium. Denn im Bereich Bildungswesen, der aber nur 0,7 Prozent des gesamten Warenkorbs ausmacht, ist die Kaufkraft um 39 Prozent gesunken.

Die Kaufkraftverluste in diesen Bereichen gehen überwiegend auf das Konto des Staates oder gestiegener Energiekosten. So zogen die Nettomieten seit 1995 nicht mehr stärker an als die Lebenshaltungskosten insgesamt, während die Kosten für die Abfallentsorgung ebenso wie für Strom und Heizung kräftig zulegten. Im Bereich Verkehr erhöhte sich einerseits die Kaufkraft beim Fahrzeugerwerb um 16 Prozent, während andererseits sowohl die Preise für Verkehrsdienstleistungen als auch die Unterhaltskosten für das Auto fast doppelt so schnell stiegen wie die Verdienste. Die Preise von Alkohol und Tabak kletterten vor allem wegen der Erhöhungen der Tabaksteuer zwischen 2002 und 2005 deutlich schneller als Löhne und Gehälter. Das Bildungswesen reißt jetzt wegen höherer Gebühren im Kindergarten und der Einführung von Studiengebühren tiefere Löcher in die Haushaltskasse als früher.

Das Gesundheitswesen ist ohnehin staatlich reglementiert und zuletzt durch höhere Zuzahlungen verteuert worden. Die Preisstatistik kann aber hier nur ein unvollständiges Bild von der Kaufkraftentwicklung geben. Denn einerseits werden bei den Ausgaben nur Zuzahlungen und Praxisgebühren und die Zahlungen der Privatversicherten erfasst, nicht aber die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Andererseits werden zwar für die stationäre Behandlung bestimmte Fallpauschalen (Entbindungen und Herzinsuffizienz) und bei ambulanter Behandlung ausgewählte Leistungen betrachtet, Qualitätsfortschritte durch neue Behandlungsmethoden und aufwändigere Technik bleiben aber unberücksichtigt.

Insgesamt kletterten die vom Staat beeinflussten Preise, die sogenannten administrierten Preise, zwischen 1991 und 2009 um 75 Prozent – mehr als doppelt so schnell wie die marktbestimmten (34 Prozent). Zudem erhöhte sich seit 1991 der Mehrwertsteuersatz um insgesamt 5 Prozentpunkte, was bei voller Weitergabe an den Kunden einen Preisauftrieb um weitere 2 Prozent bedeutet. Ohne staatliche Beeinflussung der Preise hätte der Kaufkraftzuwachs zwischen 1991 und 2009 statt tatsächlich 4 Prozent dann immerhin fast 12 Prozent betragen.