21. Januar 2013

Kapital

Der entgangene Konsum

Damit der Kapitalstock einer Volkswirtschaft nicht schrumpft, muss kontinuierlich investiert werden. Die Finanzmärkte haben dabei die Aufgabe, die Ersparnisse in die sinnvollsten Projekte zu lenken.

Kapital Image

Um Güter herstellen zu können, brauchen die Unternehmen zunächst einige andere Güter. Zum einen sogenannte Vorleistungen wie Stahl und Autolack, die unmittelbar in der Produktion aufgehen. Zum anderen sogenannte Investitionsgüter, die eine längere Lebensdauer haben und immer wieder für die Produktion herangezogen werden können, zum Beispiel eine Fabrikhalle und eine Lackierpistole. Die Summe dieser Investitionsgüter bildet den Kapitalstock. Von seiner Größe und Qualität hängt ab, wie viel eine Volkswirtschaft produzieren kann.

Doch auch die langlebigsten Güter sind nicht unsterblich. Spätestens, wenn es durch das Dach der Fabrikhalle regnet, muss der Unternehmer handeln. Ohne Ersatzinvestitionen schrumpft der Kapitalstock und damit das Produktionspotenzial. Soll die Wirtschaftsleistung sogar wachsen, müssen die Investitionen größer sein als der Verschleiß. In manchen Fällen lohnt es sich auch, schon vor dem Ableben eines Roboters oder eines anderen Kapitalguts in einen Nachfolger zu investieren, denn mit der nächsten Generation hält auch der neueste Stand der Technik Einzug.

Das Sachkapital hat unter den Produktionsfaktoren eine Sonderrolle inne, denn es muss – im Gegensatz zu den Produktionsfaktoren Arbeit und Ressourcen - erst hergestellt werden. Erst durch den Einsatz der beiden anderen Faktoren in Verbindung mit technischem Wissen entsteht Kapital. Weil es nicht von alleine existiert, fristete das Kapital die längste Zeit der Menschheitsgeschichte ein eher randständiges Dasein. Am Anfang lebten die Menschen von der Hand in den Mund und verzehrten das, was ihnen gerade über den Weg lief und was am Rande des Wegs von den Büschen hing. Im Laufe der Zeit verzichteten sie aber immer häufiger auf den sofortigen Konsum und investierten einen Teil ihrer Zeit, um Speere zu schnitzen und Netze zu knüpfen, die das Jagen und Fischen erleichterten und insgesamt mehr Konsum ermöglichten. Die Menschen fanden zunehmend Geschmack an dieser - wie Ökonomen sagen - Kapitalakkumulation. Heute verfügen die Industrie- und Schwellenländer über eine gigantische Ansammlung an Investitionsgütern. Deutschlands Bestand an Sachanlagen summiert sich auf mehr als das Dreifache seiner jährlichen Wirtschaftsleistung.

An der grundlegenden Logik aber hat sich seit der Steinzeit nichts geändert: Nur der Verzicht auf Konsum in der Gegenwart ermöglicht Investitionen in den Kapitalstock, und die steigern den Konsum in der Zukunft. Zunächst sind Kosten zu tragen, indem gespart wird, und erst später fallen die Erträge an. Damit sich der Verzicht lohnt und die Ersparnisse möglichst viel abwerfen, gibt es sogar einen eigenen Wirtschaftszweig, dessen Hauptaufgabe darin besteht, das Ersparte in möglichst ertragreiche Projekte zu lenken: den Finanzsektor. Eine der wichtigsten Funktionen zum Beispiel von Banken besteht darin, Informationen über die diversen Anlagemöglichkeiten zu sammeln und das ihnen anvertraute Geld in die attraktivsten Vorhaben zu lenken. In der Praxis geht der Plan aber leider manchmal schief – weil die Zukunft nicht immer vorhersehbar ist und das Geld in Projekte gesteckt wird, die sich nicht rechnen. In Spanien und Irland beispielsweise flossen in den Jahren vor der Eurokrise große Summen in Immobilien, die nun leer stehen.

Trotz all der Übertreibungen und Irrationalitäten erfüllt der Finanzsektor aber eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Müssten die Menschen erst jahrelang sparen, um das nötige Geld für eine Investition aus eigener Kraft aufbringen zu können, bestünde der Kapitalstock in vielen Ländern wohl noch immer zu großen Teilen aus Speeren und Fischernetzen.