Konjunktur

Wachstumskräfte gewinnen die Oberhand

Kaum hat die deutsche Wirtschaft die tiefe Rezession des vergangenen Jahres überwunden, da malen einige Beobachter angesichts der Turbulenzen in der Europäischen Währungsunion schon den nächsten Krisenteufel an die Wand. Da aber in vielen Regionen der Welt die Zeichen wieder auf Aufschwung stehen, sieht das Institut der deutschen Wirtschaft Köln auch die Konjunktur hierzulande auf Erholungskurs. Im Jahr 2010 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach um 1 ¼ Prozent wachsen, 2011 sogar um gut 2 Prozent.*)

Die Sorgen um den Euro haben in letzter Zeit die Schlagzeilen dominiert. Trotz der internationalen Unterstützungsaktionen birgt die Haushaltskrise einiger Eurostaaten weiterhin Risiken für die Finanzmärkte – und damit auch für die deutsche Wirtschaft. Zudem steht hierzulande ebenfalls eine Konsolidierung der Staatsfinanzen an, die den wirtschaftspolitischen Spielraum einschränkt.

IW-Prognose für 2010 und 2011Dennoch sind die Konjunkturaussichten insgesamt recht positiv, wie die Frühjahrsprognose des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt. Vor allem profitieren die für den globalen Wettbewerb gut aufgestellten deutschen Unternehmen von der wieder größeren Dynamik in den aufstrebenden Volkswirtschaften, aber auch in den USA. Die globale Wirtschaftsleistung wird 2010 und 2011 jeweils um 4 Prozent steigen – und Deutschland wächst mit (Tableau):
In diesem Jahr legt das deutsche Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um 1 ¼  Prozent zu. Für 2011 ist ein Plus von gut 2 Prozent zu erwarten.

Diese Einschätzung wird auch von der aktuellen IW-Konjunkturumfrage gestützt, an der im April und Mai 2010 mehr als 2.000 Unternehmen in West- und Ostdeutschland teilgenommen haben. Die Prognose- und Umfrageergebnisse im Einzelnen:

• Produktion. Der wirtschaftliche Aufwärtstrend ist für die Unternehmen längst mehr als nur eine Hoffnung. So sagen 38 Prozent der Betriebe, ihre Geschäftssituation sei besser als im Frühjahr 2009 – nur noch ein Viertel berichtet von einer schlechteren Lage. Und auch die Perspektiven für die weitere Entwicklung haben sich aufgehellt (Grafik):
Konjunktur: Investitionskrise überwundenDerzeit gehen 47 Prozent der Unternehmen in Deutschland für 2010 von einer höheren Produktion aus als 2009 – nur 18 Prozent rechnen mit einem Rückgang.

 

Im vergangenen Herbst hatte das Verhältnis von Optimisten zu Pessimisten noch 34 zu 21 Prozent betragen.

Am zuversichtlichsten von allen Wirtschaftsbereichen zeigt sich die Industrie. Dort erwarten 55 Prozent der Betriebe ein Produktionsplus – verglichen mit gut 40 Prozent im vergangenen Herbst. Und nur noch 15 Prozent müssen ihre Fertigung in diesem Jahr voraussichtlich zurückfahren – vor sechs Monaten hatten mehr als 20 Prozent der Unternehmen diese Befürchtung geäußert.

• Außenhandel. Auf dem Weg zurück zu alter Stärke – so präsentiert sich der deutsche Exportsektor. Ihm kommt unter anderem zugute, dass der reale Welthandel 2010 um 8 Prozent expandieren wird, vor allem die Schwellen- und Entwicklungsländer wieder verstärkt Investitionsgüter nachfragen und sich die Lohnstückkosten hierzulande moderater entwickeln als zuletzt.

Entsprechend gehen 36 Prozent der Betriebe für 2010 von steigenden Exporten aus; nur noch knapp 14 Prozent haben ein schlechteres Auslandsgeschäft als 2009 auf der Rechnung. Im für Deutschland besonders wichtigen Investitionsgütersektor erwartet sogar mehr als die Hälfte der Firmen eine Zunahme der Ausfuhren; lediglich ein Sechstel hält ein Minus für wahrscheinlich.

Insgesamt werden die preisbereinigten Waren- und Dienstleistungsexporte 2010 den Vorjahreswert um 71/4 Prozent überschreiten; im kommenden Jahr dürfte der Zuwachs 6 Prozent betragen.

Zwar kauft die deutsche Wirtschaft auch wieder mehr im Ausland ein; dennoch steuert der Außenhandel 2010 und 2011 jeweils etwa die Hälfte zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei.

• Investitionen. Auch wenn die Unternehmen ihre Produktion ausweiten – die Kapazitäten sind noch längst nicht wieder ausgelastet. Dies und die nach wie vor spürbare Unsicherheit, wie robust der Aufschwung ist, lassen viele Betriebe noch zögern, mehr Geld in neue Maschinen und Anlagen zu stecken:
Zwar stehen bei gut 28 Prozent der vom IW Köln befragten Firmen in diesem Jahr höhere Investitionsausgaben auf der Planung als 2009. Allerdings gehen mit 26 Prozent fast ebenso viele von einem geringeren Budget aus.

Konjunktur: Unternehmen zeigen ZuversichtDennoch ist das tiefe Krisental auch bei den Investitionen durchschritten – im vorigen Herbst lag der Anteil der Betriebe mit negativen Investitionserwartungen noch um knapp 7 Prozentpunkte über dem der optimistischen Unternehmen. Im Frühjahr 2009 hatte der Abstand sogar fast 46 Punkte betragen (Grafik).

Vor diesem Hintergrund ist es bereits ein Erfolg, dass die realen Ausrüstungsinvestitionen 2010 in der gesamten Wirtschaft um 3 Prozent wachsen. Im Jahr 2011 werden die Unternehmen ihren Maschinenpark auch wieder stärker modernisieren – dann steht sogar ein Investitionsplus von 8 Prozent in Aussicht. Die Bauinvestitionen treten hingegen vorerst mehr oder weniger auf der Stelle – nicht zuletzt, weil der Bau von Straßen, öffentlichen Gebäuden etc. das Auslaufen der staatlichen Konjunkturprogramme zu spüren bekommt.

• Arbeitsmarkt. Trotz der Rezession ist der befürchtete Stellen-Kahlschlag ausgeblieben. Inzwischen greifen sogar immer weniger Unternehmen auf die Kurzarbeit zurück. Auch in diesem Jahr droht keine Entlassungswelle. Laut IW-Frühjahrsumfrage meint lediglich jede fünfte Firma, Personal abbauen zu müssen – ebenso viele planen jedoch, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen.

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland 2010 dürfte damit im Schnitt nur leicht sinken – und auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit hält sich in engen Grenzen. Dieses Jahr wird nicht einmal die Marke von 3,4 Millionen Arbeitslosen überschritten.

Im Jahr 2011 wird die Zahl der Jobsucher dann auf etwas mehr als 3,4 Millionen anwachsen – das bedeutet im Jahresdurchschnitt eine Quote von 7 ¼ Prozent.
Ab Sommer 2011 sorgt die schwungvollere Konjunktur jedoch für einen Rückgang der Erwerbslosigkeit.
Unterm Strich hat die Wirtschaftskrise so nur rund 150.000 Arbeitsplätze gekostet. Zum Vergleich: Während der konjunkturell schwachen Jahre 2001 bis 2005 gingen hierzulande mehr als dreimal so viele Stellen verloren.

• Privater Konsum. Trotz der relativ günstigen Arbeitsmarktprognose haben die privaten Haushalte vorerst kaum Spielraum, ihren realen Verbrauch zu steigern. In diesem Jahr können selbst die staatlichen Stützungsmaßnahmen – etwa die niedrigeren Einkommenssteuersätze und das höhere Kindergeld – nicht verhindern, dass der private Konsum um etwa ein halbes Prozent unter den Vorjahreswert fällt. Im Jahr 2011 reicht es immerhin wieder zu einem Anstieg in ähnlicher Größenordnung.

• Staatsfinanzen. Die jüngste Wirtschaftskrise reißt ein tiefes Loch in den staatlichen Haushalt – das Defizit beläuft sich voraussichtlich auf gut 120 Milliarden Euro bzw. knapp 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Grund: Während die Steuereinnahmen vor allem wegen des noch verhaltenen Aufschwungs zurückgehen, treiben die Konjunkturprogramme die Ausgaben in die Höhe. Erst 2011 sinkt der Fehlbetrag im öffentlichen Budget auf 4 Prozent der Wirtschaftsleistung, bleibt aber in absoluten Zahlen mit nahezu 110 Milliarden Euro sehr hoch.

*) Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW-Forschungsgruppe Konjunktur)
Gewohnte Wachstumskräfte gewinnen die Oberhand
in: IW-Trends 2/2010

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