21. Januar 2013

Nachhaltigkeit

Die Zukunft im Blick

Deutschland ist noch nicht für alle Zukunftsfragen gut gerüstet. Vor allem die demografischen Herausforderungen sind groß.

Wenn Wissenschaftler heute das Wachstumspotenzial von Volkswirtschaften beurteilen und vergleichen, berücksichtigen sie mittlerweile auch Aspekte der Nachhaltigkeit. Ursprünglich stammt dieser Begriff aus der Forstwirtschaft. Demnach darf nicht mehr Holz gefällt werden, als nachwachsen kann. Analog dazu gilt eine Volkwirtschaft dann als nachhaltig, wenn sie mindestens so viel Kapital aufbaut, wie sie verbraucht. Als Kapital gilt alles, was Erträge abwirft: Maschinen und Anlagen, natürliche Ressourcen und die Fähigkeiten der Menschen.

Weil dafür das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messgröße alleine nicht ausreicht, verwenden Experten häufig erweiterte Indikatorensets – ökonomische, soziale und ökologische Variablen, die eine Betrachtung im Zeitablauf ermöglichen:

Ökonomische Nachhaltigkeit (Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft)

  • Arbeitsproduktivität (reales BIP je Erwerbstätigenstunde, in Euro)
  • Erwerbspersonenpotenzial (Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren, in Prozent der Gesamtbevölkerung)
  • Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Prozent des BIP
  • Investitionsquote (Bruttoanlageinvestitionen, in Prozent des BIP)
  • Struktureller Primärsaldo der öffentlichen Haushalte in Prozent des BIP
  • Altenquotient (65-Jährige und Ältere, in Prozent der Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren)

Soziale Nachhaltigkeit (Wohlstandsniveau und -verteilung)

  • Einkommensniveau (Nettonationaleinkommen je Einwohner, in US-Dollar und Kaufkraftparitäten)
  • Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
  • Lebenserwartung bei Geburt in Jahren
  • Armutsgefährdungsquote (weniger als 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen)

Ökologische Nachhaltigkeit (Umweltqualität und -verbrauch)

  • Treibhausgasemissionen (Kohlendioxidäquivalente, in Tonnen je Einwohner)
  • Energieverbrauch (Rohöläquivalente, in Tonnen je Einwohner)
  • Energieintensität (Rohöleinheiten, in Kilogramm je 1.000 Euro BIP)
  • Rohstoffproduktivität (BIP/inländischer Materialverbrauch, in Euro je Kilogramm)

Wenn man Deutschland anhand dieser drei Kategorien mit anderen Ländern vergleicht, gibt es in Sachen Nachhaltigkeit keinen eindeutigen Befund:

  • Ökonomische Nachhaltigkeit: Bei der Arbeitsproduktivität, den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und dem Zustand der öffentlichen Haushalte schneidet Deutschland besser ab als der OECD-Durchschnitt. Doch die Bevölkerung Deutschlands altert und das Erwerbspersonenpotenzial geht zurück. Damit kann die Basis gefährdet werden, die es ermöglicht, Wohlstand zu erwirtschaften.
  • Soziale Nachhaltigkeit: Ob Einkommensniveau, Einkommensverteilung, Armutsgefährdungsquote oder Lebenserwartung - bei allen vier Indikatoren schneidet Deutschland besser ab als der Durchschnitt.
  • Ökologische Nachhaltigkeit: Insgesamt steht Deutschland auf den ersten Blick schlechter da als die verglichenen Staaten. Allerdings hat die Industrie in der größten Volkswirtschaft Europas ein stärkeres Gewicht als anderswo. Und Industrieprodukte sind in der Herstellung energie- und rohstoffintensiver als Dienstleistungen.

Bewertet man die drei Indikatorensets insgesamt, zeigt sich, dass für Deutschland beim Thema Nachhaltigkeit vor allem die demografischen Herausforderungen groß sind: Derzeit jedenfalls reichen die Voraussetzungen nicht aus, um die Probleme zu meistern. Der größte Nachholbedarf besteht darin, Zuwanderern den Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Ähnlich positive Auswirkungen hätte es, wenn es gelänge, noch mehr Frauen ins Erwerbsleben zu integrieren.