Wirtschaftsethik

Mythos Mittelschicht

Mit düsteren Szenarien warnen die Medien vor dem Schrumpfen der Mittelschicht – aus den Statistiken lassen sich diese jedoch nur mit Kreativität ableiten. Ein Beispiel ist die aktuelle Studie des DIW, deren Warnung vor der Polarisierung der Gesellschaft zweifellos den Nerv der Bevölkerung traf. Dabei zeigen die Statistiken, dass die soziale Schichtung in Deutschland in der Vergangenheit weitgehend stabil blieb. Gleichzeitig zeugen Auf- und Abstiegsbewegungen von einer gesunden Chancengerechtigkeit: Sozialer Aufstieg durch Arbeit und Bildung ist in Deutschland besser möglich, als viele Bundesbürger glauben.

Jedermann kennt sie, die wichtigsten Volksweisheiten über die Mittelschicht: Ihr kontinuierliches Schrumpfen, die Zunahme der Einkommensunterschiede zwischen den Schichten, die wachsende Abstiegsangst und die Sorge um das „abgehängte Prekariat“. Wie jedoch sehen die Fakten hierzu wirklich aus?

(1) Die Zahlen der DIW-Studie zeigen, dass die Schicht der Niedrigverdienenden (Nettoeinkommen für Singlehaushalte bis 860 Euro) in den letzten 15 Jahren immer etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung betrug. Da die Oberschicht (Nettoeinkommen für Singlehaushalte über 1.844 Euro) zwischen 16 und 18 Prozent pendelte, bedeutet dies stets eine im internationalen Vergleich große Mittelschicht, die 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung umfasste. Im Krisenjahr 2009 nahm diese sogar zu: Während der Sozialstaat die untere Einkommensgruppe erfolgreich vor den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise schützte, verlor die Oberschicht an Gewicht. Die Mitte stieg um 0,6 Prozentpunkte (vgl. Abbildung).

(2) Auch die Einkommensunterschiede zwischen Mittel- und Unterschicht blieben im Zeitraum der letzten 15 Jahre relativ stabil: Das Durchschnittsgehalt der unteren Einkommensschicht wich zwischen 46,1 und 48,5 Prozent vom durchschnittlichen Einkommen der Mittelschicht ab.

(3) Außerdem lässt sich die marginale Verringerung der Mittelschicht im Zeitraum von 2005 bis 2008 (vgl. Abbildung) primär auf demografische Trends zurückführen: Auf dem Arbeitsmarkt oft schlechter positionierte Gesellschaftsgruppen, wie Alleinstehende, Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund haben prozentual an Gewicht gewonnen.

(4) Die These der zunehmenden subjektiven Abstiegsangst der Mittelschicht wird zwar teilweise durch Studien (Lengfeld/Hirschle) bestätigt. Die empfundene Abstiegsangst entspricht jedoch nicht der realen Abstiegsgefahr. Für diese „Statuspanik“ ist möglicherweise ein Spillover Effekt verantwortlich: Nimmt die Mittelschicht eine Verschlechterung der Wohlstandspositionen in den unteren Schichten wahr, so kann ihre Unsicherheit zunehmen, ohne dass sie selbst betroffen ist.

(5) Tatsächlich nahm die Aufwärtsmobilität in der unteren Schicht während der letzten Jahren ab. Umfragen des Allensbach-Instituts zeigen, dass die Deutschen ihre Aufstiegschancen pessimistischer einschätzen als die Realität es rechtfertigt. Trotz geringer Abweichung der Aufstiegsquoten nehmen zum Beispiel die US-Bürger ihre Aufstiegschancen optimistischer wahr. Dieser deutsche Pessimismus trägt zur Forderung nach einem starken Sozialstaat bei, der jedoch Fehlanreize schaffen kann. Der Verbleib in den Transfersystemen erscheint für manchen attraktiver als der anstrengende Aufstieg in die Mittelschicht, die immer mehr Lasten des Sozialstaates trägt. Der Aufstieg durch Bildung, Arbeit und Engagement wird unattraktiver und dadurch auch unwahrscheinlicher – es kommt zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Sozialer Aufstieg hängt vor allem von Bildung und Erwerbstätigkeit ab, und diese soziale Mobilität sollte weiterhin gestärkt werden. Besonders lohnt sich dies, da ein durchlässiges System als gerechter empfunden wird.



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Wirtschaft und Ethik - Nr. 2 vom 21. Juli 2010

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