10. August 2010

Keine Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland

Die Verlagerung von Prozessen und Arbeitsplätzen ins Ausland (Offshoring) wird häufig als große Gefahr für den deutschen Arbeitsmarkt gesehen. Die Datenlage zeigt jedoch, dass diese Sorge überzogen ist. Zudem stärkt das Offshoring die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen – und damit indirekt auch die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten am hiesigen Standort.

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In den vergangenen Jahren war über das Thema Arbeitsplatzverlagerungen viel zu lesen und zu hören. Die Zahlen zu den Auslandsinvestitionen aber sprechen keineswegs eine so dramatische Sprache. Zwar ist der Bestand an Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre stark gestiegen. Doch in der Wirtschaftsflaute nach der Jahrtausendwende – als die öffentliche Debatte über das Offshoring hochkochte – stagnierte das Auslandsengagement. Erst mit der anziehenden Konjunktur nach der Dotcom-Blase nahmen die ausländischen Direktinvestitionen seit 2005 wieder merklich zu – doch nur, um in der Finanzkrise erneut abzuflauen, wie Unternehmensbefragungen belegen.

Sicherlich sind seit Mitte der 1990er Jahre so viele Arbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert worden wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Ausmaß der Verlagerung ist indes viel kleiner, als es die öffentliche Debatte suggeriert. Das Statistische Bundesamt etwa hat ermittelt, dass zwischen 2000 und 2006 per Saldo lediglich rund 83.000 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wurden. Bei rund 40 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland entspricht dies gerade einmal rund 0,2 Prozent der Jobs.

Zudem sind die negativen Arbeitsplatzeffekte nur auf den kleineren Teil der Direktinvestitionen zurückzuführen – und zwar auf die kostenorientierten. Das Gros ist dagegen absatzorientiert. Vertriebsgesellschaften vor Ort und die näher am Kunden liegende Auslandsproduktion fördern eher die Umsätze. Das bringt für den heimischen Standort über mehr Exporte oft positive Beschäftigungseffekte.

Eine Umfrage des DIHK im Frühjahr 2010 unter mehr als 7.000 Industrieunternehmen zeigt klar die untergeordnete Bedeutung des Kostenmotivs. Nur etwa jede vierte Firma, die im Ausland investiert hat, tut dies aus Kostengründen. Dagegen wollen fast 30 Prozent der Unternehmen durch ihre Auslandsproduktion die Märkte erschließen, knapp 50 Prozent investieren in den Vertrieb und Kundendienst vor Ort.

Selbst mit Blick auf die neuen EU-Länder gibt bei der DIHK-Umfrage nur gut ein Viertel der befragten Industrie-Unternehmen das Kostenmotiv als Hauptgrund für Direktinvestitionen im Ausland an. Für das übrige Osteuropa sind es 12 Prozent und auch für China nur rund 20 Prozent.

Aber auch kostenorientierte Arbeitsplatzverlagerungen sind am Ende des Tages nicht zwangsläufig Jobkiller. Denn sie machen die Unternehmen produktiver und damit wettbewerbsfähiger. Wenn die Kosten sinken, können auch die Preise der Endprodukte nachgeben, und damit steigt die Nachfrage. Offenbar kompensiert der sich daraus ergebende positive Arbeitsplatzeffekt für gut qualifizierte Arbeitnehmer in der Regel die ursprünglich negativen Wirkungen. Das belegen eine Reihe von Studien: So ist der deutsche Exporterfolg nach der Jahrtausendwende gemäß einer Studie des Internationalen Währungsfonds zu rund einem Drittel auf das Offshoring deutscher Firmen zurückzuführen. Darüber hinaus hat die OECD für eine Gruppe von Industrieländern (einschließlich Deutschland) deutlich gemacht, dass dem anfänglich negativen Effekt der Arbeitsplatzverlagerung offenbar ein positiver Beschäftigungsschub folgt, ausgelöst durch eine höhere Nachfrage nach den günstiger gewordenen Produkten.

Allerdings ist nicht zu leugnen, dass die Möglichkeit der Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland die Position der Gewerkschaften tendenziell geschwächt hat, was von manchen Beobachtern als problematisch angesehen wird. Ganz von der Hand weisen lässt sich dies wohl nicht. Allerdings muss auch gesehen werden, dass diese Entwicklung erst zu der Lohnzurückhaltung beigetragen hat, mit der die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit nach der Jahrtausendwende allmählich wieder gewinnen konnte, die sie seit Anfang der 1990er Jahre verloren hatte. Zudem macht die Globalisierung andererseits die Streikdrohung der Gewerkschaften durchschlagender, weil die Just-in-time-Vorleistungsnetzwerke der Unternehmen immer globaler aufgestellt sind und somit der Schaden durch Produktionsausfälle breiter gestreut und damit höher wird.

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