13. Januar 2009

Arbeitslosenquoten – eine Frage der Definition

Die Arbeitslosenquote ist definiert als Anteil der Arbeitslosen an den Erwerbspersonen. Die Erwerbspersonen umfassen alle Personen, die arbeiten wollen – unabhängig davon, ob sie Arbeit haben oder nicht. Die Erwerbspersonen errechnen sich demnach aus den Erwerbstätigen (ohne Soldaten) plus Arbeitslose. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Arbeitslose, aber auch Erwerbstätige unterschiedlich definiert und ermittelt werden können.

Arbeitslosenquoten – eine Frage der Definition Image
Quelle: Fotolia

Arbeitslosenquote = Arbeitslose / (Arbeitslose + Erwerbstätige)

Die Bundesagentur für Arbeit weist als Arbeitslosenzahl die bei den Arbeitsämtern registrierten Arbeitslosen aus. Für den Arbeitslosigkeitsstatus ist es zwar erforderlich, dem Arbeitsmarkt und den Vermittlungsbemühungen der Arbeitsämter zur Verfügung zu stehen und auch eigene Bemühungen um einen neuen Arbeitsplatz zu unternehmen. Inwieweit diese Verpflichtung tatsächlich eingefordert wird, ist aber fraglich – insbesondere bei Arbeitslosen, die keine Lohnersatzleistungen erhalten. Zudem bleibt der Arbeitslosigkeitsstatus auch dann erhalten, wenn der Arbeitslose bis zu 15 Stunden in der Woche arbeitet. Er taucht somit im Nenner der Quote doppelt auf, da er auch als erwerbstätig eingestuft ist. Eine Zäsur ergab sich mit der Einführung des Sozialgesetzbuches II im Jahr 2005 („Hartz IV“). Ab diesem Zeitpunkt wurden auch arbeitsfähige ehemalige Sozialhilfeempfänger vollständig als arbeitslos erfasst, was die Arbeitslosenzahl aus rein statistischen Gründen nach oben trieb. Als Bezugsgröße im Nenner verwendet die Bundesagentur nicht die Erwerbstätigenzahl aus der Erwerbstätigenrechnung des Statistischen Bundesamtes, sondern eine eigens errechnete Größe aus verschiedenen Quellen, die einmal jährlich aktualisiert wird. Diese Bezugsgröße weicht mitunter deutlich von der in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ausgewiesenen Erwerbstätigenzahl ab.

Zuweilen werden von der Bundesagentur noch zwei weitere Arbeitslosenquoten berechnet: Die Arbeitslosenquote bezogen auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen weist im Nenner nicht die Erwerbstätigen, sondern nur die abhängig Beschäftigten (Angestellte, Arbeiter und Beamte) aus. Weil die Selbstständigen fehlen und der Nenner der Quote kleiner ist, resultiert daraus eine höhere Arbeitslosenquote. Zudem gibt es noch eine Arbeitslosenquote, die auf die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bezogen ist. Diese sind nur eine Teilmenge der abhängig Beschäftigten, da etwa Beamte und geringfügig Beschäftigte nicht der Sozialversicherungspflicht unterliegen. Diese beiden Varianten der Arbeitslosenquote werden verwendet, wenn strukturelle Informationen gefragt sind (z.B. die Arbeitslosenquote nach Geschlecht oder Beruf) oder in langen Zeitreihen. So wird die Arbeitslosenquote in Westdeutschland erst seit 1980 auf Basis aller Erwerbspersonen ausgewiesen, zuvor wurde nur die Quote auf Basis der abhängigen Erwerbspersonen berechnet.

Eine gänzlich andere Berechnungsweise liegt den international vergleichbaren Arbeitslosenquoten nach Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zugrunde, die z.B. von der EU oder der OECD publiziert werden. Die Arbeitslosen werden dabei von den statistischen Ämtern per Umfrage ermittelt. Arbeitslos ist, wer sich als solches bezeichnet, nicht erwerbstätig ist, aktiv nach Arbeit sucht und sofort verfügbar ist. Diese Definition von arbeitslos und erwerbstätig ist eindeutig: Wer auch nur eine Stunde in der Woche arbeitet, ist demnach erwerbstätig und kann nicht mehr arbeitslos sein. Zwar bietet auch diese Methode keine Gewähr, dass die Betroffenen z.B. Fragen über eigene Suchbemühungen wahrheitsgemäß beantworten. Da aber die Befragung nicht mit Folgen für die Berechtigung zum Arbeitslosengeldbezug verknüpft ist, besteht eine größere Wahrscheinlichkeit einer ehrlichen Beantwortung.

Problematisch war bislang die unterjährige Erhebung der solchermaßen definierten Arbeitslosigkeit. Denn Befragungen zum Erwerbsstatus unternahm das Statistische Bundesamt nur einmal jährlich im Rahmen des Mikrozensus, einer 1-Prozent-Stichprobe der deutschen Haushalte. Für Monatswerte musste auf Schätzungen auf Basis der Zahl der registrierten Arbeitslosen zurückgegriffen werden. Seit 2005 führte das Bundesamt monatlich eine Telefonerhebung durch, die dann Basis für die monatlichen Arbeitslosenzahlen nach ILO-Standard wurden. Im Jahr 2007 wurde dieses Konzept durch einen unterjährig erhobenen Mikrozensus ersetzt. Die Umstellung der Methodik hatte einschneidende Auswirkungen. Nach Telefonerhebung lag die Arbeitslosenquote im April 2007 bei 6,6 Prozent. Nach Mikrozensus-Methodik waren es hingegen 8,5 Prozent. Die genauen Ursachen der enormen Diskrepanz werden noch erforscht.