10. August 2010

Geringqualifizierte

Geringqualifizierte fühlen sich oft als die Verlierer der Globalisierung, weil sie arbeitslos werden oder sich mit Minilöhnen bescheiden müssen. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Auch andere Staaten haben unter der asiatischen Billiglohnkonkurrenz zu leiden, trotzdem sind dort die Unqualifizierten längst nicht so häufig arbeitslos wie in Deutschland.

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Quelle: Fotolia

Die Bilanz ist eindeutig: Menschen ohne Ausbildung haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht. Ihre Arbeitslosenquote lag in Deutschland noch im Jahr 2005 bei sehr hohen 20 Prozent. Und sie verdienen im Vergleich zu den Höherqualifizierten seit Mitte der 1990er Jahre immer weniger. Doch dafür darf die Globalisierung nicht pauschal zum Sündenbock gemacht werden. So schaffen es andere kontinentaleuropäische Länder, die Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten deutlich unter 10 Prozent zu halten, obwohl diese Staaten teilweise noch stärker in den internationalen Waren- und Dienstleistungshandel eingebunden sind.

Das zeigt: Globalisierung und Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten müssen nicht Hand in Hand gehen: Es gibt nämlich eine Art Zufluchtsbereich für Arbeitskräfte ohne umfangreiche Ausbildung, in dem sie vor Globalisierung und Rationalisierung weitgehend geschützt sind: die ortsgebundenen und personennahen Dienstleistungen. Das sind zum Beispiel das Gastgewerbe, die haushaltsnahen Dienste sowie teilweise auch der Freizeitsektor.

Selbst die deutsche Arbeitsmarktbilanz sieht für die einfachen Arbeitskräfte nicht so schlecht aus, wie die hohe Arbeitslosigkeit suggeriert. Denn die Beschäftigungsquote von Geringqualifizierten hat seit Ende der 1990er Jahre deutlich zugenommen. Weil aber zugleich immer mehr Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung auf den Arbeitsmarkt drängten, ging die Arbeitslosigkeit erst zuletzt merklich zurück.

Damit ist eine klare wirtschaftspolitische Botschaft verbunden. Zum einen muss die Bildungspolitik die durch die PISA-Studien aufgedeckten Schwächen schnell in den Griff bekommen und verhindern, dass das Gros der bildungsfernen Schüler die Zahl der Geringqualifizierten in Zukunft immer weiter erhöht. Zum anderen hat die wirtschaftspolitisch beabsichtigte Erweiterung des Niedriglohnsektors in Deutschland zu mehr Beschäftigung geführt. Tatsächlich stieg die Jobzahl für Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor allein zwischen 2000 und 2006 um rund 24 Prozent. Dieser Erfolg zeigt auch, dass die Hartz-IV-Reform richtig war. Denn sie ermöglicht es, Verdienste, die nicht zum Leben reichen, aufzustocken. Damit ist das Arbeitslosengeld II eine wichtige Voraussetzung für die sozialverträgliche Existenz eines Niedriglohnsektors.

Dass sich die Löhne der niedrig und der höher Qualifizierten trotzdem auseinander entwickeln hängt zwar auch mit der Globalisierung zusammen und hier vor allem mit dem Offshoring. Denn Unternehmen lagern geringqualifizierte Tätigkeiten dann weniger stark aus, wenn die Arbeitskräfte zu Hause bei den Löhnen Zugeständnisse machen.

Aber auch andere Faktoren drücken den Preis der Arbeit von Geringqualifizierten – etwa der technische Fortschritt, wenn Maschinen die Arbeit billiger erledigen können als Menschen. Die zunehmende Zahl erwerbstätiger Frauen hat ebenfalls die Lohnspanne vergrößert, weil anders als bei den Männern die weiblichen Arbeitnehmer oft entweder sehr gut oder so gut wie gar nicht qualifiziert sind. Die Mitte ist hier wesentlich dünner.

Eine große Sorge mit Blick auf die stärkere Konkurrenz durch die Niedriglohnländer liegt darin, dass die Reallöhne der Geringqualifizierten hierzulande sinken könnten – möglicherweise gar auf das Niveau in China und anderer Wettbewerber. Doch sprechen wichtige Gründe gegen dieses Angstszenario. So sind die industriellen Arbeitsplätze der Geringqualifizierten hierzulande wesentlich produktiver, weil sie besser mit Kapital und Technologie ausgestattet sind als die in den Schwellenländern. Zudem sind die Geringqualifizierten in den Industrieländern meist immer noch deutlich besser ausgebildet als ihre Kollegen in den Niedriglohnländern. Das rechtfertigt deutlich höhere Löhne hierzulande als etwa in China.

Mehrere Gründe sprechen zudem dafür, dass die Reallöhne der Geringqualifizierten im Zeitverlauf steigen. So macht die Globalisierung die Wirtschaft produktiver und Produktivitätssteigerungen sind die entscheidende Triebfeder für Einkommenszuwächse. Die Kanäle dabei bilden ein höherer Wettbewerbsdruck, der zu mehr Effizienz und Innovation anstachelt, die Nutzung von Größenvorteilen und auch das Offshoring von weniger produktiven Tätigkeiten. Zudem profitieren gerade die Geringverdiener vom Preisvorteil der Globalisierung. Denn viele standardisierte Importprodukte wie billige Textilien oder Unterhaltungselektronik machen bei ihnen einen größeren Teil der Ausgaben aus als bei Besserverdienern. In der Tat zeigt eine Studie des Internationalen Währungsfonds, dass in den Industrieländern die Einkommen der Geringverdiener in den 1990er Jahren nicht wie befürchtet gesunken, sondern sogar um 1,6 Prozent pro Jahr gestiegen sind.

In Deutschland mussten die Geringqualifizierten zwar seit der Jahrtausendwende Realeinkommenseinbußen hinnehmen. Dies ist jedoch Folge mehrerer weitgehend einmaliger Anpassungsreaktionen. So wurden früher die Löhne der unqualifizierten Arbeitnehmer von den Gewerkschaften oftmals aus Gerechtigkeitsgründen stärker nach oben getrieben als die Löhne der Fachkräfte. In der Folge wurden viele Stellen für Geringqualifizierte aus Kostengründen gestrichen. Erst ein Bruch mit dieser Lohnpolitik hat es möglich gemacht, dass der Niedriglohnsektor wieder wächst. Gleichzeitig stagnierten die Reallöhne insgesamt – und damit auch die Löhne der unqualifizierten Mitarbeiter –, weil die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder gewinnen musste. Und schließlich war das Wirtschaftswachstum in Deutschland zwischen 1995 und 2005 eines der niedrigsten unter den Industrieländern, nicht zuletzt, weil die finanziellen Lasten der Wiedervereinigung dämpfend wirkten und tief greifende Reformen lange hinausgezögert wurden. Für die Bezieher niedriger Einkommen war damit ebenfalls nichts zu holen.

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