Im vergangenen Jahr gab es erstmals seit fünf Jahren wieder mehr Unternehmensgründungen. Insgesamt wurden 413.000 Firmen aus der Taufe gehoben – rund 3 Prozent mehr als im Jahr 2008. Die Industrie- und Handelskammern verzeichneten auch bei ihren Gründungsberatungen einen Anstieg. Doch die meisten neuen Betriebe dürften aus der Not heraus entstanden sein.
Das leichte Plus bei den Gründungen im vergangenen Jahr hat nicht viel am mittelfristigen Trend geändert – seit 2004 wagen immer weniger Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit bzw. die Gründung eines eigenen Unternehmens. Um satte 28 Prozent ist die Zahl der Firmengründungen in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen (Grafik). Künftig dürfte es aufgrund der Alterung der Bevölkerung eher noch weniger Unternehmernachwuchs geben.
Diese Entwicklung ist jedoch nicht nur negativ zu bewerten. Denn in Deutschland ist vor allem der Anteil jener Gründer hoch, die zuvor arbeitslos waren und aus Mangel an Alternativen eine eigene Firma ins Leben gerufen haben. Dies zeigen die jährlichen Befragungen des Global Entrepreneurship Monitor sowie die Gründungsberatungsgespräche des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Von daher heißen rückläufige Gründerzahlen oft auch: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sieht es gut aus.
Ein Wermutstropfen ist allerdings die schrumpfende Zahl innovativer Gründungen, schließlich haben diese oft ein großes Wachstumspotenzial und stärken somit die gesamte Volkswirtschaft:
Nur knapp 3.300 Teilnehmer der 59.500 IHK-Gründungsberatungen strebten 2009 eine Gründung in einer Hightech-Branche an – ein Fünftel weniger als 2006.
Vorbereitung zählt
Egal, welches Motiv hinter dem Schritt in die Selbstständigkeit steckt – eine gute Vorbereitung ist maßgeblich für den Erfolg. Eine ausführliche Beratung etwa kann helfen, den Weg zu ebnen. Auf diesem Gebiet waren die Industrie- und Handelskammern im vergangenen Jahr vielgefragte Ansprechpartner (Grafik). Zum Kammer-Angebot zählen Einstiegsgespräche – mit gut 300.000 Teilnehmern die häufigste Beratungsvariante –, aber auch Seminare und umfangreichere Beratungen. Zudem begutachten die IHKs Förderanträge, z. B. für Gründerzuschüsse der Bundesagentur für Arbeit.
Beratungs- und Serviceangebote aus einer Hand machen es für Gründungsinteressierte oft leichter zu durchblicken, was auf sie zukommt und sich dann für den Gang in die Selbstständigkeit zu entscheiden. Noch besser ist es, wenn Berater auch direkt die Gewerbeanmeldung miterledigen – denn unnötige Bürokratie schreckt ab. In Rheinland-Pfalz und in Hamburg dürfen die IHKs in ihren Startcentern schon seit 2007 Gewerbeanmeldungen annehmen; seit diesem Frühjahr sind auch die bayerischen IHKs zu „One-Stop-Shops“ für Gründer ausgebaut worden.
Es hakt beim Geld
Doch eine noch so gute Beratung bringt nichts, wenn es am Geld fehlt. Eine von vornherein zu schwache Kapitaldecke ist der häufigste Grund, warum Gründungen die ersten fünf Jahre nicht überstehen, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim jüngst in einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium herausgefunden hat.
Dieses Manko lässt sich vorerst kaum beseitigen, da weder die Eigenkapitalausstattung der Unternehmer in spe, noch die Finanzierungsbereitschaft der Banken plötzlich zunehmen wird. Die Förderprogramme der bundeseigenen KfW Mittelstandsbank, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesländer und der EU sind bereits umfassend ausgebaut, sodass auch von dieser Seite kaum mehr Geld zu erwarten ist. Eine Bündelung der vielen Förderangebote wäre der Übersichtlichkeit halber aber sinnvoll.
Aus Alt mach Neu
Nicht immer muss ein vollkommen neues Unternehmen aus der Taufe gehoben werden – der Begriff „Gründung“ hat viele Facetten (siehe unten). So gehört zum Beispiel auch die Übernahme eines bestehenden Betriebs dazu. In diesem Fall ist die Aufbauarbeit schon erledigt. Hürden gibt es trotzdem noch. Diese beginnen wiederum beim Geld – schließlich ist der Kaufpreis für ein florierendes Geschäft oft beträchtlich –, gehen weiter bei der Zusammenarbeit mit bereits vorhandenen Mitarbeitern bis hin zur Frage, ob die Kunden den neuen Eigentümer akzeptieren.
Begünstigt wird der Weg in die Selbstständigkeit per Übernahme allerdings durch die zunehmende Zahl an Betrieben, für die sich in den Eigentümerfamilien kein Nachfolger findet. Viele Unternehmer sind bereits älter als 55 Jahre. Auch in Ostdeutschland haben die sogenannten Unternehmer der ersten Stunde, die nach 1990 aktiv geworden sind, inzwischen oft das Rentenalter erreicht. Die IHKs verzeichneten bei ihren Übernahme- bzw. Nachfolgeberatungen 2009 mit 8.800 Fällen denn auch einen überproportionalen Anstieg.
Zudem bietet die von der Bundesregierung geförderte Internetplattform „nexxt-change“ gute Möglichkeiten für übergabewillige Unternehmer und potenzielle Gründer, zueinander zu finden. Im vergangenen Jahr haben sich in diese Gründerbörse allerdings nur noch knapp 4.000 Interessenten eingetragen – 12 Prozent weniger als 2008.
Frauen gefragt
Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat in einer durch das Bundesfamilienministerium geförderten Studie zur Unternehmensnachfolge durch Frauen herausgefunden, dass Unternehmerinnen die Übergabe ihres Betriebs meist akribisch vorbereiten, egal, ob die Firma an Familienangehörige oder an externe Nachfolger geht (vgl. iwd 23/2010).
Der Grund für diesen Eifer: Unternehmerinnen, die heutzutage ihr Geschäft weitergeben wollen, hatten zum Zeitpunkt ihres Einstiegs meist weniger gute Voraussetzungen. So wurde nur gut jede zweite spätere Chefin auf ihre Unternehmertätigkeit langfristig vorbereitet; fast die Hälfte musste den Sprung ins kalte Wasser wagen. Nun wollen es die heutigen Unternehmerinnen ihren Nachfolgern leichter machen.
Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland ist es ohnehin wichtig, dass mehr Frauen und Ältere den Schritt hin zur eigenen Firma wagen. Bisher sind es vor allem Männer im Alter von 25 bis 40 Jahren, die ein Unternehmen gründen. Seit einigen Jahren besteht immerhin ein Trend zu einem höheren Anteil an Unternehmerinnen:
Während der Frauenanteil an den Selbstständigen und Unternehmern insgesamt nur bei etwa einem Drittel liegt, waren 2008 schon vier von zehn Entrepreneuren weiblich.
Im vergangenen Jahr waren die Männer etwas eifriger, wenn man von den Beratungen der IHKs auf die tatsächlichen Gründungen schließt: Mit einem Plus von 14 Prozent auf 222.000 stieg die Zahl der Beratungen und Gespräche 2009 für Männer noch schneller als die für Frauen, von denen sich 13 Prozent mehr als im Jahr davor über Gründungen informierten; insgesamt nutzten 143.000 Frauen die IHK-Angebote.
Letzter Ausweg Gründung
Eine der Ursachen dafür, dass im vergangenen Jahr deutlich mehr Männer unter die Gründer gehen wollten als Frauen, dürfte die Wirtschaftskrise gewesen sein. Schließlich arbeiten mehr Männer als Frauen in Branchen, die besonders von der Rezession betroffen waren – so sind rund 72 Prozent der Beschäftigten in der Industrie männlich. Frauen dagegen haben in der Mehrzahl Jobs in Dienstleistungsbranchen, die wiederum kaum unter der Krise zu leiden hatten. Folglich wurden 2009 mehr Männer als Frauen arbeitslos und wählten aus diesem Grund öfter die Selbstständigkeit als Ausweg.
Der „kleine Unterschied“ macht sich auch in den Vorlieben der Gründer bemerkbar: Frauen wählen bevorzugt Dienstleistungen, Gastgewerbe und Handel, um sich selbstständig zu machen. Bessere Wachstumsperspektiven besitzen aber oft neue Unternehmen in der Industrie, insbesondere, wenn sie innovative Produkte auf den Markt bringen. Hier geben bei den Gründern nach wie vor die Männer den Ton an.
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Existenz- und Unternehmensgründungen
Was eine Gründung ist, lässt sich nicht so einfach klären, wie man zunächst vermutet. Die Statistik in Deutschland kennt nur die Zahl der Gewerbeanzeigen, die jedoch nicht unbedingt mit den tatsächlichen Geschäftsaufnahmen übereinstimmt. Einschließlich Nebenerwerb wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 864.000 Gewerbe angemeldet.
Auch die Abgrenzung zwischen Haupt- und Nebenerwerb ist in der Realität fließend; möglicherweise wird ein als Nebenerwerb gegründeter Betrieb bei Erfolg schließlich doch zum Haupterwerb. Der Begriff „Unternehmen“ wird zudem teilweise nur für Betriebe mit Wachstums- und Beschäftigungspotenzial verwendet, nicht für alle Existenzgründungen. Als Kriterium hierfür gilt, dass eine Firma im Handelsregister eingetragen wurde oder maßgeblich durch Fremdkapital finanziert und dies durch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform dokumentiert wurde. Dies trifft etwa auf die Hälfte aller Gründungen zu, also etwa 200.000. Daneben gibt es noch Hochrechnungen der Gründerzahl, die auf Befragungen basieren, z.B. auf dem Global Entrepreneurship Monitor.