21. Januar 2013

Regionen

Die Länder haben es in der Hand

Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt der Westen Deutschlands noch immer deutlich vor dem Osten. Auch von Süden nach Norden verläuft ein Einkommensgefälle. Letztlich ist die Himmelsrichtung aber nicht der entscheidende Faktor für den Wohlstand einer Region.

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Ostdeutschland hat in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung viel Boden gut gemacht. Der Bauboom bescherte den fünf damals noch neuen Bundesländern zweistellige Wachstumsraten. Im Jahr 1996 erwirtschaftete der durchschnittliche Ossi nur noch 8.000 Euro weniger als der durchschnittliche Wessi. Seither geht es aber nur noch langsam voran. Der Abstand hat sich sogar vergrößert und nähert sich allmählich wieder der 10.000-Euro-Marke.

Der Osten hat einige ernste Probleme: In den vergangenen 20 Jahren ist die Bevölkerungszahl von 18 auf rund 16 Millionen gesunken. Dies hat zwar den Arbeitsmarkt entlastet, doch zunehmend haben die Unternehmen nun Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden. Die Industrie ist in vielen Teilen schwach entwickelt, die Produktivität der Arbeitskräfte gering, und lange subventionierte Branchen kämpfen ums Überleben: Die Werften an der Ostsee bekommen kaum noch Aufträge, die Solarfirmen melden reihenweise Insolvenz an. Und: Kein einziges Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex hat seinen Hauptsitz im Osten. Einige Entwicklungen machen aber auch Mut. Die mecklenburgische Seenplatte zieht viele Touristen an. Potsdam, Leipzig und Dresden beherbergen hervorragende Forschungseinrichtungen und Hochschulen, die der Wirtschaft gute Bedingungen bieten.

Dagegen steht im Westen längst nicht alles zum Besten. So hat das Ruhrgebiet weiterhin am Strukturwandel zu knabbern. Zwar fassen nach dem Ende des Bergbaus neue Branchen wie die Gesundheitswirtschaft Fuß, doch Dortmund, Essen und Duisburg strahlen bei weitem nicht so viel Prosperität auf das Umland ab wie bei anderen Großstädten üblich. Die ländlichen Regionen um Hamburg, Frankfurt und München zum Beispiel profitieren viel stärker von der Infrastruktur der Metropolen.

Gerade das Hamburger Umland kann den Anschub auch gut gebrauchen, denn neben dem Osten ist der Norden die zweite Himmelsrichtung, in der die Wirtschaft zurückbleibt. Schleswig-Holstein und Niedersachsen können mit den starken Ländern im Süden nicht mithalten und hängen am Tropf des Länderfinanzausgleichs. Hessen, Bayern und Baden-Württemberg zahlen die Rechnung des innerdeutschen Transfersystems fast alleine. Hessen profitiert vom Finanzzentrum Frankfurt. Baden-Württemberg kann sich auf seine mittelständische Wirtschaft verlassen. Bayern beheimatet erfolgreiche Dienstleistungsbranchen: So sitzen die beiden größten Versicherer Deutschlands in München. Zudem vollzieht sich der technische Fortschritt südlich des Weißwurstäquators in einem höheren Tempo als im Rest der Republik: Bayern und Baden-Württemberg haben 2011 weit mehr Patente angemeldet als alle anderen Bundesländer zusammen.

Für das Wirtschaftswachstum sind Patente und Innovationen ein entscheidender Faktor. Auffällig ist, dass in Deutschland ein großer Teil der Rahmenbedingungen für Innovationen in die Zuständigkeit der Länder fällt. Sie haben es also selbst in der Hand, ihre Schulen und Universitäten zu verbessern sowie Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Die südlichen Bundesländer sind in dieser Hinsicht sehr erfolgreich. Die baden-württembergischen Unternehmen etwa geben doppelt so viel für Forschung und Entwicklung aus wie die Firmen in Nordrhein-Westfalen. Aber auch der Osten liefert Erfolgsmeldungen: Laut Bildungsmonitor 2012 hat Sachsen das erfolgreichste Bildungssystem. Kurzum: Viele Faktoren bestimmen über das Wohl und Wehe einer Region. Die geografische Lage gehört allerdings nicht dazu.