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Verschiedene Forschungsinstitute prognostizieren, dass in Deutschland vor allem Fachkräfte in den Gesundheitsberufen und industrienahen Tätigkeiten knapper werden. Die Flüchtlingsmigration nährt zwar die Hoffnung, die demografischen Probleme des deutschen Arbeitsmarktes auf diesem Weg lösen zu können. Aktuelle Zahlen belegen jedoch, dass die Flüchtlinge oft große Qualifikationsdefizite haben und nur ein geringer Anteil von ihnen erwerbstätig ist (vgl. iwd 6/2016).

Eine Untersuchung des IW Köln zeigt zudem, dass von jenen Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Eritrea, die im Juni 2015 sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, ein Großteil (44 Prozent) lediglich Helferberufe ausübte – eine fast dreimal so hohe Quote wie bei allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland.

Betrachtet man dagegen alle Zuwanderer – auch die qualifizierten –, dann spielen Ausländer für die Fachkräftesicherung bei industrienahen Tätigkeiten bereits heute eine große Rolle (Grafik):

Die Beschäftigung von ausländischen Spezialisten und Facharbeitern ist vom vierten Quartal 2012 bis zum zweiten Quartal 2015 um 16 Prozent gestiegen – im selben Zeitraum ist die Beschäftigung von entsprechend qualifizierten Deutschen um 0,1 Prozent gesunken.

Besonders groß war die Dynamik in den akademischen industrienahen Tätigkeiten. Hier war das Beschäftigungsplus bei Ausländern mit fast 27 Prozent dreimal so hoch wie bei Deutschen. In den Gesundheitsberufen gab es eine ähnliche Entwicklung. Im Umkehrschluss heißt das:

Wäre die Beschäftigung von Ausländern von Ende 2012 bis Mitte 2015 konstant geblieben, so würden heute 74.100 Fachkräfte in den Industrieberufen und 19.300 Fachkräfte in den Gesundheitsberufen fehlen.

Ein detaillierterer Vergleich der ausländischen Beschäftigung mit der deutschen fördert erstaunliche Befunde zutage (Grafik):

Franzosen und Inder führen in den Industrieberufen das Ranking der ausländischen Beschäftigten in Deutschland an. Relativ gesehen arbeiten sogar mehr Franzosen und Inder in der Industrie als Deutsche, und sie sind auch häufiger in akademischen Sparten beschäftigt.

Mittel- und Osteuropäer sowie Türken kommen ebenfalls auf höhere Beschäftigungsquoten in der Industrie, allerdings weniger in akademischen Berufen, sondern mehr als Facharbeiter.

Zuwanderer aus China, Kanada, Brasilien und den USA üben zwar insgesamt weniger industrienahe Tätigkeiten aus als andere Ausländer, doch wenn sie in diesem Bereich arbeiten, dann vor allem auf der akademischen Schiene.

Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien, Irak und Afghanistan arbeiten relativ selten in industrienahen Berufen – und wenn, dann mit Ausnahme der Syrer kaum als Experten. Gleiches gilt für die akademischen Gesundheitsberufe, wobei die Syrer auch hier die Ausnahme bilden: Mit 1.500 Beschäftigten stellten sie im zweiten Quartal 2015 nach Rumänen, Griechen und Österreichern die viertgrößte Ausländergruppe.

Die Flüchtlingsmigration kann also in der Industrie nur unter hohem Ausbildungsaufwand einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Perspektivisch sind dort vor allem qualifizierte Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten wichtig, und für diese braucht es ein Einwanderungsgesetz, das drei Punkte beachtet:

Erstens sind die rechtlichen Regelungen trotz jüngster Erleichterungen an vielen Stellen äußerst komplex und eröffnen große Interpretationsspielräume. Das Ziel muss sein, für jede Personengruppe genau eine Regelung, sprich einen Aufenthaltstitel zu schaffen – und nicht mehrere Möglichkeiten.

Zweitens sollte sich die Zuwanderung von Fachkräften nach deren Potenzial ausrichten: Personen aus Drittstaaten sollten auch ohne konkretes Stellenangebot einreisen können, wenn ihre Qualifikationen eine problemlose Integration in den deutschen Arbeitsmarkt erwarten lassen.

Als Basis für die Auswahl bietet sich ein Punktesystem an, das neben der Qualifikation auch Deutschkenntnisse, Berufserfahrung und Alter der Bewerber berücksichtigt. Voraussetzung für eine Zuwanderung müsste jedoch sein, dass die betreffenden Personen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können.

Drittens braucht ein modernes Zuwanderungsrecht eine effektive Verwaltung. Wünschenswert wäre insbesondere eine zentrale Vergabe der Aufenthaltstitel. So würden die Entscheidungen nach einheitlichem Muster gefällt und die zuständigen Mitarbeiter könnten mehr Expertise im Umgang mit den doch sehr spezifischen Fragestellungen erlangen.

Doch auch wenn Deutschland die Zuwanderung neu regelt, darf keinesfalls vergessen werden, auch die Potenziale der Flüchtlinge besser zu nutzen – schon aus humanitären Gründen. Zwar können Flüchtlinge die qualifizierte Zuwanderung nicht ersetzen, einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten sie dennoch.

Ansprechpartner

iwd, Nr. 21 vom 26. Mai 2016

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Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat seine vor knapp einem Jahr erstmals veröffentlichte Bevölkerungsprognose mit den neuen Daten zur Zuwanderung aktualisiert. Das Ergebnis stellt sämtliche bisherigen Erwartungen auf den Kopf: Deutschland wächst wieder – und zwar auf mehr als 83 Millionen Einwohner bis 2035. mehr

AfD
Pressemitteilung, Nr. 25 vom 2. Mai 2016

AfD Auch eine Partei der BesserverdienerArrow

Arm und wenig gebildet – so sieht für viele ein typischer AfD-Unterstützer aus. Doch das stimmt nicht, zeigt eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW): Die Klientel der „Alternative für Deutschland“ zählt durchaus zu den Besserverdienenden, die sich dennoch Sorgen um Zuwanderung machen. mehr