Die Konkurrenz aus Übersee war der Europäischen Union im Jahr 2000 um Längen voraus, wenn es um Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) ging. Während Japan und die USA jeweils etwa 3 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in Innovationen steckten, kamen die damals 15 EU-Staaten im Durchschnitt nur auf magere 1,85 Prozent.

Forschung und Entwicklung

Angesichts dieses beträchtlichen Rückstands ließ das Ziel aufhorchen, das sich die Staats- und Regierungschefs im März 2000 in Lissabon setzten: Die EU sollte innerhalb von zehn Jahren zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt werden. Dafür müssten die Mitgliedsländer vor allem ihre Aufwendungen für Forschung und Entwicklung erhöhen. Man einigte sich auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), wovon die Wirtschaft 2 Prozentpunkte schultern sollte. Doch die Bilanz sieht ernüchternd aus (Grafik):

Bis zum Jahr 2008 hatten die EU-Länder ihre durchschnittlichen FuE-Aufwendungen um lediglich 0,1 Prozentpunkte auf 1,95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufgestockt.

Vergleicht man das selbst gesteckte 3-Prozent-Ziel für die FuE-Quote mit einem Hundertmeterlauf, so ist der EU nach nicht einmal zehn Streckenmetern die Puste ausgegangen. Der Rückstand auf die Konkurrenten, die ihre FuE-Quoten sämtlich steigern konnten, bleibt damit beträchtlich – im Vergleich zu Japan und Südkorea ist der Abstand sogar nochmals deutlich größer geworden.

Immerhin haben zumindest einige Länder der EU-15 Erfolge vorzuweisen: Schweden, Finnland, Dänemark und Deutschland zählten bereits im Jahr 2000 zur europäischen Forschungselite und haben ihre entsprechenden Ausgaben – gemessen an der Wirtschaftsleistung – seither noch aufgestockt.

Eine zweite Länderriege hingegen – bestehend aus Frankreich, Belgien, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und Luxemburg – hat ihre FuE-Anstrengungen in Relation zum BIP kollektiv gesenkt und damit den Anschluss an die Spitzengruppe verloren.

Mit Österreich, Portugal, Spanien und Irland hat eine dritte Gruppe immerhin deutlich aufgeholt, wenn auch teilweise von einem niedrigen Niveau aus. Österreich ist der Überflieger schlechthin: Deutschlands Nachbar investiert mit 2,68 Prozent seines BIP mittlerweile sogar mehr in Forschung und Entwicklung als die Bundesrepublik.

Deutschland ist damit in Sachen gesamtwirtschaftlicher FuE-Quote im europäischen Ranking vom dritten auf den fünften Platz abgerutscht.

Mit einem Anteil der FuE-Aufwendungen von 2,64 Prozent liegt die Bundesrepublik zudem noch deutlich hinter der 3-Prozent-Zielmarke.

Die Anstrengungen der vergangenen Jahre haben also nicht gereicht.

Zudem ist es längst nicht allen EU-15-Staaten gelungen, ihre Unternehmen zu größeren Innovationsanstrengungen zu bewegen: Der BIP-Anteil unternehmerischer Forschung und Entwicklung ist im Durchschnitt kaum merklich um 0,05 Prozentpunkte auf 1,24 Prozent gestiegen.

Zu den positiven Ausnahmen gehören vor allem Österreich und Portugal. Im Alpenstaat beispielsweise hat die Wirtschaft zuletzt 1,89 Prozent der Wirtschaftsleistung und damit satte 0,76 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2000 in FuE investiert.

Das Erfolgsrezept heißt in beiden Ländern steuerliche FuE-Förderung – die die Unternehmen insbesondere für zusätzliche Investitionen belohnt. Konkret bedeutet das: Der österreichische und der portugiesische Staat greifen forschenden Firmen mit relativ niedrigen Grund-Unterstützungen unter die Arme; Extra-Anstrengungen fördern sie dafür umso mehr. Dies hat den Alpenstaat und das Land an der Algarve auch für multinationale Unternehmen attraktiv gemacht. So ist es etwa den Österreichern gelungen, Konzerne aus Nachbarländern in eigene Gefilde zu locken:

In Österreich wird inzwischen mehr als jeder zweite Forschungseuro im Unternehmenssektor von ausländischen Konzerngesellschaften investiert.

In Deutschland dagegen stammt nur rund jeder vierte Forschungseuro der Wirtschaft aus Kassen ausländischer Unternehmen – Tendenz fallend.

Immerhin muss sich die hiesige Wirtschaft nicht vorwerfen lassen, sich auf ihren früheren Innovationslorbeeren auszuruhen. Bezogen auf das BIP wenden Unternehmen hierzulande inzwischen 1,85 statt 1,73 Prozent im Jahr 2000 für Forschung und Entwicklung auf und könnten somit den angestrebten Wirtschaftsanteil von 2 Prozent zumindest in naher Zukunft erreichen. Nominal betrachtet hat die hiesige Wirtschaft ihr FuE-Budget zwischen 2000 und 2008 sogar um stolze 30 Prozent ausgedehnt – und zwar von 35,6 Milliarden Euro auf 46,1 Milliarden Euro.

Von diesen Forschungseuros wird mehr als jeder dritte im Fahrzeugbau, gut jeder sechste in der Elektrotechnik und knapp jeder zehnte im Maschinenbau investiert.

Diese drei Branchen stemmen zusammen knapp zwei Drittel aller Forschungsanstrengungen im Wirtschaftssektor.

Die deutsche Wirtschaft finanziert zudem ihre Aufwendungen für Forschung und Entwicklung zunehmend selbst. Der Anteil, den der Staat z.B. durch Forschungsförderung beisteuert, ist zwischen 2000 und 2008 von 6,9 auf nur noch 4,5 Prozent zurückgegangen; im Durchschnitt der EU-15-Länder liegt dieser Wert aktuell bei 7,0 Prozent.

Mehr Forschung braucht mehr Forscher

Neben den finanziellen Ressourcen ist qualifiziertes Personal der andere Garant für erfolgreiche Innovationen. Daher bringt der Blick auf die EU-15 wenig Überraschendes: Je intensiver ein Land und die dort ansässigen Unternehmen forschen, desto höher ist auch der Anteil der beschäftigten Wissenschaftler (Grafik).

Gleiches gilt auch im innerdeutschen Vergleich: Am besten sind die forschungsstarken Bundesländer Hessen und Baden-Württemberg mit klugen Köpfen versorgt. Sachsen-Anhalt und das Saarland dagegen haben fünf- bis sechsmal weniger Forscher je Beschäftigte in der gewerblichen Wirtschaft vorzuweisen.

Auch in Bezug auf die Dynamik gilt typischerweise dieser Zusammenhang: Je stärker ein Land seine FuE-Quote seit 2000 erhöht hat, desto stärker ist die Zahl der Wissenschaftler je 10.000 Beschäftigte gestiegen.

Im Jahr 2000 arbeiteten von 10.000 deutschen Beschäftigten der gewerblichen Wirtschaft 52 Kollegen als Forscher. Im Jahr 2008 waren es bereits 60 Wissenschaftler.

Im Vergleich zum Durchschnitt der EU-15, wo der Wert im Vergleichszeitraum von 38 auf 47 gestiegen ist, stehen die deutschen Unternehmen damit gut da – die Finnen und Schweden sind aber noch besser. Ein Grund hierfür ist der Fachkräftemangel in deutschen Landen: Es gibt zu wenige Ingenieure (vgl. iwd 16/2010). Und genau diese Akademiker stellen in der Regel das Gros der Forscher.

Angesichts all dieser Herausforderungen ist die Ankündigung der Bundesregierung begrüßenswert, den Bereich Forschung und Bildung aus dem Sparpaket auszuklammern und hier sogar mehr öffentliche Ressourcen investieren zu wollen.

Eine Forschungsförderung über das Steuersystem sollte dabei ganz oben auf der Agenda stehen: Denn ein Euro steuerliche FuE-Förderung zieht in der Regel einen zusätzlich investierten Euro der Unternehmen nach sich, den sie sonst nicht ausgegeben hätten.

Gelingt es der Politik darüber hinaus, den Fachkräftemangel einzudämmen und mehr junge Menschen für ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium zu begeistern, könnte Deutschland zumindest in absehbarer Zeit die bisherige Topmarke der FuE-Quote erreichen: Diese datiert aus dem Jahr 1987, als Staat und Wirtschaft in Westdeutschland gemeinsam 2,87 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aufwendeten.