Wichtige Rolle in der Marktwirtschaft
Nach der wohl größten Finanzkrise in der Nachkriegszeit ist ein Berufsstand besonders stark in Ungnade gefallen: die Spekulanten. Inzwischen machen Öffentlichkeit und Politik Hedgefonds und andere „Zocker“ für alles Mögliche verantwortlich: den Absturz des Euro, die Fast-Pleite Griechenlands, dem Anstieg der Rohstoffpreise. Tatsächlich müssen Spekulanten strenger kontrolliert und reguliert werden als bisher – dennoch erfüllen sie in der Marktwirtschaft eine wichtige und unverzichtbare Rolle.
Spekulieren ist durchaus ein Volkssport. Fast jeder tut es: Der Autofahrer, der abends noch schnell zur Tankstelle fährt, weil er vermutet, dass am nächsten Tag der Dieselpreis wieder anzieht. Der Getreideproduzent, der seine zukünftige Ernte schon jetzt verkauft, weil er hofft, sich so noch die hohen Preise von heute zu sichern, statt sein Getreide später möglicherweise billig anbieten zu müssen. Spekulativ verhält sich aber auch ein Industrieunternehmen, das sich einen bestimmten Wechselkurs sichert, um seine Umsätze des kommenden Halbjahres gegen einen möglicherweise wieder erstarkenden Euro abzusichern.
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Spekulationsgeschäfte wie die Absicherung gegen einen steigenden Euro oder gegen fallende Getreidepreise kommen jedoch nur zustande, wenn es jemanden gibt, der jeweils genau vom Gegenteil ausgeht – also von einem schwachen Euro oder von steigenden Getreidepreisen. Bei Spekulationen stehen sich also immer Optimisten und Pessimisten gegenüber – der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen.
Und im Gegensatz zu manchem Professor oder Analysten begnügen sich Spekulanten nicht mit wortreichen Theorien, sondern untermauern ihre Ansichten, indem sie echtes Geld investieren – und damit im Normalfall auch tatsächlich etwas bewirken:
Spekulanten und andere Händler sorgen dafür, dass sich extreme Positionen einpendeln und der Preis für ein Produkt letztlich die Realität widerspiegelt.
Ein gutes Beispiel dafür ist Griechenland. Dort wurden jahrelang allzu optimistisch immer neue Kredite vergeben bzw. aufgenommen – und erst die pessimistischen Spekulanten brachten diese Blase zum Platzen.
Spekuliert wurde und wird – meist von Hedgefonds (siehe unten) – in diesem Falle nicht allein mit Staatsanleihen und Währungsgeschäften, sondern auch mit Kreditausfallversicherungen. Und zwar auf zweierlei Art und Weise:
1. Reale Kreditausfallversicherung.
Bei diesen Geschäften schließt der Gläubiger eine Versicherung gegen den Zahlungsausfall des Schuldners ab. Die Deutsche Bank beispielsweise hat sich mit 1,7 Milliarden Euro in griechischen Staatsanleihen engagiert. Weil sie dem Ganzen jedoch nicht richtig traut – also nicht so optimistisch ist wie mancher Politiker –, hat sie gleichzeitig Kreditausfallversicherungen abgeschlossen. Diese begrenzten das Risiko der Bank netto – also nach Berücksichtigung von Versicherungen gegen Zahlungsausfall – auf 1,1 Milliarden Euro.
Gegenpart der pessimistischen Deutschen Bank ist ein optimistischer Versicherungsgeber, der das Risiko für überschaubar hält und gegen eine saftige Prämie eine entsprechende Police ausstellt. Doch auch der Versicherer kalkuliert seine Prämien so, dass sie mit steigendem Risiko immer teurer werden (Grafik):
Wer aktuell eine Kreditausfallversicherung für griechische Anleihen abschließt, muss 8,6 Prozent des versicherten Betrags als Prämie berappen – das ist dreimal so viel wie Anfang des Jahres.
Zugleich wettet der Versicherer gegen einen Staatsbankrott. Denn solange er Policen anbietet, sendet der Kreditversicherer an den Markt das Signal: Alles nicht so schlimm, es gibt Hoffnung.
2. Nackte Versicherungen. Auch wenn ein Spekulant gar keine griechischen Anleihen besitzt, kann er mithilfe einer „nackten“ Kreditausfallversicherung beim Geschäft mit diesen Papieren mitmachen. Die Idee hinter dieser nackten Versicherung ist, entweder – im Falle von Zahlungsverzug – die Versicherungssumme einzustreichen oder mit der Versicherung selbst zu handeln. Angenommen, die Prämie für eine Kreditausfallversicherung ist niedrig. Wenn ein Spekulant nun vermutet, dass das Ausfallrisiko trotzdem hoch ist und sogar noch steigt, schließt er einen entsprechenden nackten Versicherungsvertrag ab.
Steigt das Ausfallrisiko dann tatsächlich, zum Beispiel weil in Griechenland die Trucker streiken und Reformen auf der Kippe stehen, bietet der Spekulant dem Verkäufer der Police an, den Vertrag gegen einen Aufschlag zurück zu kaufen. Der Versicherer wird das gerne tun, denn im Falle des nunmehr wahrscheinlicheren Kreditausfalls müsste er den Schaden ja regulieren.
Allein die Nachfrage der Spekulanten nach Kreditausfallversicherungen treibt die Preise nach oben, denn sie signalisiert: Es ist etwas faul im Staate Griechenland. Gerade das ist jedoch auch eine Funktion von Spekulation: Die Einschätzung der Spekulanten fließt in die Preisbildung ein und beeinflusst damit die Meinung des Marktes.
Würde man diese Nachfrage unterdrücken, dann wäre der Preis für Kreditausfallversicherungen zu niedrig und die Prämien spiegelten das tatsächliche Risiko nicht wider. Doch nur wenn das Risiko von den Versicherern richtig eingestuft wird, bilden sie auch entsprechende Rücklagen.
Nackte Versicherungen sind allerdings äußerst umstritten. Kritiker befürchten, dass bei solchen Geschäften ein Anreiz besteht, das Kreditereignis wahrscheinlicher zu machen – frei nach dem Motto: Wer auf die Pleite Griechenlands wettet, sorgt dafür, dass diese eintritt.
In der Tat haben die Spekulanten im Fall Griechenlands durch ihr Herdenverhalten extreme Marktbewegungen ausgelöst. Die Versicherer mussten immer größere Sicherheiten heranschaffen, um im Ernstfall zahlungsfähig zu sein. Unter diesem Druck versiegte das Versicherungsangebot zusehends – keiner wollte die nicht versicherbaren Staatsanleihen mehr kaufen.
Weil die Pleite Griechenlands und das Ende der Währungsunion schon nahe schienen, musste die europäische Politik handeln. Zuvor hatte sie dem Treiben der Hellenen jahrelang tatenlos zugesehen und so die Spekulation überhaupt erst ermöglicht. Mit ihrem Rettungsschirm haben die Länder der Eurozone die Spekulanten dann in ihre Schranken verwiesen. Daraufhin brachen die Wetten gegen den Euro zusammen und die Währung erholte sich.
Dieses Beispiel zeigt, dass Spekulanten nicht sich selbst überlassen werden dürfen. Auch dieser Bereich muss reguliert und kontrolliert werden. Wenn zum Beispiel nur wenige Spekulanten den Markt beherrschen, muss der Staat ein Stoppschild aufstellen, damit sie die Preise nicht manipulieren. Auch die Zahlungsfähigkeit der Kreditausfall-versicherer ist stärker unter die Lupe zu nehmen. Der amerikanische Finanzdienstleister und Versicherungskonzern AIG zum Beispiel hatte ohne ausreichende Rücklagen so große Versicherungsvolumen gewährt, dass er letztlich nur durch eine Notverstaatlichung gerettet werden konnte.
Hedgefonds
Ursprünglich wurden Hedgefonds gegründet, um Investoren selbst bei fallenden Aktienkursen eine gute Rendite zu sichern. Daher stammt auch der Name: „Hedging“ bedeutet absichern. Die Fonds spekulieren mit den ihnen anvertrauten Geldern auf bestimmte Kursbewegungen, zum Beispiel von Aktien, Währungen oder Rohstoffen. Da die Analyse der Hedgefonds aber auch falsch sein kann und die Fonds zudem meist mit viel Fremdkapital arbeiten, sind ihre Strategien häufig ziemlich riskant.
So können diese speziellen Investmentfonds sogar mit Kursverlusten Geld verdienen, indem sie geliehene Wertpapiere bei hohen Preisen verkaufen und sie später zu niedrigeren Preisen zurückkaufen. Wenn die Preise aber nicht fallen, geht die Spekulation nicht auf und es droht der Totalverlust.
Umgekehrt gehen Hedgefonds aber auch mit der Erwartung in Aktien, Wertpapiere und Rohstoffe, dass deren Kurse steigen. Wenn die Verzinsung attraktiv ist, investieren sie in der Hoffnung, dass die Preise zumindest nicht fallen und der Gläubiger zahlungsfähig bleibt. Doch auch das kann schief gehen – und hat vielen Fonds in der Finanzkrise das Genick gebrochen. Wie Banken haben sie auf das falsche Pferd gesetzt – nämlich auf fast wertlose verbriefte US-Wertpapiere.
Dementsprechend haben die Hedgefonds in der Finanzmarktkrise arg gelitten: Im vergangenen Jahr gab es weltweit nur noch 9.400 Hedgefonds, rund 1.100 weniger als 2007. Im gleichen Zeitraum fielen die von ihnen verwalteten Mittel um 450 Milliarden auf 1.700 Milliarden Dollar (Grafik).
Das Tal der Tränen haben die Hedger jedoch inzwischen durchschritten. Im Jahr 2009 betrug die durchschnittliche Rendite der Fonds 19 Prozent – das ist der höchste Wert seit zehn Jahren. Bis Juli 2010 hatten die Fonds bereits 95 Prozent des Wertniveaus vom Oktober 2007 wieder erreicht. Damit schneiden sie wesentlich besser ab als die globalen Aktienmärkte.
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IW-Nachrichten 1. Februar 2012
Drohende Kreditklemme: Versiegt das Geld?
Laut einer aktuellen Studie der Citigroup Global Markets Inc. scheint sich in Europa die Gefahr für eine Kreditklemme zu vergrößern. Die Studie zeigt, dass die Kreditvergabe im vierten Quartal 2011 um 65 Milliarden Euro zurückgegangen ist. mehr
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Kolumnen 18. Januar 2012
Michael Hüther im ÖkonomenBlog: Staatsgeld als letzter Ausweg
Die Übernachteinlagen der Finanzinstitute bei der EZB haben einen neuen Rekordstand erreicht, schreibt IW-Direktor Michael Hüther im ÖkonomenBlog. Über 500 Milliarden Euro wurden am Dienstag bei der Notenbank geparkt. Das verheißt nichts Gutes. Um eine Implosion des europäischen Bankensystems im Vorfeld zu verhindern gibt es nur einen Weg: Staatsgeld für Banken. mehr
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Interviews 16. Januar 2012
Michael Hüther in der Süddeutschen Zeitung: "Es gibt nur einen Weg: Staatsgeld für Banken"
Angesichts neuer Turbulenzen auf den Finanzmärkten warnt Michael Hüther vor einer Rückkehr der Schockwellen. Aus dem Bankensystem drohten gewaltige Gefahren, sagt der IW-Direktor im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Hüther rät den Regierungen Europas zu drastischen Schritten, nämlich der Teilverstaatlichung der wichtigsten europäischen Großbanken, darunter auch der Deutschen Bank. mehr
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Argumentationspapiere 16. Januar 2012
Michael Hüther: Krisenpolitik 2012
Obligatorische Rekapitalisierung der systemrelevanten Banken in der Eurozone mehr
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iwd 7. Dezember 2011
Kreditausfallversicherungen: Das Risiko steigt
Die Finanzbranche hat in den vergangenen Jahren verstärkt Versicherungen verkauft, mit denen sich Gläubiger gegen einen Zahlungsausfall wappnen. Im Zuge der Eurokrise hat sich nun das Risiko stark erhöht, dass diese Versicherungen für Staatsanleihen tatsächlich in Anspruch genommen werden. mehr
iwd - Nr. 33 vom 19. August 2010
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