Die Globalisierung wurde durch die Finanzkrise erst einmal ausgebremst. Die weltweiten Exporte sind im vergangenen Jahr um real mehr als 10 Prozent eingebrochen. Das Vertrauen in ausländische Finanzmarktprodukte ist beschädigt. Im Jahr 2008 wurde die Internationalisierung der Finanzmärkte vorübergehend sogar zurückgedreht. Bis alles wieder im Lot ist, braucht es Zeit. Das ursprüngliche Tempo der Globalisierung dürfte jedoch kaum wieder erreicht werden – nicht zuletzt, weil viele Länder ihre Handelsbarrieren in der Krise erhöht haben.*)
Wenn in Deutschland über Globalisierung diskutiert wird, überkommt viele Menschen ein mulmiges Gefühl. So gilt z.B. die Verlagerung von Prozessen und Arbeitsplätzen ins Ausland als große Gefahr für den deutschen Arbeitsmarkt. Dabei ist das Ausmaß der Umstrukturierung viel kleiner, als es die öffentliche Debatte suggeriert:
Das Statistische Bundesamt etwa hat ermittelt, dass zwischen 2000 und 2006 per saldo lediglich rund 83.000 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wurden.
Bei rund 40 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland entspricht dies gerade einmal rund 0,2 Prozent aller Jobs.
Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung werden dagegen in der öffentlichen Debatte weitgehend ausgeblendet. Dabei hat die Globalisierung vor allem auch den Entwicklungsländern den heiß ersehnten Wohlstand gebracht (siehe unten). Die Zahl der Ärmsten hat sich weltweit seit 1981 um eine halbe Milliarde Menschen verringert – obwohl die Bevölkerung in den Entwicklungsländern gleichzeitig um fast zwei Milliarden Menschen gewachsen ist.
Zuletzt wurde die Globalisierung für die Finanzkrise verantwortlich gemacht, obwohl deren eigentliche Ursachen woanders liegen. Denn die Akteure am Finanzmarkt handelten vor allem deshalb so risikoreich, weil sie – letztlich zu Recht – annahmen, dass sie die Folgen ihres Handelns auf die Steuerzahler abwälzen könnten.
Wenn der Staat oder andere Aufsichtseinrichtungen Banken, Hedge- fonds, Spekulanten und Co. jedoch wirksam kontrollieren und die Gelder vernünftig angelegt sind, richten die Kapitalströme, die täglich um den Globus fließen, kein Unheil an. Dies war nach 1985 lange Zeit der Fall. Ökonomen sprechen hier von der kapitalgetrieben Globalisierungsphase, weil Investitionen und Kapitalanlagen im Ausland schneller gewachsen sind als die Weltwirtschaft oder die Exporte. So legten die nominalen Weltexporte zwischen 1985 und 2008 jahresdurchschnittlich um fast 10 Prozent zu.
Die Auslandsinvestitionen indes sind seit 1985 jährlich um rund 16 Prozent gewachsen – und damit mehr als doppelt so schnell wie die nominale Weltwirtschaftsleistung.
Noch dynamischer entwickelte sich der grenzüberschreitende Handel mit Aktien, Krediten, Wertpapieren etc. Diese Kapitalströme schwollen Jahr für Jahr um fast ein Fünftel an.
Die Finanzkrise hat aber gerade bei den Kapitaltransaktionen zu einem massiven Einbruch – also zu einer De-Globalisierung – geführt. Denn viele Anleger und Banken haben, als es ihnen an die Existenz ging, ihre Gelder verzweifelt aus dem Ausland abgezogen. Das betraf vor allem Aktien sowie Bank- und Handelskredite. Verstärkt wurde der Trend dadurch, dass nach der Lehman-Pleite kaum jemand mehr ausländischen Geschäftspartnern vertraute und sein Geld zurückholte.
Etwas anders lief es bei den Direktinvestitionen. Sie sanken infolge der Krise bis 2009 zwar um fast 50 Prozent gegenüber ihrem Höchststand von 2007 – damit aber prozentual weniger als während der New-Economy-Krise zur Jahrtausendwende. Und es wurde auch 2009 noch im Ausland kräftig investiert (Grafik).
Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten haben ihre Spuren auch auf den Märkten für Güter und Dienstleistungen hinterlassen. Hier kann man ebenfalls von De-Globalisierung sprechen:
Die Weltexporte gingen nominal um fast ein Viertel zurück – das war der tiefste Einbruch seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre.
Selbst wenn man aus diesen Zahlen die teils stark gefallenen Preise vor allem bei Rohstoffen und Energie herausrechnet, kam es inflationsbereinigt zu einem realen Exportrückgang von mehr als 10 Prozent.
Der Mechanismus hinter dieser Entwicklung ist folgender: Viele für die Weltwirtschaft bedeutende Länder – etwa die USA und Großbritannien – haben ihre Importe auf Pump finanziert. Als die Auslandskredite abrissen, kam der Handelsmotor ins Stottern. Zudem brachen zeitweilig die für viele Handelsströme nötigen Bankfinanzierungen weg.
Im Moment sieht es so aus, als ob sich die Lage allmählich bessert. Trotzdem ist vieles zu Bruch gegangen, was erst einmal wieder gekittet werden muss. So haben die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise den Protektionismus weltweit aufflackern lassen, wenngleich es erfreulicherweise nicht zu einem Flächenbrand gekommen ist:
- Zölle. Russland, Indien und Ecuador beispielsweise haben ihre Zölle nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 merklich erhöht, um einheimische Produzenten zu schützen.
- Nichttarifäre Handelshemmnisse. Argentinien, Indonesien und Malaysia haben den Handel durch neue bürokratische Vorschriften erschwert. In Argentinien etwa mussten europäische Unternehmen nach dem Lehman-Desaster zuweilen lange auf eine Importlizenz warten.
- Subventionen. Viele Industrieländer – darunter auch Deutschland – haben in der Krise vor allem die Finanz- und Autoindustrie unterstützt und sie stark subventioniert. Als Instrument zu nennen ist hier beispielsweise die Abwrackprämie.
Aus diesen Hilfen steigen die Industrieländer zwar nach und nach wieder aus. Gleichwohl haben viele Stützungsmaßnahmen – etwa Hilfen für einzelne Banken oder Kreditvergünstigungen für Unternehmen – den Wettbewerb verzerrt. Darunter litten zuallererst die Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich solch kostspielige Maßnahmen oft nicht leisten konnten. Sie haben es jedoch mit anderer Münze heimgezahlt (Grafik):
Die Zahl der Strafzollverfahren ist gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern im Jahr 2009 merklich gestiegen.
Diese treffen insbesondere europäische Unternehmen. So sind 1,7 Prozent der Exporte aus der Europäischen Union von protektionistischen Maßnahmen betroffen, aber nur 0,4 Prozent der Weltexporte.
Unter einem Strafzollverfahren hat man sich Folgendes vorzustellen: Wenn ein Land nachweisen kann, dass ein Importeur seine Güter zu Dumpingpreisen anbietet und so die heimische Wirtschaft merklich schädigt, erlaubt das internationale Handelsrecht Antidumping-Strafzölle. Allerdings gibt es hier große Ermessensspielräume, sodass mancher Importeur ohne triftigen Grund zu Strafzöllen verdonnert wird.
Alles in allem blieb der Welt aber eine protektionistische Eskalation wie in den 1930er Jahren erspart. Damals wurden die Zölle weltweit stark erhöht und ein Abwertungswettlauf der Währungen setzte ein. Beides zwang den Welthandel auf Jahre massiv in die Knie.
Gleichwohl spricht manches dafür, dass die Globalisierung in Zukunft langsamer fortschreitet als vor der Krise:
Grund 1: Die in der Krise errichteten Handelsbarrieren wirken noch nach, weil bislang weniger Hemmnisse beseitigt wurden als neue hinzukamen.
Grund 2: Staaten mit vormals hohen Leistungsbilanzdefiziten – wie Griechenland – müssen in den nächsten Jahren ihre Schulden abbauen. Die Nachfrage nach ausländischen Gütern wird darunter leiden.
Grund 3: Höhere Sicherheitsanforderungen im Rahmen der Terrorismusbekämpfung erhöhen die Kosten des internationalen Handels, etwa durch bürokratische Auflagen und Kontrollen. Dadurch kommt es zu Zeitverzögerungen.
Grund 4: Die Transportkosten steigen, weil die Energiepreise – auch wegen erhöhter Klimaschutzanforderungen – nach oben klettern.
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Der Nutzen der Globalisierung
Ökonomen begründen die Vorteile der Globalisierung so: Der grenzüberschreitende Handel und Kapitalaustausch erlaubt es Ländern, sich auf die Produktion der Waren zu spezialisieren, die sie am günstigsten herstellen können – und bei denen sie komparative (also im Vergleich zu anderen Ländern) Vorteile haben. Tropenfrüchte etwa wachsen billiger in den Tropen als in beheizten Treibhäusern. Selbst die Transportkosten heben den Vorteil nicht auf.
Einfache arbeitsintensive Waren lassen sich in den Entwicklungsländern günstiger produzieren, weil dort sehr viele geringqualifizierte Arbeitskräfte vorhanden und diese damit vergleichsweise billig sind. Einfache T-Shirts, Schuhe, Spielzeug, Möbel und viele standardisierte Produkte wären in den Industrieländern nur zu deutlich höheren Kosten herzustellen.
Doch die Geschichte ist ein Geben und Nehmen: Die Industrieländer spezialisieren sich auf Güter, bei deren Produktion viel Kapital, Wissen und Technologie nötig sind, also auf Produktionsfaktoren, die hier reichlich vorhanden und in den Entwicklungsländern knapp sind.
In den hochentwickelten Regionen entstehen damit innovative Produkte. Diese lassen sich zu hohen Preisen – und damit sind auch hohe Löhne gerechtfertigt – verkaufen. Die Herstellung wandert allerdings bei allmählicher Standardisierung mit der Zeit häufig in die Schwellenländer ab. Dadurch können sich am Ende auch weniger Betuchte diese Waren leisten.
In den Entwicklungsländern steigen jedoch ebenfalls peu à peu die Löhne. Das erhöht auch dort den Wohlstand. So ist das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Ländern, die sich für den Weltmarkt geöffnet haben, zwischen 1990 und 2006 um nahezu 50 Prozent gewachsen – bei den Nicht-Globalisierern dagegen nur um ein gutes Fünftel.
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*) Vgl. Dossier Globalisierung, www.iwkoeln.de/Publikationen/IWDossiers