21. Januar 2013

Wachstumsraten

Das Mehr wird weniger

In Deutschland und anderen Industrieländern steigt die Wirtschaftsleistung immer langsamer. Zudem ändert sich die Struktur des Wachstums: Heutzutage geht es nicht mehr so sehr um ein Mehr an Gütern und Dienstleistungen. Stattdessen kommt es zunehmend darauf an, diese besser zu machen.

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In der Nachkriegszeit erfreuten sich die Industrieländer noch eines rasanten Wachstums. Günstige Energiepreise und junge Bevölkerungen, die nach Wohlstand strebten, machten der Wirtschaft Beine. Das Bruttoinlandsprodukt den frühindustrialisierten Staaten legte in dieser Phase im Schnitt um mehr als 6 Prozent im Jahr zu. Doch spätestens seit Anfang der 1970er Jahre wird das Mehr an Wirtschaftskraft kontinuierlich weniger - Jahrzehnt für Jahrzehnt schrumpfen die Wachstumsraten um ein kleines Stück.

Der langfristige Abwärtstrend des Wirtschaftswachstums hat viele Gründe. Energie und Rohstoffe werden knapper und damit teurer. In Deutschland und vielen anderen Ländern mischt sich der Staat mit immer mehr Regeln in das Wirtschaftsleben ein und verlangt immer größere Teile des Bruttoinlandsprodukts für seine Zwecke. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung in vielen Ländern allmählich altert und schrumpft. In Deutschland verharrt die Zahl der Geburten pro Frau seit Jahrzehnten bei 1,3 – zu wenig, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Währenddessen steuern die Babyboomer der Jahrgänge 1950 bis 1960 zielstrebig auf das Rentenalter zu und bringen das Verhältnis von Ruheständlern zu Erwerbstätigen mit jedem Jahr weiter aus dem Gleichgewicht.

Alte Bevölkerungen neigen aber nicht mehr zu Abenteuern, und sei es nur das Abenteuer wirtschaftlicher Expansion. Zwar würden wohl auch ältere Menschen gerne ihren Wohlstand steigern. Doch statt das dafür Notwendige zu tun und sich in den kräftezehrenden Wettbewerb mit den aufstrebenden Nationen zu werfen, begnügen sie sich dann doch lieber mit dem Erreichten. Für Investoren bedeutet eine alternde Bevölkerung tendenziell geringere Renditen, also werden die Finanzströme zunehmend in die jungen Volkswirtschaften umgelenkt. In den alternden Gesellschaften werden ausgemusterte Maschinen nicht mehr ersetzt. Ganz langsam schrumpft der Kapitalstock. Weil sich dieser Prozess zum Glück nur schleichend vollzieht, kann eine schrumpfende Bevölkerung eine Zeit lang noch von vergangenen Früchten zehren. Doch wenn die Ersatzinvestitionen dauerhaft ausbleiben, sinkt der Wohlstand.

Auch wenn der demografische Wandel in vielen Industrieländern unaufhaltsam voranschreitet: Seine negativen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft können abgemildert werden. Der Rückgang der Erwerbstätigenzahl zum Beispiel lässt sich bremsen, indem die Menschen ihre hinzugewonnene Lebenszeit nicht komplett im Ruhestand verbringen, sondern zu einem Teil auch mit Arbeit. Auch am Beginn des Berufslebens ließe sich die Zahl der Produktiven steigern, wenn Ausbildungszeiten verkürzt werden und das Bildungssystem Jugendliche besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Mehr und bessere Kinderbetreuung würde zudem vielen Eltern helfen, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Vor allem Frauen könnten so fürs Arbeitsleben gewonnen werden. Nicht zuletzt kann auch die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte einen Beitrag dazu leisten, das wirtschaftliche Wachstum wiederzubeleben.

Wirtschaftswachstum an sich ist allerdings noch kein lohnenswertes Ziel. Doch Wachstum ist ein Mittel, um gesellschaftliche Probleme zu lösen: von der Finanzierung der Sozialsysteme über die Arbeitslosigkeit bis hin zu Staatsschuldenkrisen. Dabei bedeutet Wachstum nicht, dass der produzierte Güterberg von Jahr zu Jahr größer werden muss und somit immer mehr Ressourcen verbraucht werden. Allein die begrenzte Zeit, die den Menschen für den Konsum zur Verfügung steht, setzt einem immer größeren Umfang an Waren und Dienstleistungen natürliche Grenzen.

An die Stelle des quantitativen Wachstums tritt deshalb zunehmend ein qualitatives Wachstum: Autos werden sicherer, Urlaubsreisen interessanter und Frisuren raffinierter. Die Entscheidung, ob die Qualität zunimmt oder nicht, treffen allein die Bürger. Jeder ist frei, mit der Straßenbahn zu fahren, ins Umland zu verreisen und einen Standardhaarschnitt zu tragen. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Menschen aus eigenem Antrieb Dinge anders, besser und schöner machen wollen als bisher. Wenn man sie nur lässt und die passenden Rahmenbedingungen schafft, sind abnehmende Wachstumsraten kein Naturgesetz.