Ingenieure

Der Nachwuchs fehlt

Bis zum Jahr 2012 werden hierzulande jährlich rund 36.000 Ingenieure altersbedingt ihren Job an den Nagel hängen – mit 6.600 die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Allerdings gibt es nicht genug junge Nachfolger, wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in Zusammenarbeit mit dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt.*)

Die Alterung der Gesellschaft und das mangelnde Interesse junger Menschen an naturwissenschaftlichen Studiengängen machen es der deutschen Ingenieurzunft schwer. Selbst die OECD hat schon Alarm geschlagen, weil die demografische Herausforderung im Ingenieurbereich in der Bundesrepublik deutlich größer ist als im internationalen Vergleich (vgl. iwd 12/2008).

Junge IngenieureBereits 2007 standen den rund 346.700 Ingenieuren zwischen 56 und 65 Jahren lediglich 343.100 Ingenieure unter 35 Jahren gegenüber (Grafik):
Wenn hierzulande also ein älterer Ingenieur in den Ruhestand geht, kann er mangels Nachwuchs nicht immer durch einen jungen Kollegen ersetzt werden.

In Belgien, Finnland und Großbritannien kommen dagegen zwei jüngere Ingenieure auf einen älteren. In vielen anderen Industrienationen sieht es in Sachen Nachwuchskräfte sogar noch besser aus.

Besonders betroffen von diesem Nachwuchsmangel sind die Bundesländer im Osten und Berlin. In diesen Regionen liegt das Durchschnittsalter der Ingenieure mit rund 52,5 Jahren über dem bundesdeutschen Durchschnitt von etwa 50 Jahren. In Bayern und Baden-Württemberg leben dagegen die jüngsten Ingenieure mit durchschnittlich gut  48 Jahren.

Regionale Unterschiede gibt es auch in der Frage, wann die ältere Generation der jüngeren das Ruder übergibt. Von den 61- bis 65-jährigen Ingenieuren in Ostdeutschland und Berlin geht nur noch gut ein Drittel einem Job nach, in Baden-Württemberg die Hälfte.

Auf der anderen Seite sind allerdings einige Ingenieure auch noch jenseits des Rentenalters weiterhin erwerbstätig (vgl. iwd 26/2009):
Deutschlandweit arbeiten im Schnitt noch rund 12 Prozent aller 66- bis 70-jährigen und 4,4 Prozent aller 71 Jahre alten oder älteren Ingenieure – etwa als Geschäftsführer eines Ingenieur- oder Architekturbüros oder als Berater in Industrieunternehmen.

Unterm Strich werden laut IW-Berechnungen bis 2012 noch knapp 36.000 neue Ingenieure jährlich ausreichen, um die altersbedingt aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden zu ersetzen. Zwischen 2023 und 2027 müssen es aber bereits 48.300 junge Tüftler jährlich sein.

IngenieureIn sämtlichen westlichen Bundesländern steigt der Bedarf an neuen Ingenieuren bis 2027 kontinuierlich an (Grafik). Besonders Bayern muss langfristig eine immer größere Lücke füllen. Im Freistaat nehmen bis 2012 rund 5.200 Ingenieure pro Jahr ihren Hut, 2027 sind es schon 8.300. Die vier östlichen Bundesländer sowie Berlin hingegen müssen sich vor allem in Folge des höheren Durchschnittsalters ihrer Fachkräfte spätestens in zwei Jahren sehr intensiv auf Ingenieursuche begeben.

Bereits bis 2012 räumen in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rund 10.000 Ingenieure jährlich ihren Arbeitsplatz für immer.

Und genauso geht es weiter in diesen Regionen – der Osten wird in absehbarer Zukunft jedes Jahr sehr viele neue Ingenieure brauchen, um die in Rente gegangenen zu ersetzen.

Dieses Problem verschärft sich zudem noch durch das vergleichsweise maue Interesse junger Menschen an ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Die Zahl der Studenten, die ihr Erststudium in Ingenieurwissenschaften abgeschlossen haben, ist von 1995 bis 2001 stark gesunken. Seit 2002 geht es zwar wieder aufwärts, aber mit knapp 42.600 sogenannten Erstabsolventen der Ingenieurwissenschaften im Jahr 2008 ist das Hoch von 1995 mit fast 47.300 frischgebackenen Jung-Ingenieuren noch in weiter Ferne.

In den anderen Studienfächern dagegen ist seit Mitte der 1990er Jahre die Absolventenzahl von rund 197.000 auf 218.000 im Jahr 2008 kontinuierlich geklettert. Auf einen aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Akademiker aus anderen Fachrichtungen kommen daher rechnerisch 1,5 potenzielle Nachfolger – gegenüber weniger als einem bei den Ingenieuren.

Diese Zahlen erklären auch, warum es momentan so schwierig ist, vor allem für die vielen Ingenieure kurz vorm Rentenalter einen geeigneten Ersatz zu finden, während es in manch anderen Berufen eher gut aussieht in Sachen Nachwuchskräfte.

Zudem waren von den Studenten der Ingenieurwissenschaften hierzulande 2008 im Schnitt 15 Prozent Ausländer; im Fach Elektrotechnik hatten sogar 22 Prozent der angehenden Akademiker fremde Wurzeln. Generell ist in den Ingenieurwissenschaften der Anteil ausländischer Studenten deutlich höher als in anderen Studiengängen, wo er 2008 bei knapp 11 Prozent lag.

Knapp 80 Prozent der ausländischen Ingenieuranwärter sind junge Menschen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in anderen Staaten erworben haben und zum Studium nach Deutschland gekommen sind. Das Problem dabei: Die klugen Köpfe bleiben nach ihrem Abschluss nicht in der Bundesrepublik, manche dürfen es teilweise nach geltendem Recht auch nicht. Sie stehen dem deutschen Arbeitsmarkt also meist gar nicht erst zur Verfügung.

Angesichts dieser Zahlen sollte auch die Bildungspolitik nicht untätig bleiben. Damit sich überhaupt mehr junge Menschen für ein ingenieurwissenschaftliches Studium begeistern, sollten die naturwissenschaftlichen Fächer bereits in der Schule einen größeren Stellenwert bekommen. Zudem geben viele Studenten im Grundstudium auf – mehr Praxisbezug und eine bessere Betreuungsrelation könnten hier Abhilfe schaffen. Auch bundesweite Stipendienprogramme würden ingenieurwissenschaftliche Studiengänge attraktiver machen.

*) Vgl. Oliver Koppel
Ingenieurarbeitsmarkt 2009/10 – Berufs- und Branchenflexibilität, demografischer Ersatzbedarf und Fachkräftelücke
Studie des IW in Kooperation mit dem VDI
Download unter: www.iwkoeln.de

 

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