iwd Nr. 21 vom 26. Mai 2011

Pflegesektor

Doppeltes Demografieproblem

Um ältere und kranke Menschen gut versorgen zu können, ist nicht nur viel Geld erforderlich, auch qualifiziertes Personal ist unabdingbar. Der demografische Wandel sorgt jedoch gleich doppelt für Probleme: Zum einen wird die Nachfrage nach Pflege- und Gesundheitsdiensten in den kommenden Jahren dramatisch steigen. Zum anderen nimmt der Fachkräftemangel in diesem Bereich stetig zu.

Viele deutsche Unternehmen suchen händeringend nach Ingenieuren und anderen Fachkräften im naturwissenschaftlich-technischen Bereich (iwd 12/2011). Weniger bekannt, doch nicht weniger prekär ist, dass auch im Gesundheits- und Pflegesektor gut ausgebildetes Personal zunehmend zur Mangelware wird. Eine im vergangenen Jahr vorgelegte Studie des Statistischen Bundesamts zeigt das ganze Ausmaß der Misere:

•Schon 2005, als das Bundesamt die Daten für seine Analyse erhob, war der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften – z.B. Alten- oder Kranken- bzw. Gesundheitspfleger – größer als das entsprechende Angebot auf dem Arbeitsmarkt. Bislang konnten Pflegedienste, Sozialstationen etc. dies noch durch den verstärkten Einsatz an- und ungelernter Pflegemitarbeiter ausgleichen.

•Künftig wird sich die Lücke jedoch drastisch vergrößern. Bis zum Jahr 2025 dürfte die Nachfrage nach bestmöglich ausgebildeten Pflegekräften insgesamt um 27 Prozent steigen; in ambulanten und (teil-)stationären Pflegeeinrichtungen sogar um fast 50 Prozent. Zugleich ergreifen jedoch nicht genügend junge Leute einen entsprechenden Beruf. Die Folge:

Im Jahr 2025 fehlen voraussichtlich bis zu 200.000 Pflegefachkräfte.

Selbst wenn die dann verfügbaren an- und ungelernten Beschäftigten mit einberechnet werden, ist ein Defizit von 112.000 Pflegekräften zu erwarten.

•In Westdeutschland werden in den kommenden Jahren relativ zur Bevölkerung noch weniger Pflegemitarbeiter bereitstehen als in Ostdeutschland – entsprechend treten ernsthafte Engpässe im Westen besonders früh auf.

Dass gutes Pflegepersonal bereits heute an vielen Ecken und Enden fehlt oder aber sich ein Mangel abzeichnet, zeigt der aktuelle Geschäftsklimaindex des Caritasverbands – des größten Arbeitgebers in Deutschland, der allein 500.000 hauptamtliche und 500.000 ehrenamtliche Mitarbeiter in mehr als 20.000 Beratungsstellen, Krankenhäusern, Heimen etc. beschäftigt. Die Caritas-Zahlen sprechen eine deutliche Sprache (Grafik):

Fast 80 Prozent der Krankenhäuser und Sozialstationen haben bereits zu wenig qualifiziertes Personal, weitere 11 bzw. 18 Prozent gehen von einem künftigen Fachkräftemangel aus.

Die meisten stationären Einrichtungen der Altenpflege und der Jugendhilfe müssen ebenfalls mit einer Fachkräftelücke fertig werden. Über alle Bereiche hinweg fehlen dabei sowohl beruflich ausgebildete Pflegekräfte als auch solche mit Hochschulabschluss.

In mehr als der Hälfte der betroffenen Einrichtungen beeinträchtigt der Fachkräftemangel die tägliche Arbeit. Rund ein Drittel sieht durch das Arbeitskräftedefizit zudem künftige Wachstumschancen beeinträchtigt. Für junge Leute, die einen Gesundheits- oder Pflegeberuf ergreifen wollen, hat die Situation allerdings ihr Gutes – dem Nachwuchs winkt ein sicherer Arbeitsplatz.



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