Sparen wir uns kaputt?
Die Bundesregierung hat ein gigantisches Sparpaket geschnürt – aber was heißt das für die Konjunktur? Würgt Schwarz-Gelb den Aufschwung ab, oder sorgt das Programm für einen neuen Wachstumsschub?
Das Sparpaket der Bundesregierung hat durchaus gute Seiten, ein Absturz der Konjunktur ist nicht zu befürchten. Im Gegenteil: Wer richtig spart, kann das Wachstum sogar ankurbeln. Allerdings hat Schwarz-Gelb auch vieles falsch gemacht.
Themen
Es ist wie ein Reflex: Kaum legt die Regierung ein Konsolidierungsprogramm auf, ertönt ein Aufschrei der Kritik. Das Sparpaket sei sozial unausgewogen – und es belaste die Konjunktur. Als Helmut Schmidt die "Operation ’82" zur Sanierung des Bundeshaushalts stemmte, errechneten sogenannte Experten sogleich, dass dies die ohnehin geplagte Konjunktur mindestens mit einem halben Prozentpunkt Wachstumsverlust belasten würde. Tatsächlich hat aber schon kurz danach der beständige Aufschwung der achtziger Jahre eingesetzt.
Internationale Studien können dies leicht erklären: Wenn die Last der Staatsschulden als drückend wahrgenommen wird und die Handlungsfähigkeit des Staats aufgrund der Zinsverpflichtungen gefährdet erscheint, dann nehmen die Bürger jede ernstgemeinte Sparbemühung als Erleichterung wahr. Mit anderen Worten: Eine wachstumsorientierte Konsolidierung der öffentlichen Haushalte schafft Zukunftsvertrauen.
Wachstumsorientiert ist nach diesen Erkenntnissen eine Strategie, die allgemeine Steuererhöhungen vermeidet und die investiven Ausgaben im öffentlichen Haushalt schont. Konsolidierung muss, um positive Erwartungen bei Konsumenten und Investoren auszulösen, mutig sein. Wer kleinmütig beginnt, der kann kaum mit Begeisterung rechnen. Die Erfahrung zeigt, dass ein wachstumsorientiertes Sparpaket schon in kurzer Frist positiv auf die gesamtwirtschaftliche Dynamik wirkt. Die privaten Akteure schöpfen Vertrauen und treffen entsprechend ihre persönlichen Ausgabenentscheidungen – was die Konjunktur ankurbelt. Dass der Staat gleichzeitig weniger Geld ausgibt, wird durch den Vertrauenseffekt überkompensiert.
Wie ist daran gemessen die Sparliste der Bundesregierung zu werten? Breit wirkende Steuererhöhungen gibt es nicht, das ist eine gute Nachricht. Dies gilt ebenso für die Tatsache, dass die Ausgaben für Bildung und Wissenschaft sowie Infrastruktur nicht verringert werden. Der Schwerpunkt der Einsparungen liegt im Bereich der konsumtiven Ausgaben, was den allfälligen Vorwurf der sozialen Schieflage provoziert. Tatsächlich aber führen gerade die Veränderungen beim Arbeitslosengeld II dazu, dass die Anreize zur Arbeitsaufnahme verbessert werden. Das sorgt für mehr Fairness bei der sozialen Grundsicherung – und entlastet Arbeitsmarkt wie Konjunktur. Auch die Einsparungen bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik sind eigentlich längst überfällig: Schließlich belegen viele Studien deren geringe Wirksamkeit.
Natürlich wirft das Sparpaket der Bundesregierung auch Fragen auf. Da finden sich diverse Vorhaben, die offenbar dem Prinzip Hoffnung entsprungen sind– zum Beispiel die "Globale Minderausgabe" von 5,6 Milliarden Euro, von der keiner weiß, wie sie realisiert werden soll. Vertrauen schaffen solche Vorhaben nicht. Auch die geplanten Änderungen bei der Energiesteuer sind unglücklich, möglicherweise gefährden sie ganze Branchen in ihrem Fortbestand. Enttäuschend ist auch, dass ein Subventionsabbau gar nicht stattfindet. Hier liegt unverändert ein großes Potential.
Dennoch muss man festhalten: Ein Kaputtsparen ist mit dem Sparpaket nicht verbunden. Das Problem ist vielmehr die Kleinteiligkeit des Programms. Sie verhindert, dass die Bürger wieder Vertrauen in die Finanzpolitik des Landes fassen. Mehr Mut, mehr Konsequenz und mehr Nachhaltigkeit wären möglich gewesen.
-
Newsletter (in Englisch) 29. Dezember 2011
Minimum wage: Boon or Bane For Taxpayers?
Calculations based on the IW-Simulation Model suggest that a minimum wage of 8.50 euro would save the government 5 billion euro if it had no negative effects on the labor market. mehr
-
IW-Nachrichten 8. November 2011
Aufbau Ost: Soli nutzt Schäuble
Die Senkung des Solidaritätszuschlags ist zunächst einmal wieder vom Tisch. Die Steuerzahler sollen anders entlastet werden. Doch kaum war die Idee ausgesprochen, wurde reflexartig von ostdeutschen Politikern Widerstand angekündigt. Dabei fließen die Einnahmen aus dem Soli – derzeit 12 Milliarden Euro – zu einem immer geringeren Anteil gen Osten. mehr
-
IW-Nachrichten 7. November 2011
Koalitionsbeschlüsse in Sachen Steuern: Entlastung mit Augenmaß
Der Koalitionsgipfel hat beschlossen, die Steuerzahler in zwei Schritten um insgesamt 6 Milliarden Euro zu entlasten. Dazu soll vor allem bei der Einkommenssteuer der Grundfreibetrag um 350 Euro angehoben werden. Nach den Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln wären für diesen Schritt aber höchstens 2,5 Milliarden Euro nötig, sofern man alle anderen Tarifbestandteile unverändert lässt. Die Regierung hat aber mit 4 Milliarden Euro fast den doppelten Wert dafür eingeplant. mehr
-
IW-Nachrichten 18. Januar 2011
Vermögensabgabe: Falscher Nothelfer
Die Grünen wollen unmittelbar nach der nächsten Bundestagswahl eine auf zehn Jahre befristete Vermögensabgabe einführen. Mit den geschätzten Einnahmen von insgesamt 115 Milliarden Euro soll der Staatshaushalt saniert werden. mehr
-
iwd 17. Juni 2010
Haushaltskonsolidierung: Milliardenpaket mit Macken
Die Bundesregierung muss sparen: Zum einen, um die aus den Konjunkturpaketen resultierenden Defizite zu reduzieren. Zum anderen müssen die Vorgaben aus der sogenannten Schuldenbremse beachtet werden. Deshalb hat Schwarz-Gelb jetzt ein Sparpaket vorgelegt. Es ist zwar kein großer Wurf, weil man sich an einige große Haushaltsposten nicht herangetraut hat und in vielen Fällen konkrete Einsparvorschläge fehlen. Eine Mogelpackung, wie viele meinen, ist es aber auch nicht. mehr
Kolumnen - 15. Juni 2010
Beiträge von IW-Wissenschaftlern in den Medien.
