21. Januar 2013

Kritik am BIP

Ein Maß mit Schwächen

Einiges spricht dafür, dem Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft mit Skepsis zu begegnen. Ein besseres Maß ist allerdings noch nicht gefunden.

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Altenpfleger haben keinen leichten Job. Kinder, die ihre Eltern am Lebensabend begleiten, stehen oftmals vor ähnlich großen Herausforderungen. Und doch unterscheidet die beiden Personengruppen eines fundamental: Der Job des Pflegers erhöht das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Betreuung der Eltern dagegen nicht.

Die Tatsache, dass das BIP nur die über den Markt gehandelten Transaktionen enthält, und vieles – wie das ehrenamtliches Engagement und die Kindererziehung zu Hause – nicht erfasst, ist nur eines seiner Handicaps. Ebenfalls problematisch ist, dass das Maß nicht zwischen erstrebenswerten und weniger erstrebenswerten Waren oder Dienstleistungen unterscheidet: Der Verkauf von Zigaretten erhöht das BIP genauso wie der Absatz von Bio-Lebensmitteln. Andererseits fließen aber auch die Ausgaben für die Suchtprävention und all die Kosten, die das Rauchen im Gesundheitssystem verursachen, in die BIP-Berechnung ein. Was dem Indikator also fehlt, ist die Möglichkeit, positive und negative Effekte gegeneinander aufzurechnen. Das wäre beispielsweise für den Verbrauch fossiler Energieträger, aber auch für Naturkatastrophen wie Erdbeben angebracht.

Allerdings betonen Ökonomen in diesem Zusammenhang zu Recht, dass das BIP eine sogenannte Stromgröße ist. Es berücksichtigt also nicht, wie es um den (Kapital-)Bestand in einer Volkswirtschaft steht – in einer entsprechenden Rechnung würden die Vermögensverluste berücksichtigt. Die Konsequenz ist, dass es die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in den Folgejahren erhöht, wenn Länder von Krieg und Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Deshalb ist es sinnvoll, nicht nur auf das Wachstum, sondern auch auf die absolute Höhe der Wirtschaftsleistung pro Kopf zu schauen – verrät diese doch einiges mehr über die wirtschaftliche Situation eines Landes.

Doch selbst dann bleibt eine Crux: Alles, was an Waren und Dienstleistungen schwarz verkauft wird, erfasst das BIP nicht. So stehen Länder, in denen die Schwarzarbeit einen hohen Anteil an der Gesamtwirtschaft aufweist, bei der BIP-Betrachtung schlechter da als jene Nationen, in denen alle Waren und Dienstleistungen versteuert werden.

Trotz all dieser Einwände kommen Experten mit Blick aufs BIP bislang frei nach Winston Churchill zu dem Ergebnis: „Das Bruttoinlandsprodukt ist die schlechteste aller Messgröße, ausgenommen alle anderen.“