13. Januar 2009

Fachkräfte sind weiter knapp

Ein allgemeiner Arbeitskräftemangel droht angesichts von immer noch 3 Millionen Arbeitslosen zunächst nicht, auch wenn von insgesamt rund eine Million unbesetzten Arbeitsplätzen ausgegangen werden muss. In ihrer Statistik wies die Bundesagentur für Arbeit für den November 2008 rund 539.000 gemeldete offene Stellen aus. Viele Betriebe suchen neue Mitarbeiter z.B. über Zeitungsannoncen, Aushänge, Headhunter, das Internet etc. – oder sie nutzen persönliche Kontakte zur Akquise. Diese Stellenangebote tauchen in der Statistik der Bundesagentur nicht auf.

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Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) führt jedoch für die Bundesagentur regelmäßig Untersuchungen durch, die das gesamte Stellenangebot und den Anteil der gemeldeten Stellen daran ermitteln sollen. Demnach waren im 3. Quartal 2008 genau 58 Prozent des gesamten Stellenangebotes gemeldet. Daraus ergibt sich eine Gesamtzahl von knapp einer Million offenen Stellen, wovon rund 800.000 dem ersten Arbeitsmarkt zuzuordnen sind. Bei dem Rest handelt es sich um geförderte Stellenangebote (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, 1-Euro-Jobs usw.).

Die offenen Stellen verteilen sich sehr ungleich über Regionen und Berufe. Die meisten gemeldeten Offerten gibt es in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Dies liegt jedoch nicht allein an der Wirtschaftsentwicklung, sondern auch an der Größe dieser Länder. Wird die Zahl der Arbeitslosen auf die Zahl der offenen Stellen bezogen, lässt sich die Frage beantworten, wie viele Arbeitslose um einen Job konkurrieren. Zur besseren Vergleichbarkeit ist eine Beschränkung auf Stellenangebote auf dem ersten Arbeitsmarkt sinnvoll. Denn in einigen Ländern wie Bremen oder Berlin wird exzessiv Gebrauch von Beschäftigungsgelegenheiten auf dem zweiten oder dritten Arbeitsmarkt gemacht – d.h. öffentlich geförderter Beschäftigung. In Bremen etwa sind nur 58 Prozent der Stellen reguläre Angebote, im Saarland 42 Prozent und in Berlin 31 Prozent. Demgegenüber sind in Baden-Württemberg und Hamburg über 80 Prozent der gemeldeten Stellen dem ersten Arbeitsmarkt zuzuordnen. Die besten Chancen auf einen neuen Job haben die Bewohner Hamburgs. Hier ist rein rechnerisch nahezu für jeden Arbeitslosen eine Stelle vorhanden. Auch in Baden-Württemberg und Bayern sind die Aussichten gut. Ganz anders die Lage in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Im Osten der Republik bewirbt sich ein Dutzend Arbeitslose auf ein Angebot.

Noch drastischer sind die Unterschiede, wenn man die Vakanzen nach Berufen ordnet. Die meisten offenen Stellen, nämlich 88.000, werden für Hilfsarbeiter angeboten. Gemessen an den über 500.000 beschäftigten Hilfsarbeitern ist das jedoch recht wenig. Und was auf den ersten Blick sehr wenig aussieht, kann bei näherem Hinsehen viel sein. So gibt es bundesweit 7 offene Stellen für Mineralaufbereiter – auf der anderen Seite sind aber auch nur 4.000 Arbeitnehmer in diesem Beruf beschäftigt. Umgekehrt arbeiten in Deutschland über 4 Millionen Bürofachkräfte – es liegt auf der Hand, dass es in diesem Bereich auch viele offene Stellen gibt.

Auf den Bestand der offenen Stellen hat darüber hinaus die Fluktuation in einem Beruf großen Einfluss. Der Stellenbestand ist eine zeitpunktbezogene Größe. Er ist um so höher, je häufiger die Arbeitnehmer in dem Beruf die Stelle wechseln. Deutlich wird dies zum Beispiel an den Gästebetreuern (Kellner u.ä.). Hier ist der Bestand der offenen Stellen auch im Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten vergleichsweise hoch. Die Vakanzrate – der Anteil der offenen Stellen an der gesamten Arbeitskräftenachfrage – beträgt 4,4 Prozent. Das ist deutlich mehr, als etwa bei den Bank- und Versicherungskaufleuten (0,6 Prozent). Die Vakanzrate reflektiert jedoch nicht einen Arbeitskräftemangel bei Kellnern, sondern lediglich die hohe Fluktuation in diesem Bereich. Da die Arbeitnehmer häufiger wechseln, muss eine Stelle auch häufiger neu besetzt werden.

Eine geeignete Kennzahl zur Charakterisierung des Grades der Arbeitskräfteknappheit oder des Arbeitskräfteüberschusses in einem Berufsfeld ist – wie schon bei der regionalen Betrachtung – die Zahl der Arbeitslosen je offene Stelle. Dadurch werden Arbeitskräfteangebot und nachfrage gleichermaßen berücksichtigt. Uneingeschränkt aussagekräftig ist jedoch auch diese Relation nicht. Denn es bieten ja nicht nur Arbeitslose ihre Arbeitskraft an, sondern auch Personen, die nicht als arbeitssuchend registriert sind. Das muss man bei allen Vergleichen berücksichtigen.

Beispiel: Insbesondere in Metall verarbeitenden Berufen ist das Verhältnis von Arbeitslosen je offene Stelle aus Sicht der Arbeitnehmer günstig. Bei Drehern, Werkzeugmachern oder Schlossern kommen weniger als zwei Arbeitslose auf ein gemeldetes Stellenangebot. Da nur rund jedes zweite Stellenangebot gemeldet wird, zeigt eine Relation von zwei Arbeitslosen je offene Stelle einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt an. Ein im Bundesdurchschnitt rechnerisch ausgeglichener Arbeitsmarkt bedeutet aber auch, dass es Regionen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel gibt. In Baden-Württemberg existieren knapp 3.700 gemeldete offene Stellen für Schlosser, was auf eine Gesamtzahl der Vakanzen von etwa 7.300 hindeutet. Diesem Arbeitsplatzangebot stehen im Ländle nur gut 2.100 arbeitslose Schlosser gegenüber. Ähnliche Befunde ergeben sich in Bayern und Hamburg.

Auch wenn ein allgemeiner Arbeitskräftemangel in Deutschland nicht vorliegt – einen Fachkräftemangel in einzelnen Bereichen des Arbeitsmarktes und in einzelnen Regionen gibt es durchaus. Besonders davon betroffen sind Metall verarbeitende Berufe sowie Elektriker und Ingenieure. Dass es zu einem Fachkräftemangel kommen konnte, liegt auch an der geringen Neigung junger Menschen, einen Beruf in der Metall- und Elektro-Industrie zu erlernen. Trotz exzellenter beruflicher Perspektiven zieht es viele in Berufe mit deutlich schlechteren Aussichten. Dies trifft insbesondere für junge Frauen zu. So zählen Arzthelferin oder Friseurin immer noch zu den beliebtesten Ausbildungsberufen.

Der Mangel an Ingenieuren hat Folgen auch für andere Berufe. Ohne sie finden viele Arbeitnehmer mit komplementären Qualifikationen keine Arbeit. Wo kein Ingenieur ist, der eine neue Maschine konstruiert, werden auch keine Arbeitskräfte gebraucht, die diese Maschine bauen, vermarkten, transportieren, warten oder bedienen.