3. Mai 2010

Armut im internationalen Vergleich

Armut lässt sich nicht nur an einem Kriterium festmachen. In der EU werden deshalb verschiedene Armutsbegriffe verwendet. Doch egal, wie Armut gemessen wird – Deutschland gehört zu den Ländern, in denen die Menschen einigermaßen über die Runden kommen und in den meisten Fällen genügend finanzielle Ressourcen haben, um sich einen gewissen Lebensstandard zu leisten. Noch besser lebt es sich allerdings in Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und Schweden. In den mittel- und südeuropäischen Ländern zeigen sich dagegen die größten Armutsprobleme.

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Möchte man Armut international vergleichen, muss man sich zunächst damit auseinandersetzen, was hierunter zu verstehen ist. Meist wird dabei die relativ einfach messbare relative Einkommensarmut verglichen. Danach gilt als arm, wer nur über ein vergleichsweise niedriges Einkommen verfügt – gemeint ist damit die Unterschreitung eines bestimmten Prozentsatzes des mittleren Einkommens. Diese Definition reduziert Armut jedoch auf ein spezielles Maß an Einkommensungleichheit. Nach der offiziellen Definition der Europäischen Kommission gilt dagegen als arm, wem es aufgrund mangelnder Ressourcen unmöglich ist, ein würdevolles Leben mit einem annehmbaren Lebensstandard zu führen. Damit hat Armut zwei Seiten: die der Ressourcen und die der Lebensumstände. Nur wenn das Geld nicht reicht, um sich ein Mindestmaß an Gütern und Dienstleistungen zu kaufen, wird von Armut gesprochen. Umgekehrt sind geringe Mittel nur dann ein Problem, wenn sie die Menschen tatsächlich zwingen, sich unzumutbar einzuschränken.

Armutsbegriffe

  • Armutsdefinition der EU: Nach der offiziellen Armutsdefinition der Europäischen Kommission aus dem Jahr 1984 sind verarmte Personen „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, indem sie leben, als Minimum hinnehmbar ist.“
  • Relative Einkommensarmut (Armutsrisikoquote): Relative Einkommensarmut liegt nach einer Konvention vor, wenn das Nettoäquivalenzeinkommen einer Person weniger als 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste) beträgt. Der Anteil der Personen in relativer Einkommensarmut wird als Armutsrisikoquote bezeichnet.
  • Äquivalenzeinkommen: Bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das Einspareffekte durch gemeinsames Wirtschaften mehrerer Personen in einem Haushalt und den geringeren Bedarf von (jüngeren) Kindern berücksichtigt. Das Äquivalenzeinkommen rechnet das Pro-Kopf-Einkommen auf den Bedarf eines Singles um. Es gibt allerdings keine wissenschaftlich eindeutig bestimmbare Skala, um die Einspareffekte durch gemeinsames Wirtschaften exakt zu ermitteln. Von der Europäischen Union wird eine Skala mit relativ hohen Einspareffekten verwendet. Danach braucht ein Ehepaar mit zwei Kindern 2,1-mal so viel wie ein Single. Bei einem Haushaltseinkommen von 2.100 Euro hat es daher das gleiche Äquivalenzeinkommen wie eine alleinstehende Person mit 1.000 Euro.
  • Deprivationsarmut: Während bei relativer Einkommensarmut die Armutsmessung an den Ressourcen ansetzt, also indirekt vorgeht, wird bei der Deprivationsarmut direkt erfasst, ob Merkmale, die einen Mindestlebensstandard ausmachen, fehlen. Hierbei wird teilweise in (Vor-)Befragungen ermittelt, welche Merkmale von der Mehrheit der Bevölkerung als unverzichtbar angesehen werden. Zusätzlich gefragt wird, ob Merkmale – beispielsweise eine tägliche warme Mahlzeit –aus finanziellen Gründen fehlen, um so sicher zu stellen, dass es sich auch tatsächlich um einen erzwungenen Verzicht handelt und nicht um besondere individuelle Vorlieben.
  • Kombinierte Armutsmessung: Einen kombinierten Armutsindikator verwendet beispielsweise die irische Regierung. Armut liegt hier nur dann vor, wenn relative Einkommensarmut und Deprivationsarmut zusammentreffen. Durch die Kombination ist größere Treffsicherheit möglich: Denn einerseits ist es denkbar, dass trotz geringen Einkommens ein ausreichender Lebensstandard erreicht wird (beispielsweise durch effiziente Haushaltsführung, Auflösung von Vermögen, Hilfe von Dritten), anderseits kann Deprivation auch bei ausreichendem Einkommen auftreten, wenn beispielsweise durch teure Hobbies Geld für die Dinge fehlt, die von der Gesellschaft als unverzichtbar angesehen werden. Die kombinierte Armutsmessung wird damit auch der EU-Definition von Armut am ehesten gerecht.

Somit gibt es auch zwei Ansatzpunkte, Armut zu erfassen. Zum einen lässt sich messen, ob Personen in Teilbereichen von einem als gesellschaftlich akzeptierten Mindest-Lebensstandard ausgeschlossen sind (sogenannte Deprivation). Hierzu könnte beispielsweise gefragt werden, ob der Haushalt aus finanziellen Gründen nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit einnehmen kann. Anstatt direkt, lässt sich Armut auch indirekt über die zur Verfügung stehenden Mittel wie beispielsweise das Einkommen messen. Beide Methoden führen aber nicht zwangsläufig zu den gleichen Ergebnissen. Denn wie hoch der Lebensstandard tatsächlich ausfällt, hängt auch davon ab, wie die Ressourcen genutzt werden. Damit wird das Wohlstandsniveau auch von dem Verhalten und den Vorlieben des Einzelnen und seines Haushalts bestimmt. So kann es sein, dass durch ein teures Hobby kein Geld mehr für Dinge übrig bleibt, die von der Gesellschaft als elementar eingestuft werden und ein Haushalt deshalb trotz eigentlich ausreichender finanzieller Mittel als arm gilt. In diesem Fall würde also ein Armutsmaß, das nur Lebensstandardmerkmale einfließen lässt, verzerrte und überhöhte Ergebnisse liefern.

Aber auch das laufende Einkommen allein gibt über den rein materiellen Wohlstand nur eingeschränkt Auskunft. So ist ein niedriges Einkommen möglicherweise nur vorübergehend, etwa weil gerade eine Ausbildung durchlaufen wird, nach der Geburt eines Kindes ein Elternteil eine freiwillige Erwerbspause einlegt, oder weil ein Haushaltsmitglied arbeitslos wird. Ist ein ausreichend großes Geldvermögen vorhanden, können solche Einnahmeausfälle aber abgefedert werden. Zudem können langlebige Gebrauchsgüter, wie beispielsweise ein teures Auto oder eine hochwertige Küche, weiterhin genutzt werden und bestimmen so den tatsächlichen Lebensstandard mit, auch wenn eine Zeitlang weniger Geld für Neuanschaffungen ausgegeben wird. Viele Ökonomen bevorzugen daher den Konsum zur Messung von Wohlstand und Armut, da er das permanente Einkommen (Lebenseinkommen) besser widerspiegelt.

Problematisch ist es nicht nur, das Einkommen als alleinigen Armutsindikator auszuwählen, auch der starre Schwellenwert von 60 Prozent des Medians ist fragwürdig. Denn entscheidend ist auch, wie hoch das Wohlstandsniveau eines Landes ist. In einem reichen Land lässt sich mit einem relativ betrachtet niedrigen Einkommen offenbar weit besser leben als in einem weniger wohlhabenden. In Portugal beispielsweise gilt jemand, der nur 6.000 Euro zur Verfügung hat, nicht mehr als arm, während man in Deutschland 10.000 Euro verdienen kann und trotzdem als einkommensarm angesehen wird. Daher ist es sinnvoll, Armut anhand von mehreren Kriterien zu vergleichen.

Bezogen auf den Anteil der relativ Einkommensarmen schneidet Deutschland im europäischen Vergleich mittelmäßig ab – bei einer Quote von 15 Prozent wird der EU-Durchschnitt um zwei Prozentpunkte unterboten. Vergleichsweise selten ist relative Einkommensarmut besonders in Tschechien und den Niederlanden, aber auch in den skandinavischen Ländern, in Österreich und einigen mittel- und osteuropäischen Ländern wie der Slowakei, Ungarn und Slowenien. Mit Quoten um die 20 Prozent und darüber ist das sogenannte Armutsrisiko dagegen in Südeuropa, im Baltikum und in den angelsächsischen Ländern (Irland, Vereinigtes Königreich) weit verbreitet.

Von der Höhe des Einkommensniveaus eines Landes hängt offenbar auch ab, ob man sich selbst als einkommensarm empfindet. Um ein entsprechendes Stimmungsbild zu bekommen, werden EU-Bürger regelmäßig befragt, was das geringste monatliche Nettoeinkommen wäre, um finanziell zurechtzukommen. Dann wird gefragt, ob das eigene Einkommen diesem Betrag in etwa entspricht, darüber oder darunter liegt. Ist das eigene Einkommen niedriger als das aus eigener Sicht erforderliche Mindesteinkommen, wird diese Person als subjektiv einkommensarm angesehen.

Es zeigt sich, dass in Ländern mit niedrigen Einkommensniveaus besonders viele Personen angeben, weniger Geld zur Verfügung zu haben, als sie unbedingt bräuchten, um über die Runden zu kommen. So sind in Lettland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn zwischen 64 und 86 Prozent der Bevölkerung subjektiv einkommensarm. Im wohlhabenden Dänemark trifft dies nur auf 6 Prozent der Bevölkerung zu. Eine eher niedrige subjektive Armutsquote weist mit 21 Prozent auch Deutschland auf. Auch Irland und das Vereinigte Königreich zählen dank hohen Einkommensniveaus – trotz großer Einkommensungleichheit – zu den Ländern mit eher seltener subjektiver Armut.

Ob jemand aus finanziellen Gründen auf Dinge verzichten muss, die von der Gesellschaft als wesentlich angesehen werden, lässt sich ebenfalls messen: Die OECD hat hier sieben Merkmale ausgewählt, über deren Notwendigkeit für ein würdevolles Leben in den meisten Ländern breiter Konsens herrscht. Hierzu gehört beispielsweise eine angemessene Beheizung der Wohnung, eine gesunde Ernährung, Geld für die Miete und die Nebenkosten.

Fehlen mindestens zwei der sieben Merkmale, wird von massiver Entbehrung gesprochen. Am wenigsten verzichten müssen die Menschen in den skandinavischen Ländern, wo lediglich zwischen knapp 8 und 9 Prozent der Bevölkerung von Deprivationsarmut betroffen sind. Deutschland nimmt zwar nur eine mittlere Position ein, dennoch liegt die Deprivationsquote mit 12,6 Prozent auf relativ niedrigem Niveau. In einigen mitteleuropäischen Ländern, aber auch in Griechenland und Portugal sind dagegen knapp 40 bis annähernd 60 Prozent der Personen depriviert. Erstaunlich häufig kommt – angesichts des recht hohen Wohlstandsniveaus – Deprivationsarmut in Italien mit einer Quote von 30 Prozent vor. In den USA, in Japan und Australien liegt die Deprivationsquote bei 22 Prozent. Das entspricht in etwa dem europäischen Durchschnittsniveau. Allerdings sind die Werte nur eingeschränkt vergleichbar, da Deprivation in Europa etwas anders gemessen wird als anderswo.

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