Energiegutachten

Optimistische Annahmen

Die Bundesregierung will mehr Treibhausgas einsparen. Ein von ihr beauftragtes Energiegutachten geht allerdings von einigen sehr optimistischen Annahmen aus, die so kaum erfüllbar sein werden. Eine Variante, mit geringen Emissionen Strom zu produzieren, wäre die Kernenergie. Würden die Laufzeiten der Kraftwerke um bis zu 20 Jahre verlängert, könnte das zudem den Strom um bis zu 30 Prozent billiger machen.

Die Bundesregierung plant, die Emissionen von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken; bis zum Jahr 2050 sollen sogar 85 Prozent eingespart werden. Dieser zentralen Vorgabe soll sich die Energieversorgung der Zukunft unterordnen. Auch dem aktuellen Energiegutachten, das wissenschaftliche Institute kürzlich für die Bundesregierung erarbeitet haben, liegt dieses Reduktionsziel zugrunde.

Es dürfte allerdings schwer werden, die Vorgaben zu erfüllen. Denn die Gutachter gehen von sehr optimistischen Szenarien aus:

  • Energieeffizienz: Laut dem Energiekonzept soll sich die Energieeffizienz hierzulande jedes Jahr um 2,5 Prozent erhöhen – aus derselben Menge an Energie soll also jedes Jahr 2,5 Prozent mehr Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet werden. Dies ist ein sehr ambitionierter Wert, denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde lediglich eine jährliche Steigerung von 1,7 Prozent erreicht. Ein weiteres Problem: Deutschland geht bereits recht effizient mit Energie um. Ob solch umfangreiche zusätzliche Verbesserungen wirtschaftlich realisierbar sind, beispielsweise durch Kraftwerksmodernisierungen und Gebäudesanierung, ist fraglich.
  • Klimaabkommen: Die Gutachter neh­men an, dass sich andere Industrie­länder und wichtige Schwellenländer den europäischen Klimaschutzanstrengungen anschließen. Solch ein Abkommen ist jedoch in weiter Ferne.
  • Europäische Netze: Zudem wird davon ausgegangen, dass die europäischen Stromnetze zu einem Verbund zusammenwachsen. Dafür sind jedoch noch erhebliche Investitionen und politische Weichenstellungen nötig.
  • Technik und Akzeptanz: Nicht zuletzt muss auch eine funktionierende, innovative Technik verfügbar sein, die den neuen Herausforderungen gewachsen ist. Ein weiterer Knack­punkt: die nötige Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung. So zeigt z.B. die Diskussion über die Laufzeitverlängerun­g von Atomkraftwerken – die jetzt auf durchschnittlich zwölf Jahre fest­gelegt wurde –, wie schwierig es ist, sich zu einigen.

Würden all diese Bedingun­gen dennoch erfüllt, prophezeien die Gutachter einen Energiemix, der Mitte des Jahrhunderts stark von den erneuerbaren Energien geprägt sein wird. Rund 60 Prozent des Stroms soll im Jahr 2050 aus regenerativen Quellen stammen.

Trotzdem müsste immer noch bis zu einem Drittel des Stroms aus dem Ausland importiert werden. Dies liegt zum einen daran, dass Anbieter jenseits der deutschen Grenze Strom aus erneuerbaren Energien billiger bereitstellen, zum anderen aber daran, dass es hierzulande immer weniger konventionelle Kraftwerke geben wird. Ein hoher Importanteil setzt aber nicht nur die entsprechende Infrastruktur, sondern auch die notwendigen Kapazitäten in den Nachbarländern voraus. Dass diese Staaten Kraftwerke bauen, um die Deutschen mit günstigem Strom zu versorgen, ist aber alles andere als selbstverständlich.

Für die Stromkunden sind insbesondere die Preise interessant, die auf sie zukommen könnten. Würden beispielsweise die Laufzeiten von Kernkraftwerken deutlich verlängert, etwa auf 20 Jahre, wäre der Strompreis weit niedriger als bei einer kürzeren Laufzeitverlängerung von 4 Jahren (Grafik).



Haushaltskunden könnten 7 Prozent sparen, Industriekunden knapp 11 Prozent.

Besonders groß ist die Hoffnung für energieintensive Industrien, etwa für die Aluminiumproduzenten. Für sie wäre eine Ersparnis von fast 31 Prozent denkbar. Diese niedrigeren Kosten würden es den betroffenen Branchen ermöglichen, weiterhin auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben.

Aber auch die Gesamtwirtschaft würde profitieren: Eine Verlängerung der Kernkraftwerks-Laufzeiten auf 20 Jahre würde ein rund 12 Milliarden höheres Bruttoinlandsprodukt nach sich ziehen – und etwa 71.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Diese positiven Effekte werden jedoch von zwei Seiten gefährdet: Zum einen können teure zusätzliche Sicherheitsanforderungen die wirtschaftlichen Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich reduzieren. Zum anderen will der Staat mit der Brennelementesteuer und weiteren ge­plan­ten Maßnahmen einen großen Teil der mit den längeren Laufzeiten verbundenen Erträge für sich vereinnahmen.


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iwd - Nr. 36 vom 9. September 2010

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