18. Juni 2015

Einkommensungleichheit

Der Aufholprozess

Die Einkommensungleichheit ist in Deutschland weniger stark ausgeprägt als im EU-Durchschnitt.

Einkommensungleichheit Image
Quelle: katyspichal - Fotolia

Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher – auch das ist eine jener Behauptungen, die Schlagzeilen garantieren. Doch stimmt sie auch? Wenn es so wäre, müsste der sogenannte Gini-Koeffizient steigen, denn dieses Maß zeigt, wie groß oder klein die Einkommensungleichheit in einem Land ist. Der Gini-Koeffizient liegt immer zwischen 0 (alle Menschen verdienen gleich viel) und 1 (das gesamte Einkommen fällt einer einzigen Person zu) – in Deutschland beträgt er aktuell 0,288. Verglichen mit 1991 hat sich also die Einkommensungleichheit etwas erhöht, seit Mitte der 2000er Jahre pendelt der Wert jedoch in der ziemlich engen Spanne zwischen 0,28 und 0,29.

Im internationalen Vergleich der EU sehen die Zahlen aufgrund unterschiedlicher Erhebungen ein bisschen anders aus. Hier kommt Deutschland im Jahr 2013 auf einen Wert von 0,297 und schneidet damit besser ab als der EU-Durchschnitt, der bei 0,305 liegt. Eine geringe Einkommensungleichheit als in Deutschland gibt es demnach unter anderem in Dänemark, Finnland, Schweden, den Niederlanden und Österreich; größer ist die Ungleichheit unter anderem in Irland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien.

Anstieg gestoppt

Gini-Koeffizient der bedarfsgewichtete Pro-Kopf-Nettoeinkommen in Deutschland (0 bedeutet, dass alle Personen gleich viel verdienen und 1, dass das gesamte Einkommen auf eine Person konzentriert ist)

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel

Ein beliebtes Aufregerthema in Deutschland ist die oft zitierte Mittelschicht, die – glaubt man Skeptikern – immer mehr ausdünnt. Wer aber ist die Mittelschicht überhaupt? Die Mitte im engeren Sinne verdient zwischen 80 und 150 Prozent des Medianeinkommens, das ist jener Einkommenswert, der die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt – die eine verdient mehr, die andere weniger. Ob diese Mittelschicht tatsächlich ausdünnt, ist eine Frage der Perspektive: Verglichen mit 1991 hat sich nicht sehr viel getan – der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung ist seitdem um weniger als 1 Prozentpunkt zurückgegangen. Bezogen auf das Jahr 1997, als diese Gruppe mit einem Anteil von mehr als 55 Prozent am größten war, ist die Mitte in der Tat geschrumpft. Schaut man allerdings auf die vergangenen sechs, sieben Jahre, dann scheint dieser Rückgang gestoppt und die Mitte hat einen Anteil von rund 50 Prozent.

Über die vergangenen 20 Jahre hinweg lässt sich die Entwicklung so beschreiben: Nach der Wiedervereinigung begann in Deutschland zunächst ein Aufholprozess – die Mitte wuchs. Nach dem Höhepunkt dieser Entwicklung, in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, schlug das Pendel um – die Mitte schrumpfte wieder ein bisschen, gleichzeitig nahm die Einkommensarmut zu. Inzwischen ist dieser Prozess zur Ruhe gekommen und die Einkommensarmut nimmt nicht weiter zu. Dass es gleichwohl einkommensarme Menschen gibt, gehört zur Sozialen Marktwirtschaft. Genauso wie die Tatsache, dass es Einkommensreiche gibt und deren Anteil an der Gesamtbevölkerung seit Ende der 1990er Jahre gestiegen ist – was sich zu einem Großteil mit der besseren Qualifikation dieser Gruppe erklären lässt.

Stabile Mittelschicht

Kumulierte Anteile der Einkommensgruppen an der Gesamtbevölkerung in Prozent

Einkommensgruppen: Auf Basis bedarfsgewichteter Pro-Kopf-Nettoeinkommen des jeweiligen Jahres; Ursprungsdaten: Sozio-oekonomisches Panel

Schaut man sich die Einkommensanteile der Haushalte an, fällt beim Vergleich von 1991 und 2012 etwas Kurioses auf: Obwohl der Anteil der Einkommensschwächsten (1. Quintil) am Gesamteinkommen sowohl in Westdeutschland von 7,7 auf 7,3 Prozent als auch in Ostdeutschland von 7,7 auf 7,6 Prozent gefallen ist, ist der gesamtdeutsche Anteil dieser Gruppe von 7,1 auf 7,3 Prozent gestiegen. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich zum einen durch den enormen Aufholprozess der neuen Bundesländer: Dort sind die Nettoeinkommen der Haushalte von 1991 bis 2012 um fast 120 Prozent gestiegen, in Westdeutschland aber nur um gut 50 Prozent. Das führt dazu, dass im gesamtdeutschen untersten Quintil des Jahres 2012 deutlich mehr – und einkommensstärkere – ostdeutsche Haushalte vertreten sind als im Jahr 1991 und so der Einkommensanteil dieser Gruppe gestiegen ist.

Oberes Fünftel legt leicht zu

Anteil am deutschen Gesamteinkommen der Quintile (nach Einkommen gereihte Bevölkerungsfünftel; das 1. Quintil ist das ärmste, das 5. Quintil das reichste) in Prozent

Ursprungsdaten: Sozial-oekonomisches Panel (SOEP)