Immer wieder ist von einem Beschäftigungswunder die Rede, wenn es um die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien geht. Tatsächlich sind in diesem Wirtschaftszweig in den vergangenen Jahren viele Arbeitsplätze entstanden – die wenigsten haben allerdings mit dem laufenden Betrieb der Anlagen zu tun.
Im Kinderbuch über Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, gibt es eine ganz ungewöhnliche Figur: Herrn Tur Tur. Er ist ein Scheinriese – von weitem wirkt er sehr groß, aber je näher man ihm kommt, desto stärker schrumpft er auf Normalmaß zusammen. Ähnlich verhält es sich mit den Beschäftigungswirkungen der erneuerbaren Energien.
In regelmäßigen Abständen überrascht die Branche mit Erfolgsmeldungen: Die Erzeugungskapazitäten erreichen neue Höchststände, der Anteil an der Energieversorgung steigt und die Beschäftigung nimmt zu. Über 300.000 Menschen arbeiten derzeit im Bereich der erneuerbaren Energien, heißt es. Das sind ungefähr so viele wie in der Metallerzeugung und -bearbeitung und ein Vielfaches mehr als in den deutschen Kernkraftwerken.
Entsprechende Vergleiche sind allerdings irreführend. Wenn man genauer hinschaut, bleibt vom Jobwunder durch erneuerbare Energien wenig übrig:
Betrieb und Wartung. Von den 300.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeitet nach einer aktuellen Studie, die das Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben hat, weit mehr als die Hälfte nur dank laufender Investitionen in diesem Sektor (Grafik). Denn rund 184.000 Personen bauen Anlagen zur Stromerzeugung aus regenerativen Energiequellen – während der überwiegende Teil der Kern- und Kohlekraftwerke schon vor Jahren errichtet wurde und es dort deshalb wenig entsprechende Beschäftigung gibt. Ohne diesen Aufbau-effekt sieht es auch bei Sonne, Wind, Wasser, Biogas und Biomasse längst nicht so positiv aus:
Etwa 53.000 Personen betreiben und warten die Anlagen, die Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen.
Insgesamt kommt die Energieversorgung in Deutschland auf 239.000 Beschäftigte. Die regenerativen Energien bieten also trotz aller Erfolgs- und Wachstumsmeldungen der Befürworter nur etwas mehr als einem Fünftel aller Arbeitnehmer in diesem Bereich einen Job.
Nettoeffekte. Beim Blick auf die Beschäftigung darf außerdem nicht unterschlagen werden, dass dem Aufbau von Arbeitsplätzen bei den erneuerbaren Energien ein Abbau an anderer Stelle gegenübersteht. Denn die erhöhten Energiekosten machen Industrieunternehmen das Leben schwer.
Was unterm Strich an Arbeitsplätzen übrig bleibt, ist nicht leicht zu ermitteln. Einige Modellrechnungen gehen von negativen Beschäftigungsfolgen aus, andere kommen zu einem positiven Ergebnis:
Wenn man den optimistischen Studien folgt, gibt es einen positiven Gesamteffekt von rund 60.000 Arbeitsplätzen. Doch die neuen Jobs liegen vornehmlich im Bau und Export von Anlagen.
Betrachtet man hingegen nur den Beschäftigungsaufbau in der Erzeugung von erneuerbaren Energien auf der einen und die negativen Effekte in den übrigen Energiesparten auf der anderen Seite, sind keine positiven Wirkungen für den Arbeitsmarkt zu erkennen.
Gesamtbeschäftigung. Um als Beschäftigungswunder zu gelten, muss eine Größenordnung erreicht werden, die für die Gesamtwirtschaft von Interesse ist. Gemessen an allen 27,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland ist die Zahl der Arbeitsplätze, die auf das Konto von Windrädern, Solarkollektoren etc. gehen, aber alles andere als beeindruckend: Nur 0,2 Prozent aller Arbeitnehmer kümmern sich um den laufenden Betrieb von Anlagen, die grünen Strom produzieren.
Ein kleines Beschäftigungswunder könnten allerdings die Technikhersteller durch einen stärkeren Export von entsprechenden Anlagen erleben.