26. September 2013

Überblick

Die Drift ist gestoppt

Seit Mitte der 1990er Jahre schien die Ungleichheit in Deutschland unaufhaltsam zuzunehmen. Mittlerweile aber schließt sich die Einkommensschere wieder etwas.

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Die Wirtschaft sucht dringend nach fähigen Mitarbeitern und zahlt ihnen gute Löhne. Gleichzeitig stehen Geringqualifizierte im Konkurrenzkampf mit Arbeitern aus Billiglohnländern sowie mit Computern und Maschinen, die immer mehr Aufgaben erledigen können. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist, dass sich die Einkommensschere in Deutschland – wie in allen Industriestaaten - in den vergangenen beiden Jahrzehnten geöffnet hat. Das oberste Einkommenszehntel hat in Deutschland ein ordentliches Tempo vorgelegt und sein Einkommen allein in den Jahren 2000 bis 2005 um knapp 15 Prozent gesteigert. Gleichzeitig büßte das untere Zehntel mehr als 7 Prozent seines Einkommens ein.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern konnte Deutschland die Einkommensdrift zuletzt aber bremsen – und sogar ein Stück weit zurückdrehen. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und der beispiellose Abbau der Arbeitslosigkeit haben die Lebenssituation von Millionen Menschen verbessert. Zum einen hat Deutschland das Glück, Maschinen und andere Investitionsgüter zu produzieren, die von den aufstrebenden Schwellenländern derzeit stark nachgefragt werden. Zum anderen haben die Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt flexibilisiert und vielen Menschen den Einstieg geebnet. Das untere Einkommenszehntel konnte von 2005 bis 2010 einen großen Teil seiner Einbußen wieder wettmachen. Am anderen Ende der Einkommensskala haben viele Wohlhabende in der Finanzkrise Verluste hinnehmen müssen. Seit 2005 hat das obere Zehntel wieder einen Teil seines Einkommens verloren. Beide Klingen der Einkommensschere bewegen sich wieder langsam aufeinander zu.

Den Wandel bekommen alle Schichten zu spüren. Nachdem der Anteil der Einkommensarmen ab dem Ende der 1990er Jahre zunächst gestiegen ist, blieb die Quote zuletzt immerhin konstant um 14 Prozent. Unter anderem der Trend zum Alleinleben und Alleinerziehen, der die Armut statistisch gesehen vergrößert, verhinderte ein Sinken der Armutsquote. Ein Job, und sei er erst mal auch schlecht bezahlt, erwies sich als der sicherste Weg nach oben.

In der Mitte der Gesellschaft war ebenfalls eine Trendwende zu spüren. In den Jahren um die Jahrtausendwende schrumpfte die Mittelschicht, zu der per IW-Definition alle Menschen mit einem Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens gehören. Um das Jahr 2005 endete der Aderlass. Heute gehört der Mittelschicht wieder etwa die Hälfte der Bevölkerung an – so viele wie auch Anfang der 1990er Jahre.

Dennoch bleibt eine beachtliche Konzentration der finanziellen Mittel: Die oberen 10 Prozent verdienen 30 Prozent aller Einkommen. Noch ungleicher sind die Vermögen verteilt: Die vermögendsten 10 Prozent der Bevölkerung vereinigen 60 Prozent des Besitzes auf sich. Ganz so abgehoben, wie diese Zahlen nahe legen, ist die Oberschicht aber nicht, denn ein großer Teil der Vermögen ist in Betrieben gebunden. Viele Reiche legen ihr Geld also auch in Arbeitsplätzen an. Zum anderen sind die 10 Prozent der Einkommensstärksten nur zum Teil identisch mit den 10 Prozent der Vermögendsten. Auch viele Normalverdiener verfügen über stattliche Vermögen, nennen ein Haus ihr Eigen oder sparen für das Alter. Sogar einige „Arme“ können Vermögen vorweisen. Die Armutsstatistik schaut allerdings nur auf die laufenden Einnahmen aus Lohn, Rente und Sozialleistungen. Dass immerhin jeder 6. Einkommensarme über ausreichend Vermögen verfügt, um sich 10 Jahre lang über Wasser zu halten, verschweigt die Statistik.

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