Lohnstückkosten

Die Wettbewerbsfähigkeit wahren

Die Wirtschaftskrise hat weltweit vor allem die Industrie hart getroffen – die Wirtschaftsleistung des Verarbeitenden Gewerbes ist in den etablierten Volkswirtschaften um bis zu 36 Prozent gesunken. Der Arbeitsmarkt reagierte darauf allerdings höchst unterschiedlich. So erlitt die deutsche Industrie unter den besonders rezessionsgeschädigten Ländern den geringsten Verlust an Arbeitsplätzen. Dafür musste sie aber hinter Luxemburg den stärksten Anstieg der Lohnstückkosten verkraften.

Der Maschinenbau blieb auf seinen Anlagen sitzen, es rollten weniger Lastwagen auf die Straße und auch bei Ausrüstungsgütern und anderen größeren Anschaffungen blieben die Bestellungen oft aus – die Wirtschaftskrise hat dafür gesorgt, dass nur noch wenige Aufträge die Bücher der Industrieunternehmen füllten und die Betriebe weltweit große Verluste verbuchten (Grafik).

Deutschland zählt zu den stark gebeutelten Ländern: Im Schlussquartal 2009 lag die Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes um 20 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Einzig an Polen ist die Krise offenbar spurlos vorbeigegangen. Dort war die Wirtschaftsleistung Ende 2009 sogar etwas höher als Anfang 2008.

Völlig unterschiedlich reagierte auch der Arbeitsmarkt in den Industrieländern:

Bei ungefähr gleich starkem wirtschaftlichen Minus brach in Spanien die Beschäftigung um 20 Prozent ein, in Deutschland und Luxemburg betrug der Rückgang nur 4 Prozent .

Verglichen mit allen Staaten, deren Wirtschaftsleistung abgerutscht ist, sah es damit in der Bundesrepublik in Sachen Beschäftigung am besten aus. Die USA und Dänemark etwa verzeichneten ein Minus von 15 Prozent bei der Erwerbstätigenzahl – trotz schwächerer Rezession.

Die weitgehende Krisenresistenz des deutschen Arbeitsmarkts – im Ausland als deutsches Beschäftigungswunder bestaunt – hat allerdings ihre Kehrseiten.

Denn wenn die Wertschöpfung stärker sinkt als die Zahl der Erwerbstätigen, geht zwangsläufig die Produktivität zurück. Verringern sich dann nicht gleichzeitig auch die Arbeitskosten, wird die Arbeit je Produkteinheit entsprechend teurer – die sogenannten Lohnstückkosten steigen also. Damit ist klar: Ein Unternehmen, das in einer konjunkturellen Flaute seine Beschäftigung halten will, läuft Gefahr, aufgrund höherer Kosten seine Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen.

Deutschland hat versucht, diesen Zusammenhang durch Arbeitszeitverkürzung zumindest etwas aufzubrechen:

Die geleistete Arbeitszeit je Erwerbstätigen verringerte sich hierzulande durch Überstundenabbau, Ausgleich von Arbeitszeitkonten und staatlich geförderte Kurzarbeit seit dem Krisenausbruch um 8 Prozent.

Die Produktivität der Beschäftigten sank so im Schnitt um 16 Prozent. Die Arbeitskosten je Mitarbeiter schrumpften jedoch nur geringfügig – auf die geleistete Stunde umgerechnet wurde jeder Beschäftigte sogar um gut 5 Prozent teurer, was dazu führte, dass die Lohnstückkosten in Deutschland um 16 Prozent emporgeschnellt sind (Grafik).

Auch in anderen Ländern mit starkem Produktivitätsrückgang sind die Lohnstückkosten meist deutlich gestiegen. Denn in den meisten Volkswirtschaften wollten Unternehmen die Löhne ihrer Belegschaften nicht kürzen, um Beschäftigungssicherung und Erhalt der Kostenwettbewerbsfähigkeit unter einen Hut zu bringen.

So kletterten zum Beispiel in Italien die Lohnstückkosten bei einem Produktivitätsabfall von 14 Prozent um 13 Prozent – der leichte Rückgang der Arbeitskosten von knapp 3 Prozent wirkte also nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ganz anders dagegen steuerten Dänemark, die USA und die Slowakei durch die konjunkturellen Turbulenzen – in diesen Ländern übertraf der Stellenabbau prozentual sogar noch den Rückgang der Wirtschaftsleistung an Intensität. Die Folge: eine gestiegene Produktivität – und eine günstige Lohnstückkostenentwicklung. Die USA hielten beispielsweise den Anstieg der Kosten je Produkteinheit mit knapp 3 Prozent in engen Grenzen, Dänemark konnte seine Lohnstückkosten sogar leicht senken.

Die Frage ist nun: Spricht aus dem System der schnellen Beschäftigungsanpassung à la Amerika der unbarmherzige Turbo-Kapitalismus und ist daher die sanftere Variante der Beschäftigungssicherung à la Deutschland zu bevorzugen? Um dies zu beantworten, muss man sich klarmachen, welche Kosten durch die verschiedenen Anpassungsstrategien an den Konjunktureinbruch entstehen:

  • Entlassungen bedeuten für die Betroffenen einen Einkommensverlust, der umso höher ist, je niedriger das Arbeitslosengeld und eine eventuelle Abfindung ausfallen. Aber auch die Unternehmen kommen nicht ungeschoren davon, denn sie müssen oft Entlassungsentschädigungen zahlen und haben überdies – wenn der Aufschwung wieder in Fahrt kommt – Kosten für die Einstellung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter zu tragen. Auch der Staat muss seinen Beitrag leisten, zahlt er doch auf der einen Seite die Lohnersatzleistungen und muss auf der anderen Seite auf Beitrags- und Steuereinnahmen verzichten.
  • Die Kurzarbeit kann ebenfalls in ein Dilemma führen. Die Einkommenseinbußen werden zwar auf mehr Köpfe verteilt als beim Personalabbau und die Unternehmen sparen sich die Kosten für Entlassung und Wiedereinstellung. Allerdings hat der Staat im Prinzip ähnliche Aufwendungen wie bei der Versorgung Arbeitsloser.

Das besondere Problem der Kurzarbeit zeigt sich auf lange Sicht: Bleiben alle Beschäftigten in ihrem Betrieb, stützt die Kurzarbeit letztlich auch jene Firmen, die de facto gar nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Unternehmen, die schnell wachsen könnten und wollen, finden dann nur schwer neue Mitarbeiter, sodass Wachstumspotenziale ungenutzt bleiben und die Wirtschaftsdynamik gebremst wird.

  • Schließlich kann ein Unternehmen auch einfach höhere Lohnstückkosten in Kauf nehmen. Arbeitnehmer und Staat bleiben dann von Anpassungslasten zunächst weitgehend unbehelligt.

Steigende Lohnstückkosten beeinträchtigen aber die Wettbewerbsfähigkeit und lassen die Gewinne des Unternehmens schrumpfen.

Dies kann ebenfalls Investitions- und Wachstumschancen blockieren und Firmen in die Pleite treiben – am Ende kommt also auch in dieser Version der Arbeitsmarkt nicht ohne Blessuren davon. Wie auch immer auf die Wirtschaftskrise reagiert wird, ist also eine Frage des kleinsten Übels. Und das hängt stark von den institutionellen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Staaten ab.

In Dänemark und den USA beispielsweise sind Kündigungen sowohl leichter durchsetzbar als auch mit niedrigeren Kos­ten verbunden. Dadurch müssen die Unternehmen keine hohen Kosten für Entlassungen schultern; im Aufschwung trauen sich die Betriebe auch schneller wieder, neue Mitarbeiter einzustellen. Zudem sind Arbeitslose in Dänemark finanziell gut abgesichert und können daher die Erwerbslosigkeit verkraften, ohne gleich um ihren Lebensstandard fürchten zu müssen.

Ganz anders ist die Situation in Deutschland: Regulierte Arbeitsmärkte und hohe Abfindungen machen Entlassungen vergleichsweise teuer – deshalb zögern Betriebe oft, direkt wieder die Belegschaft aufzustocken, wenn die Konjunktur anzieht. Da zudem hierzulande Fachkräfte knapp werden, sind die deutschen Industrieunternehmen – unterstützt durch das Kurzarbeitergeld – in der Wirtschaftskrise von vornherein einen anderen Weg gegangen: Sie haben die Arbeitszeit gedrosselt und steigende Lohnstückkosten in Kauf genommen. Leichter gemacht wurde dies den Betrieben durch die moderaten Tarifabschlüsse der Vergangenheit, die die Lohnstückkosten zwischen 2003 und 2007 um knapp 10 Prozent gesenkt haben.

Zu hohe Lohnstückkosten kann sich die deutsche Industrie allerdings nicht auf Dauer erlauben, wenn sie mit der aus­ländischen Konkurrenz mithalten will. Und auch die Kurzarbeit kann nicht beliebig verlängert werden, vor allem da sonst der Strukturwandel behindert wird.



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iwd - Nr. 27 vom 7. Juli 2010

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