Ein System mit vielen Möglichkeiten
Die duale Berufsausbildung ist ein Erfolgsmodell in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weil sich in allen drei Ländern verhältnismäßig viele Jugendliche nach der Schule für eine Ausbildung entscheiden, ist die Jugendarbeitslosigkeit geringer als in zahlreichen anderen Industrieländern. Die hohe Güte der beruflichen Bildung sollte sich auch im Europäischen Qualifikationsrahmen widerspiegeln, der derzeit erarbeitet wird.
Von A wie Automobilkaufmann bis Z wie Zimmermann: Die Jugend in den D-A-CH-Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz profitiert vom breiten Spektrum der Ausbildungsberufe. Das lässt sich unter anderem daran ablesen, dass der Anteil an beruflich Qualifizierten in den D-A-CH-Staaten deutlich höher ist als im internationalen Vergleich: Während im OECD-Durchschnitt 44 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter einen Ausbildungsabschluss vorweisen können, sind es im Dreiländermittel 59 Prozent.
Die dualen Berufsbildungssysteme tragen im Wesentlichen aufgrund dreier Vorteile zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands, Österreichs und der Schweiz bei:
1.
Länder, die ihren Nachwuchs in der Kombination von Betrieb und Berufsschule ausbilden, haben traditionell weniger Probleme, ihre Jugendlichen in Beschäftigung zu bringen (Grafik):
Die Jugendarbeitslosigkeit in den D-A-CH-Ländern ist deutlich geringer als in vielen anderen Staaten. So waren im vierten Quartal 2009 knapp 9 Prozent der unter 25-Jährigen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ohne Job – im OECD-Länderdurchschnitt betrug die Quote fast 20 Prozent.
Auch das relative Arbeitslosigkeitsrisiko der jungen Männer und Frauen ist in Ländern, die duale Ausbildungen praktizieren, wesentlich niedriger als anderswo. In Deutschland etwa ist die Arbeitslosenquote der Jugendlichen nur etwa um die Hälfte größer als die der Erwachsenen, in den OECD-Ländern insgesamt ist die Jugendarbeitslosigkeit dagegen fast dreimal so hoch.
Selbst in Krisenzeiten sind junge Menschen, die in Ländern mit dualen Berufsbildungssystemen leben, relativ gut vor Erwerbslosigkeit geschützt: Seit Ende 2007 ist die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich und der Schweiz schwächer gestiegen als im OECD-Durchschnitt, in Deutschland ist sie sogar gesunken. Im vierten Quartal 2009 betrug die Quote 9,2 Prozent, zwei Jahre zuvor waren es noch 10 Prozent. Damit ist die Bundesrepublik das einzige OECD-Land, das seine Jugendarbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise verringern konnte.
2.
Länder mit einem Berufsbildungssystem bieten ihren Bürgern vielfältigere Chancen, sich zu qualifizieren. So ist die breite Fachkräftebasis in den D-A-CH-Ländern zu einem guten Teil auf die duale Berufsausbildung zurückzuführen. Außerdem ist mit dem Erwerb des Ausbildungszeugnisses noch lange nicht Schluss. Es gibt zahlreiche Angebote der beruflichen Fort- und Weiterbildung, die vielen Absolventen den Weg in die Führungsetagen ebnen:
In Deutschland beispielsweise sind mehr Weiterbildungsabsolventen in leitenden Funktionen tätig als Fachhochschulabgänger.
Unter diesem Aspekt ist die jüngst von der EU-Kommission geäußerte pauschale Forderung nach mehr Studenten allein nicht zielführend. Gleiches gilt für den OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“, der einen Mangel an Hochqualifizierten in Ländern mit einem dualen Ausbildungssystem konstatiert und damit vorrangig eine Akademikerlücke beklagt. Denn solange die steigende Nachfrage nach hochqualifiziertem Personal in den D-A-CH-Ländern zu einem Teil mit dem Fachkräftenachwuchs aus der beruflichen Bildung befriedigt werden kann, greifen diese Forderungen zu kurz.
3.
Länder, die in berufliche Bildung investieren, können ihren Fachkräftemangel verringern. Bereits jetzt fehlen nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in der Bundesrepublik mehr als 50.000 Akademiker, Meister und Techniker. Diese Lücke dürfte angesichts des demografischen Wandels in den kommenden Jahren noch deutlich größer werden – vor allem bei den MINT-Qualifikationen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) hapert es an Nachwuchs. Doch im Vergleich zu anderen Nationen können die drei deutschsprachigen Länder aus einem größeren Fundus schöpfen. Denn sie haben aufgrund der vielen Ausbildungsabsolventen eine breitere Basis für Nach- und Höherqualifizierungen von Fachkräften als viele andere Staaten (Grafik):
Allein im vergangenen Jahr schlossen in den drei Ländern insgesamt gut 670.000 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag ab, das waren rund 6 von 10 Schulabsolventen eines Jahrgangs.
Um den Fachkräftemangel jedoch wirklich zu beheben, müssten deutlich mehr junge Leute mit beruflichem Abschluss eine Weiterbildung oder ein berufsbegleitendes Studium anstreben als bisher. Damit dies gelingt, gilt es die Bildungssysteme sowohl national als auch international noch wesentlich durchlässiger zu machen, als sie es derzeit sind:
Auf nationaler Ebene
muss es in allen drei D-A-CH-Ländern für beruflich Qualifizierte leichter werden, einen akademischen Abschluss draufzusatteln. In Deutschland haben neuerdings Berufspraktiker ohne Abitur die Möglichkeit, ein Hochschulstudium aufzunehmen; in der Schweiz gibt es mittels der Berufsmatura die Hochschulzugangsberechtigung und in Österreich setzt man auf den Ausbau der höheren berufliche Schulen.
Alle drei Maßnahmen sind ein Schritt in die richtige Richtung, doch damit Ausbildungsabsolventen auch tatsächlich vermehrt Studienerfolge erringen, sind weitere Hilfen nötig. So wäre es beispielsweise sinnvoll, die Anerkennung von beruflich erworbenen Fähigkeiten im Rahmen eines Studiums auszuweiten. Auch der Ausbau von berufsbegleitenden MINT-Studiengängen ist ein Muss.
Auf europäischer Ebene
geht es darum, der dualen Ausbildung einen angemessenen Stellenwert zu verschaffen. Die Berufsausbildung in den D-A-CH-Ländern vermittelt den Absolventen zum Teil ein solches Qualitäts- und Kompetenzniveau, wie es in anderen Ländern nur an Hochschulen erworben werden kann. Dies sollte sich auch im Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) widerspiegeln, der alle Arten allgemeiner und beruflicher Bildung und Qualifikationen auf einen gemeinsamen europäischen Nenner mit insgesamt acht Referenzniveaus bringt. Auf diese Weise sollen die Qualifikationen unterschiedlicher Bildungssysteme miteinander vergleichbar werden – und beispielsweise die grenzüberschreitende Mobilität der Arbeitnehmer erleichtern.
Experten befürchten allerdings, dass sich die Qualität der dualen Berufsausbildung im EQR nicht angemessen niederschlagen könnte, weil etwa berufliche Abschlüsse zu niedrig eingestuft werden. Damit hätten die Absolventen z.B. künftig Schwierigkeiten, ihre Qualifikation im Ausland entsprechend einzusetzen.
Die erfolgreichen Azubis sind die eine Seite der Medaille, die andere lautet: mangelnde Ausbildungsreife. Vor allem in Deutschland werden viele Schulabgänger den gestiegenen Anforderungen an Auszubildende schlicht nicht gerecht.
Neben einer besseren frühkindlichen Förderung und Schulbildung sollte deshalb auch die Berufsvorbereitung mit deutlich mehr Praxisanteilen versehen werden. Die Unternehmen wünschen sich insgesamt eine flexiblere und attraktivere Berufsbildung, wie eine Umfrage in der Metall- und Elektro-Industrie ergab (Grafik). Mehr als 90 Prozent würden beispielsweise die Einführung von Modulen begrüßen, weil man mithilfe solcher Bausteine individueller auf den jeweiligen Leistungsstand der Auszubildenden eingehen kann.
Themen
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Veranstaltungen 1. Juni 2010
Pressegespräch: D A CH-Länder: Stellenwert und Zukunft der dualen Berufsausbildung
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IW-Positionen 1. Juni 2010
Christian Hollmann / Michael Neumann / Jörg Schmidt / Dirk Werner: Perspektiven der dualen Berufsausbildung
Höhere Qualität und Effizienz durch mehr Flexibilisierung und Durchlässigkeit mehr
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Pressemitteilung 1. Juni 2010
Duale Berufsausbildung: Das hohe Niveau anerkennen
Bei der Festlegung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) – der alle Bildungsabschlüsse europaweit vergleichbar machen soll – müssen Deutschland, Österreich und die Schweiz dafür sorgen, dass das duale System der Berufsausbildung angemessen eingruppiert wird. mehr
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Pressemitteilung 15. September 2011
Bildungsgerechtigkeit: Nachwuchs wird stärker gefördert
Das Bildungssystem in Deutschland ist in den vergangenen Jahren gerechter geworden – etwa dadurch, dass Kinder aus Migrantenfamilien stärker gefördert werden. So hatten 2009 von den 15-jährigen Migrantenkindern, die zu Hause kein Deutsch sprechen, 71 Prozent länger als ein Jahr den Kindergarten besucht. Sechs Jahre zuvor hatte dieser Anteil erst bei 59 Prozent gelegen. mehr
iwd - Nr. 22 vom 3. Juni 2010
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