Bildungsmonitor 2010

Bessere Betreuung trotz leerer Kassen

Kindergärten, Schulen und Hochschulen haben sich in allen 16 Bundesländern in den vergangenen fünf Jahren überaus positiv entwickelt. Es gibt gleichwohl noch viel zu verbessern. Das ist auch trotz der leeren öffentlichen Kassen machbar, weil die Schülerzahlen sinken. Wenn die dadurch frei werdenden Mittel im Bildungssystem bleiben, ist Geld für eine intensivere Betreuung vorhanden. Zu diesem Ergebnis kommt der Bildungsmonitor 2010, den das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt hat.*)


Die Unternehmen klagen bereits heute, dass sie – weil es weniger Schulabgänger gibt – nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen können. Fachkräfte werden daher voraussichtlich bald knapp. Das hat Konsequenzen: Die Firmen können nicht mehr alle Aufträge annehmen, was letztlich auch zu gesamtwirtschaftlichen Wachs-tumseinbußen führt.


Im Bereich der MINT-Qualifikationen – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – existiert diese Fachkräftelücke schon heute. Wenn Abiturienten weiterhin einen Bogen um diese Studiengänge machen, sind im kommenden Jahrzehnt 200.000 MINT-Arbeitsplätze nicht zu besetzen.


Die Bildungspolitik muss hier und anderswo dringend gegensteuern. Deutschland kann z.B. nicht auf leistungsschwächere Schüler oder junge Leute mit ausländischen Wurzeln einfach verzichten. Auch sie müssen so fit gemacht werden, dass sie eine qualifizierte Tätigkeit ausüben können.


In vielen der insgesamt 13 Handlungsfelder, die der Bildungsmonitor seit 2004 jährlich unter die Lupe nimmt, wurden zum Teil bereits deutliche Fortschritte erzielt.


Die Poleposition in Sachen Bildung nimmt seit nunmehr fünf Jahren Sachsen ein, das 2010 auf 81 Punkte kommt.


IW-BildungsmonitorDanach folgen Thüringen und Baden-Württemberg (Grafik). Bayern liegt etwas zurück auf Platz vier. Im Detail haben sich die Spitzenreiter ihre Punkte für folgende Leistungen verdient:


Thüringen und Sachsen bleiben die Kaderschmieden für den akademischen Nachwuchs in den MINT-Fächern. Auf 100 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ingenieure in Sachsen kamen im Jahr 2008 immerhin 10,2 neue Ingenieurabsolven­ten – das ist der zweitbeste Wert hinter Thüringen. Im Bundesdurchschnitt betrug diese Quote nur 6,3 Prozent.


Die Schulen der beiden Länder sind die besten der Republik: Sachsen war z.B. Bundessieger bei PISA-2006. Bei den Ausgaben für Schüler und Studenten sowie den Betreuungsrelationen für Schüler punkten beide Bundesländer ebenfalls (vgl. iwd 33/2010).


Baden-Württemberg und Bayern haben nicht nur dafür gesorgt, dass vielen Jugendlichen der Start ins Berufsleben gelingt. Auch die Schulqualität stimmt im Süden der Republik: Beide Bundesländer konnten bei den Schülervergleichstests mit der Weltspitze mithalten. 


Ganz umsonst sind solche Erfolge allerdings offenbar nicht zu haben – zumindest gibt der bayerische Staat im Vergleich zu den anderen Ländern recht viel für Bildung aus: an allgemeinbildenden Schulen 5.700 Euro pro Schüler – das sind 300 Euro mehr als im Durchschnitt.


Aber auch in anderen Bundesländern ist die Zeit in den vergangenen fünf Jahren nicht stehen geblieben. Sachsen-Anhalt etwa hat sich am dynamischsten entwickelt (plus 28 Punkte). Bremen konnte sich fast ebenso deutlich nach oben arbeiten (plus 26 Punkte). In Hamburg und Berlin geht es ebenfalls voran, wenn auch nicht ganz so schnell.

 

Dort, wo die Verbesserungen besonders greifbar sind, lassen sich vor allem drei Gründe für den Bildungsschub identifizieren: Die Schülerleistungen haben sich überdurchschnittlich stark verbessert, der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher ist kräftig gesunken und die Abiturienten- bzw. die Hochschulabsolventenquote hat deutlich zugenommen. 


Die Verbesserungen im Bildungssys­tem lassen sich zum Teil schon in Euro und Cent ausdrücken. Zwei Beispiele:

 

1.    Akademisierung. In Deutschland erwirbt ein immer größerer Teil der Jugendlichen einen Hochschulabschluss. Seit dem Jahr 2000 ist die Akademikerzahl in Deutschland um 306.000 gestiegen. Das hat die Wirtschaftsleistung um 4,8 Milliarden Euro erhöht.


2.    Schulqualität. Verglichen mit dem Zeitpunkt der ersten PISA-Erhebung im Jahr 2000 können die Schüler in Deutschland heute erheblich besser lesen und rechnen. Auch in den naturwissenschaftlichen Fächern haben sie Fortschritte erzielt. Die höhere Schulqualität wird sich langfristig in einer um 0,3 Prozentpunkte höheren Wachstumsrate der Wirtschaft niederschlagen, wenn dieses Bildungsniveau dauerhaft gehalten wird.


Konkret: Im Jahr 2020 würde das Bruttoinlandsprodukt dadurch um rund 11 Milliarden Euro höher ausfallen als ohne diesen Effekt. Im Jahr 2030 kämen bereits rund 43 Milliarden und im Jahr 2050 rund 179 Milliarden Euro hinzu.

 

Ob es in Deutschland bei den Bildungsfortschritten allerdings in dem Tempo weitergeht wie bisher, ist alles andere als ausgemacht. Denn die Bundesländer müssen sparen. Sie sind per Grundgesetz verpflichtet, ihre Haushalte bis 2020 auszugleichen. Zusätzliche Mittel werden für das Bildungssystem deshalb wohl kaum lockergemacht.

 

BildungsbudgetDer demografische Wandel eröffnet jedoch die Chance, das Bildungssystem weiter zu optimieren, ohne das öffentliche Budget zusätzlich zu belasten. Denn wo es an Nachwuchs fehlt, werden im Bildungswesen Mittel frei. So gehen die Schülerzahlen in allen Bundesländern – außer in Sachsen – deutlich zurück (Grafik).


In Niedersachsen beispielsweise sinken die Schülerzahlen an allgemeinbildenden Schulen von 2007 bis 2020 um ein gutes Viertel. Wenn die Gesamtausgaben im Bildungsbereich dort auf dem Niveau von 2007 konstant gehalten würden, könnten pro Schüler 34,5 Prozent mehr Geld ausgegeben werden – damit ließe sich z.B. die Betreuungsrelation in den Schulen deutlich verbessern.


Alternativ könnten Teile dieser demografischen Rendite umgeschichtet werden – etwa in den Vorschulbereich. Momentan wissen nämlich viele Kämmerer nicht, wie sie den politisch gewünschten Ausbau von Kinderkrippen, -gärten und -tageseinrichtungen finanzieren sollen.


Die finanziellen Spielräume könnten auch dazu genutzt werden, vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund intensiver und individuell zu fördern.


Bundesweit kommt immerhin rund ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren aus einer Zuwandererfamilie. Wenn diese Kinder frühzeitig gefördert werden, schneiden sie in der Schule besser ab. Dies erleichtert ihnen den Übergang in die berufliche Bildung, sie finden dann schneller einen Job und liegen dadurch dem Sozialstaat nicht auf der Tasche (vgl. iwd 20/2010).

 


 

Was in den 13 Handlungsfeldern gemessen wird (Auswahl)


Ausgabenpriorisierung: Pro-Kopf-Bildungsausgaben für verschiedene Schulformen und Hochschulen in Relation zu den übrigen Ausgaben


Inputeffizienz: Altersstruktur des Lehrpersonals und Sachmittelausstattung von Bildungsinstitutionen
Betreuungsbedingungen: Betreuungsrela­ti­onen in Kindertagesstätten und Schüler-Leh­rer-Relationen, Unterrichtsstunden pro Klasse


Förderinfrastruktur: Ganztagsbetreuung für unter Sechsjährige und Bildungsniveau des Personals in Kindertagesstätten


Internationalisierung: Fremdsprachenunterricht an Grundschulen und im dualen System, Bildungsausländer an Hochschulen


Zeiteffizienz: Wiederholerquoten, Ausbildungsabbrüche und der Anteil der Bacheloranfänger an allen Studienanfängern


Schulqualität: Lese- und Mathematikkompetenzen bei Schülerleistungstests
Bildungsarmut: Risikogruppen in Schülerleistungstests, Schulabbrecherquote


Integration: Schulabbrecherquote und Studienberechtigtenquote von ausländischen Schülern im Vergleich zu deutschen Jugendlichen, Abhängigkeit der Schülerleistungen vom sozioökonomischen Hintergrund


Arbeitsmarktorientierung/berufliche Bildung: Ausbildungsstellenquote und Berufsabschlussquote, Anteil der jeweiligen Absolventen an allen Meistern, Technikern, Fachschulabsolventen (Ersatzquote)


Akademisierung: Studienberechtigtenquoten, Hochschulabsolventenquote


MINT: Absolventen, Technische Fortbildungsprüfungen, Ingenieurersatzquote
Forschungsorientierung: Drittmittel der Hochschulen, Habilitations- und Promoti­ons­quote

 


 *) Vgl. www.insm-bildungsmonitor.de

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