21. Januar 2013

Historie

Der Osten fordert den Westen heraus

Kontinuierliches Wirtschaftswachstum ist in der Menschheitsgeschichte ein sehr junges Phänomen. Erst seit der Industrialisierung steigt das Pro-Kopf-Einkommen dauerhaft. Dabei hat der Westen die Nase vorn - noch.

Interaktive Grafik: Das Wirtschaftswachstum der Welt seit 1850
Interaktive Grafik zur Weltwirtschaft
Interaktive Grafik: Das Wirtschaftswachstum der Welt seit 1850
Interaktive Grafik zur Weltwirtschaft

Zum prägenden Lebewesen auf der Erde entwickelte sich der Homo sapiens erst vor 15.000 Jahren. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vermehrten sich die Menschen so stark, dass sie sich nicht mehr auf die gewohnte Weise als Jäger und Sammler ernähren konnten. In einem besonders fruchtbaren Gebiet südlich der heutigen Türkei kultivierten sie erstmals Pflanzen und domestizierten einige Tiere. Die neuen Kulturtechniken Ackerbau und Viehzucht verbreiteten sich unter anderem in den heißen Flusstälern Mesopotamiens auf dem Gebiet des heutigen Irak. Dort machten die Bauern aus der Not der Trockenheit eine Tugend und entwickelten ein System zur Bewässerung ihrer Felder – die Grundlage für eine blühende Landwirtschaft und den ersten Staat.

Immer mehr Städte und Staaten entstanden und breiteten sich bis zum östlichen Mittelmeer aus. Bis sich vor rund 2.000 Jahren das Römische Reich den gesamten Mittelmeerraum einverleiben konnte, dauerte es aber noch viele Jahrhunderte. Zur gleichen Zeit wie das alte Rom schwang sich im heutigen China das Han-Reich zur Großmacht empor. Die Reichtümer auf beiden Seiten Eurasiens brachten Nomaden dazu, eine Verbindung zwischen Ost und West zu schaffen. Allerdings tauschten die Steppenvölker nicht nur Waren und Ideen aus, sondern auch zahlreiche Mikroben. Beide Reiche brachen schließlich auseinander.

Im Westen, wo arabische Eindringlinge zwar stark genug waren, das alte Kerngebiet um das Mittelmeer zu zerschlagen, nicht aber die Kraft hatten, ein neues Reich zu errichten, ging es bergab. Der Osten hingegen schuf im heutigen China ein Kanalsystem, das ähnliche Bedeutung hatte wie das Mittelmeer in Europa, und zog etwa im 6. Jahrhundert am Westen vorbei. Erst nachdem Christoph Kolumbus im 15. Jahrhundert per Zufall den amerikanischen Doppelkontinent entdeckte, übernahm der Westen wieder die Führung. Die Herausforderungen des transatlantischen Handels brachten schließlich britische Unternehmer dazu, die Kräfte von Kohle und Dampf zu entfesseln und die Industrialisierung einzuläuten. Eine zunehmende Zahl von Erfindungen trieb die Entwicklung voran. Die Eisenbahn ermöglichte den Austausch mit Regionen, die über Wasserstraßen nicht zu erreichen waren. Die Industrialisierung legte den Grundstein für ein bis heute andauerndes Wirtschaftswachstum.

Um das Jahr 1850 war Großbritannien im Pro-Kopf-Einkommen weltweit führend. Doch das kontinentale Nordwesteuropa und die Vereinigten Staaten steigerten ihre Anteile an der Weltwirtschaft. Auch Japan und der Rest Europas schalteten sich zunehmend in die Weltwirtschaft ein. Wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich Rohstoffe gehandelt, war der Austausch im späten 19. und im 20. Jahrhundert stärker durch Fertigwaren geprägt.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlitt die internationale Arbeitsteilung jedoch einen tiefen Einschnitt. Auch in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schotteten sich die Staaten mit Zöllen und bürokratischen Hürden ab. Die Große Depression Ende der 1920er Jahre brachte die Weltwirtschaft schließlich zum Erliegen. In Deutschland, Italien und Japan entwickelte sich übersteigerter Nationalismus zu einem Faschismus, der schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete. Erst mit dem Sieg der USA und ihrer Verbündeten gelang ein neuer Ansatz der Globalisierung. Die Entwicklung der Informationstechnik versetzte die Unternehmen zunehmend in die Lage, ihre Produktion länderübergreifend zu organisieren. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus beteiligten sich plötzlich hunderte Millionen Menschen an der internationalen Arbeitsteilung.

Doch nicht nur die Wirtschaft globalisierte sich, sondern auch die Probleme: seien es instabile Finanzmärkte, Pandemien oder der Klimawandel. Die Lösung erfordert jeweils globale Kooperationen – ein ehrgeiziges Unterfangen in einer Zeit, in der die Hegemonie Amerikas zunehmend durch den Aufstieg Chinas herausgefordert wird: Das chinesische Pro-Kopf-Einkommen wächst seit drei Jahrzehnten um rund 8 Prozent jährlich – in den USA sind es nur knapp 2 Prozent. Der Nachholbedarf allein kann die Geschwindigkeit der chinesischen Aufholjagd nicht erklären. In einer Zeit, in der das amerikanische Pro-Kopf-Einkommen noch viel niedriger war als das heutige in China, wuchs die Wirtschaftskraft der USA auch nicht schneller als heute. Nicht ausgeschlossen also, dass der Welt ökonomisch gesehen ein erneuter Führungswechsel bevorsteht – so wie schon einmal vor rund 1.500 Jahren.