10. August 2010

Langfristige Arbeitsmarktbilanz

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Konkurrenz der Niedriglohnländer lässt in Deutschland die Arbeit ausgehen. Parallel zur Beschleunigung der Globalisierung seit Mitte der 1980er Jahre hat die Arbeitslosigkeit lange Zeit immer weiter zugenommen. Ursache dafür war jedoch in erster Linie eine lange Zeit fragwürdige Arbeitsmarktpolitik – und nicht die Globalisierung.

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Die Globalisierung ist zweifellos dafür verantwortlich, dass in den Industrieländern viele einfache Produktionsjobs verloren gegangen sind. Andererseits entstehen aber in modernen und wissensintensiven Bereichen neue Beschäftigungsmöglichkeiten für höher qualifizierte Mitarbeiter. Diese sind meist produktiver und technologisch anspruchsvoller, so dass mit ihnen eine höhere Wertschöpfung und ein höheres Einkommen verbunden sind. Der so steigende Wohlstand stärkt zugleich die Binnennachfrage, was wiederum tendenziell zu neuer Beschäftigung führt.

Auf diese Weise fördert die Globalisierung den Strukturwandel. Dass genau darin eine zentrale Wohlstandsquelle liegt, verdeutlicht ein Vergleich mit der Phase der Industriellen Revolution. Damals fielen viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weg und neue wesentlich produktivere Stellen entstanden in der Industrie. Gerade dieser Produktivitätsanstieg war aber der entscheidende Wachstumsmotor, der die heutigen Industrieländer zu den Wohlstandshochburgen machte, die sie sind. Kurzum: Ohne den fortschreitenden Strukturwandel würden gerade auch die Deutschen heute nicht einen sehr viel höheren Lebensstandard genießen als ihre Vorfahren.

Der Strukturwandel geht nicht ohne Anpassungslasten vonstatten. Die empirische Forschung zeigt aber ganz überwiegend, dass die dauerhaften Globalisierungsgewinne deutlich größer als die vorübergehenden Anpassungskosten sind. Wer in diesem Prozess den Arbeitsplatz verliert, interessiert sich jedoch wohl nur wenig für den volkswirtschaftlichen Gewinn des Wandels – allemal, wenn längere Arbeitslosigkeit, ungewollte Umzüge oder eine zunächst unsichere und vielleicht auch geringer bezahlte Stelle die Folge sind.

Gesamtwirtschaftlich gesehen ist ein solcher Wandel aber unvermeidlich. Wer die bestehenden Strukturen konserviert und Arbeitsplatzverluste um jeden Preis verhindert, der stoppt den Wohlstandszug, mindert die Wettbewerbsfähigkeit und führt die Wirtschaft mittelfristig in die Krise. Zudem können die individuellen Anpassungslasten durch die Wirtschaftspolitik abgefedert werden, etwa durch Umschulungsmaßnahmen oder finanzielle Transfers an Arbeitslose. Damit lassen sich die Globalisierungsvorteile so umverteilen, dass auch die – meist nur vorübergehenden Verlierer – aufgefangen und für zukunftsträchtigere Stellen fit gemacht werden. Darüber hinaus kann eine adäquate Arbeitsmarktpolitik dafür sorgen, dass genügend neue Arbeitsplätze für diejenigen entstehen, die ihren Job durch die Globalisierung verloren haben.

Dass eine positive Beschäftigungsbilanz im Zeitalter der Globalisierung alles andere als Wunschdenken ist, zeigt der Blick auf die längerfristige Beschäftigungsbilanz. So sind in den Industrieländern seit 1985 rund 85 Millionen Arbeitsplätze entstanden, ein beträchtlicher Zuwachs von einem Viertel. Auch in Deutschland kamen rund 12 Prozent neue Jobs hinzu. Weil die Arbeitszeit in vielen Ländern verkürzt wurde und die Quote der Teilzeitbeschäftigten stieg, kann zu Recht eingewendet werden, dass die insgesamt geleistete Arbeitszeit weniger stark zugenommen hat. Aber seit 1985 hat in den Industrieländern auch das Arbeitsvolumen deutlich zugelegt, und zwar um 17 Prozent. Besonders stark war der Anstieg in Spanien und den angelsächsischen Ländern. Auch die Niederlande und die Schweiz konnten ansehnliche Zuwächse verbuchen. In Deutschland dagegen ist – auch bedingt durch die Arbeitszeitverkürzung und mehr Teilzeitbeschäftigung – nur eine Stagnation zu verzeichnen.

Der internationale Vergleich zeigt indes, dass diese nur sehr mäßige Bilanz Deutschlands weniger auf die Globalisierung, sondern eher auf Fehler in der Arbeitsmarktpolitik zurückzuführen ist – etwa eine zu hohe Abgabenlast, zu geringe Arbeitsanreize und ein zu strikter Kündigungsschutz. Hier hat Deutschland – vor allem mit der Agenda 2010 – erst spät umgesteuert, während viele andere Staaten schon sehr viel früher ihre Arbeitsmärkte globalisierungstauglich gemacht haben. Gerade kleinere kontinentaleuropäische Länder, die noch stärker von der Globalisierung betroffen sind, haben den deutschen Arbeitsmarktreformern als Vorbilder gedient.

Auch eine weitere statistische Untersuchung bestätigt die These, dass die Arbeitsmarktpolitik mit den Herausforderungen der Globalisierung fertig werden kann. So zeigt sich für den Zeitraum ab 1995 – also seitdem die Konkurrenz vor allem Chinas und Osteuropas deutlich stärker zu spüren ist: Es gibt im Vergleich der kontinentaleuropäischen Industrieländer keinen statistischen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Niedriglohnkonkurrenz und dem Niveau oder der Entwicklung der Arbeitslosigkeit.

Beklagt wird zuweilen auch, dass der Leistungsdruck am Arbeitsplatz immer höher und das Arbeitsklima kälter geworden ist. Auch hier könnte man einen Zusammenhang zur internationalen Arbeitsteilung konstruieren. Und tatsächlich mag der höhere Konkurrenzdruck einen Beitrag dazu leisten. Bedeutsamer erscheint aber – gerade in den Großunternehmen – die Veränderung der Management-Methoden seit den neunziger Jahren hin zu einer immer stärker vom Finanzmarkt getriebenen Shareholder-Value-Orientierung, die den Renditedruck erhöht hat.

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