Viel Lärm um wenig
Weder die Einkommensungleichheit noch die relative Einkommensarmut haben in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich zugenommen. Auch die Gefahr, aus der Mittelschicht abzusteigen, hat sich nicht erhöht. Allerdings ist es schwieriger als früher, aus den unteren Einkommensregionen aufzusteigen.
Die Bevölkerung beobachtet die aktuellen Sparpläne der Bundesregierung mit Argusaugen. Denn die mit den Vorhaben einhergehenden Verteilungsfragen sind ein hochsensibles Thema. Studien über eine angebliche Erosion der Mittelschicht – erst kürzlich hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Analyse zu diesem Thema veröffentlicht – befeuern Abstiegsängste vieler Bürger zusätzlich. Allerdings lassen sich entsprechende Entwicklungen nur teilweise statistisch belegen:
Themen
Einkommensungleichheit.
Im langfristigen Trend hat die Einkommensungleichheit tatsächlich zugenommen. Von einem dramatischen Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich zu sprechen ist allerdings nicht angemessen. So verdienten die besonders Wohlhabenden im Jahr 1984 monatlich netto 3-mal so viel wie Personen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen. Innerhalb von 24 Jahren vergrößerte sich dieser Abstand auf das 3,3-Fache, er wuchs also lediglich um 10 Prozent.
Beim Jahreseinkommen, das unregelmäßige Einkommen und Zusatzeinkünfte berücksichtigt, hat sich die Schere nur etwas weiter geöffnet: Im Jahr 1984 lag das Einkommen der Gutsituierten ebenfalls etwa 3-mal so hoch wie das der Einkommensschwachen – jetzt ist es 3,5-mal so hoch. Seit dem Jahr 2005, als die Arbeitslosigkeit ihren bisherigen Höhepunkt erreichte, ist die Ungleichheit nicht weiter gestiegen.
Generell folgt die Entwicklung im Wesentlichen internationalen Trends: Durch die Globalisierung und den technischen Fortschritt steigt der Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften. Entsprechend können diese tendenziell höhere Löhne fordern. Andererseits geht der Bedarf an geringqualifizierten Beschäftigten zurück – ihre Löhne geraten daher besonders unter Druck.
Einkommensarmut.
Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Blick auf den Anteil der Personen, die in relativer Einkommensarmut leben. Im Jahr 2008 hatten gut 13 Prozent der Bevölkerung – vereinfacht ausgedrückt – weniger als 60 Prozent des mittleren Monatseinkommens zur Verfügung. Damit war die Quote kaum höher als Mitte der 1980er (Grafik).
Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland bei der relativen Einkommensarmut unauffällig ab. Mit seiner Quote belegte es im Jahr 2007 einen Platz im Mittelfeld und unterbot den EU-Durchschnitt um immerhin 2 Prozentpunkte.
Insgesamt sollte die Armutsfrage mit Bedacht diskutiert werden: Armut allein als relative Einkommensarmut zu messen ist zu kurz gesprungen. Schließlich spielen noch andere Indikatoren – wie etwa Immobilienbesitz – eine Rolle, wenn beurteilt werden soll, ob ein Mensch reich ist oder nicht. Auch der Schwellenwert für Einkommensarmut kann das Bild verzerren: Er liegt in Deutschland für einen Alleinstehenden bei knapp 11.000 Euro im Jahr und damit im EU-Vergleich mit Rang 8 von 27 relativ hoch. Das heißt: Selbst mit einem durchaus passablen Einkommen gilt ein Bundesbürger noch als arm. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich laut einer Umfrage aus dem Jahr 2009 vergleichsweise wenige Deutsche einkommensarm fühlten.
Eine andere Möglichkeit, Armut zu messen, besteht darin, elementare Lebensstandardmerkmale abzufragen. Nutzt man dieses Verfahren, rangiert Deutschland im Mittelfeld. Mit seiner Armutsquote von 12,6 Prozent liegt es aber recht nahe an den besten Ländern, deren Quote 8 Prozent beträgt. Die wirtschaftlich schwächeren Staaten weisen dagegen Armutsquoten zwischen 30 Prozent (Italien) und 59 Prozent (Polen) auf.
Einkommensarmut und Demografie.
Das Armutsrisiko ist nicht für jeden gleich hoch: Wer arbeitet und ein hohes Bildungsniveau hat, ist in der Regel gut geschützt. Abhängig ist relative Einkommensarmut zudem von soziodemografischen Faktoren (Grafik):
Für Menschen mit Migrationshintergrund ist die Wahrscheinlichkeit, mit ihrem Einkommen als arm eingestuft zu werden, fast doppelt so hoch wie für Ansässige. Alleinerziehende sind mit einer Quote von 38 Prozent sogar beinahe dreimal so oft betroffen wie der Durchschnitt.
Für Migranten und Alleinerziehende spielen die Faktoren Erwerbsbeteiligung und Bildung ebenfalls eine entscheidende Rolle, wenn es um die Armutsfrage geht: So haben es Alleinerziehende nach wie vor nicht leicht, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Migranten sind hingegen auch bei gleichem Bildungsstand häufiger einkommensarm. Das liegt vermutlich vor allem an fehlenden Sprachkenntnissen und daran, dass ausländische Abschlüsse oft nicht anerkannt werden.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Alleinerziehenden und der Personen mit ausländischen Wurzeln gestiegen. Die Einkommenssituation beider Gruppen hat sich gleichzeitig verschlechtert. Das wirkt sich deutlich auf die Armutsstatistik aus: Durch Personen mit Migrationshintergrund und die „Ein-Eltern-Familien“ hat die Einkommensarmut zwischen 1996 und 2007 doppelt so stark zugenommen, wie es ohne die beiden Gruppen der Fall gewesen wäre.
Einkommensmobilität.
Mit Blick auf die DIW-Studie zur angeblichen Erosion der Mittelschicht lässt sich zweierlei feststellen: Richtig ist, dass der Anteil der Personen mit mittleren Einkommen von gut 66 Prozent im Jahr 2000 auf 61,5 Prozent im Jahr 2009 abgenommen hat. Falsch ist allerdings, dass die Gefahr größer geworden ist, aus der Mittelschicht abzusteigen.
Tatsächlich landeten im Vierjahreszeitraum von 2003 bis 2007 nur 10 Prozent der Personen aus der Mittelschicht – den mittleren 60 Prozent der Einkommenshierarchie – im untersten Einkommensfünftel (Grafik). Im Vierjahreszeitraum davor waren es noch 11 Prozent und von 1995 bis 1999 sogar 12 Prozent.
Für jene 20 Prozent der Bevölkerung mit den geringsten Einkommen sind jedoch die Chancen deutlich gesunken, die eigenen finanziellen Verhältnisse zu verbessern:
Betrug die Aufsteigerquote aus dem untersten Einkommensfünftel im Zeitraum von 1999 bis 2003 immerhin 46 Prozent, waren es zwischen 2003 und 2007 nur noch 37 Prozent.
Dieser Befund ist insofern überraschend, als die Hartz-IV-Reformen gerade Personen mit niedriger Produktivität in den Arbeitsmarkt integrieren sollten und dies auch mit einigem Erfolg getan haben. Vermutlich spielt es auch bei dieser Entwicklung eine Rolle, dass immer mehr Menschen alleinerziehend sind oder einen Migrationshintergrund haben.
Um den Anteil der Armen in Deutschland nachhaltig zu reduzieren, muss die Politik andere Rahmenbedingungen schaffen. Vor allem sollte sie ihre Integrationsbemühungen intensivieren, um Migranten einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Zudem muss sie sicherstellen, dass gleichwertige ausländische Abschlüsse in Deutschland entsprechend anerkannt werden. Weiterhin sollte das Betreuungsangebot für Kinder so ausgeweitet und verbessert werden, dass der messbare Nachteil Alleinerziehender sinkt und überdies Kinder aus sozial benachteiligten Schichten bessere Bildungschancen erhalten.
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IW-Nachrichten 17. Januar 2011
Abstiegsangst: Die Mittelschicht schrumpft nicht
Entgegen der weit verbreiteten Meinung schrumpft die Mittelschicht in Deutschland nicht. Von einer objektiven Abstiegsbedrohung der Mittelschicht kann keine Rede sein. Auch haben sich die Einkommensunterschiede zwischen der Mittelschicht und höheren Einkommen in der Vergangenheit nicht wesentlich vergrößert. Das sind die zentralen Ergebnisse der neuesten Publikation des Roman Herzog Instituts „Wie schlecht steht es wirklich um die gesellschaftliche Mitte?“. mehr
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Wirtschaft und Ethik 21. Juli 2010
Wirtschaftsethik: Mythos Mittelschicht
Mit düsteren Szenarien warnen die Medien vor dem Schrumpfen der Mittelschicht – aus den Statistiken lassen sich diese jedoch nur mit Kreativität ableiten. Ein Beispiel ist die aktuelle Studie des DIW, deren Warnung vor der Polarisierung der Gesellschaft zweifellos den Nerv der Bevölkerung traf. Dabei zeigen die Statistiken, dass die soziale Schichtung in Deutschland in der Vergangenheit weitgehend stabil blieb. Gleichzeitig zeugen Auf- und Abstiegsbewegungen von einer gesunden Chancengerechtigkeit: Sozialer Aufstieg durch Arbeit und Bildung ist in Deutschland besser möglich, als viele Bundesbürger glauben. mehr
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IW-Dossiers 30. November 2011
Einkommensmobilität
Wer arm ist, muss nicht arm bleiben: Langfristig ist es immerhin 55 Prozent der Personen aus dem untersten Einkommensfünftel gelungen, in höhere Einkommensschichten aufzusteigen. Immerhin 37 Prozent gelang der Aufstieg zuletzt sogar binnen Jahresfrist. Besonders gut sind die Aufstiegschancen für Arbeitslose, denen es gelingt, einen Job zu ergattern. Ist der Verdienst niedrig , fällt der Aufstieg sogar einen Tick leichter, als wenn der Verdienst mittleres oder hohes Niveau hat. Auch eine Niedriglohnbeschäftigung kann also ein gutes Sprungbrett sein, um sich aus Einkommensarmut zu befreien. mehr
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IW-Trends 17. April 2012
Judith Niehues / Christoph Schröder: Integrierte Einkommens- und Vermögensbetrachtung
iwd - Nr. 30 vom 29. Juli 2010
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