Bürokratie

Nicht immer ist Brüssel Schuld

Mit einem aktuellen Entwurf zur Umsetzung einer EU-Richtlinie, die Beschäftigte vor optischer Strahlung schützen soll, handelt der Bundesarbeitsminister genau so, wie er nicht mehr sollte: Er sattelt noch einmal drauf, als gäbe es noch nicht genug Bürokratie.

Europa Quelle: palm z/Flickr

Lange Zeit war es eine beliebte Übung des deutschen Gesetzgebers: mit der Ausrede „wir setzen nur eine EU-Richtlinie um“ eigene Regulierungen für die Wirtschaft einzuführen. Kritiker hat man dann schulterzuckend an Brüssel weiterverwiesen. Doch mit den Plänen der Bundesregierung zum Bürokratieabbau sollte damit Schluss sein: Nur noch eins zu eins würden die Richtlinien umgesetzt, gelobten die Politiker.

Gehalten haben sie sich kaum daran, wie der neue Verordnungsentwurf aus dem Hause Scholz zum Thema Strahlenschutz zeigt. Während die EU-Richtlinie 2006/25/EG nur künstliche Strahlungen wie etwa Laserlicht betrifft, sieht Paragraf 10 des Ministeriumsentwurfs vor, dass der Arbeitgeber seine im Freien tätigen Beschäftigten über die Gefahren der Sonne unterrichten muss. Geeignete Schutzmaßnahmen seien ebenfalls einzuleiten. Bald gibt es also eine neue Attraktion, wenn man in der sommerlichen Reisewelle im Baustellenstau steht und dabei zuschauen kann, wie Bauunternehmer ihren Arbeitern den Rücken eincremen.

Das Amüsante an der neuen Überregelung: Als vor fünf Jahren im Richtlinienentwurf der EU ein ähnlicher Paragraf enthalten war, schlug eine Welle der Ironie über der Kommission zusammen. Die EU-Bürokraten zogen die Konsequenz und strichen die Passage in der Erwartung, dass die im freien Tätigen sich wie in den bisherigen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte selbst vor der Sonne schützen könnten. So viel Eigeninitiative traut das Bundesarbeitsministerium den deutschen Arbeitnehmern aber offenbar nicht zu.


Mehr zum Thema

  • IW-Nachrichten

    Bürokratieabbau: Eins vor, zwei zurück

    Eigentlich möchte die Bundesregierung die Bürokratie durch Steuergesetze reduzieren, hierzu ist etwa eine Reduktion der Aufbewahrungsfrist für Steuerunterlagen angedacht. Doch mit der Gelangensbestätigung für innergemeinschaftliche Lieferungen zeigt das Finanzministerium nun erst mal Elan beim Bürokratieaufbau. mehr

  • IW-Nachrichten

    EU-Mittelstandsmonitor: Vorhaben werden transparenter

    Mit 25 Milliarden Euro sind etwas mehr als die Hälfte der Bürokratiekosten, die aus Informations- und Berichtspflichten der Bundesgesetzgebung resultieren, letztlich auf Bestimmungen der Europäischen Union zurückzuführen. Hinzu kommen weitere EU-Regelungen, die nicht direkt in Bundesgesetze einfließen, aber trotzdem für die Betriebe wichtig sind. Dieses Regelwerk wird ständig erweitert. Viele Firmen wissen jedoch gar nicht, was die EU noch alles im Köcher hat. Hier soll ein Mittelstandsmonitor für Aufklärung sorgen. mehr

  • iwd

    Portugal: Die Krise als Lehrmeister

    Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen: Das Land im Südwesten Europas steckt in einer tiefen Rezession, die Schulden steigen und die Arbeitslosenquote ist zweistellig. Doch es gibt auch Lichtblicke – Portugal hat sich unter dem Euro-Rettungsschirm zu einem wahren Musterschüler gemausert. mehr

  • IW-Nachrichten

    Griechenland: Hellas am Rand des Hades

    Die Wahlen in Griechenland haben die reformtreuen Parteien stark geschwächt. Wenn eine Koalition gebildet wird, die die Reformauflagen nicht erfüllt, darf der Euro-Rettungsschirm nicht wie geplant weiter zahlen. Das würde die griechische Wirtschaft wohl ins Chaos stürzen. mehr

  • iwd

    Arbeits- und Sozialrecht: Von Mutterschutz bis Mitbestimmung

    Wenn ein Betrieb neue Mitarbeiter einstellt, ist das grundsätzlich eine gute Sache. Doch das zusätzliche Personal kann die Beachtung aufwendiger Regelungen nach sich ziehen. Bemühungen, das Vorschriften-Dickicht zu entwirren, sind bisher nicht sonderlich weit gediehen. mehr

IW-Nachrichten - 26. August 2009

Publikationsicon - IW-Nachrichten.jpg

Kommentare zu aktuellen Ereignissen aus Politik und Wirtschaft.

Newsletter: IW-Nachrichten