26. September 2013

Umverteilung

Von oben nach unten

Im Vergleich zu den anderen EU-Staaten bekommen Niedrigverdiener in Deutschland viel Unterstützung vom Staat – finanziert durch eine überdurchschnittliche Belastung der hohen Einkommen.

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Dank staatlicher Hilfe können sich die unteren Einkommensschichten ihr Budget deutlich erhöhen: Das Nettoeinkommen des ärmsten Fünftels besteht in Deutschland zu 61 Prozent aus Staatsleistungen wie Renten und Arbeitslosengeld. Auf der anderen Seite muss diese Gruppe 15 Prozent vom Netto in Form von Steuern und Sozialbeiträgen abgeben. Aus beiden Werten ergibt sich ein sogenannter Umverteilungssaldo von 46 Prozent – abzüglich der Abgaben besteht das Einkommen also noch knapp zur Hälfte aus staatlichen Leistungen.

Damit belegt Deutschland hinter Irland, Finnland, Dänemark und Schweden Platz fünf in der EU-Rangliste, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf Basis von Eurostat-Daten erstellt hat. Das Ranking zeigt: In den skandinavischen Staaten fällt die Unterstützung der einkommensschwachen Schichten besonders großzügig aus – kein Wunder angesichts ihrer Tradition als Wohlfahrtsstaaten. Den Spitzenplatz erreicht dennoch Irland dank äußerst geringer Abgaben und sehr zielgerichteter Sozialtransfers. Am anderen Ende der Rangliste finden sich Griechenland und Italien: In beiden Ländern bekommt das untere Einkommensfünftel verhältnismäßig wenig Geld vom Staat, muss aber recht hohe Abgaben zahlen. Doch selbst in den beiden Ranking-Schlusslichtern bleibt für die Ärmeren netto ein Umverteilungsgewinn von mehr als 10 Prozent.

Am anderen Ende der Gesellschaft dreht sich das Vorzeichen der Nettoumverteilung natürlich um, denn einer muss die Rechnung schließlich begleichen. Gemessen an seinem Nettoeinkommen führt das obere Einkommensfünftel in Deutschland mehr als 36 Prozent an Steuern und Sozialbeiträgen ab und erhält im Gegenzug einen Renten- und Transferanteil in Höhe von gut 19 Prozent. Im Saldo verbucht die Oberschicht also ein Minus von etwa 17 Prozent des Nettoeinkommens. Im EU-Vergleich liegt die Bundesrepublik damit im oberen Drittel. Die größten Nettozahler im höheren Einkommensbereich sind die Niederländer mit 38 Prozent, gefolgt von den Dänen mit 36 Prozent und den Briten mit 24 Prozent.

Die Effektivität der Umverteilungssysteme spiegelt sich auch in einer anderen Kennziffer wider. Das deutsche System schafft es EU-weit auf den sechsten Platz, wenn es darum geht, wie stark der Staat die Ungleichheit reduziert. Der Maßstab dafür ist der sogenannte Gini-Koeffizient, der Werte zwischen 0 und 1 annimmt. Ein Wert von 0 bedeutet, dass alle Personen gleich viel verdienen, und 1, dass das gesamte Einkommen auf eine Person konzentriert ist. Je stärker also der Gini-Koeffizient aufgrund der Abgaben und Transfers sinkt, desto stärker gelingt es dem Sozialsystem, die Lebensverhältnisse aneinander anzugleichen. Im Durchschnitt reduzieren die EU-Staaten den Gini um 0,17. Deutschland schafft immerhin eine Verringerung um 0,2 und erzielt damit nach Umverteilung einen Gini von weniger als 0,3.

IW-Trends

Judith Niehues: Staatliche Umverteilung in der Europäischen Union

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