Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Banken rund 550 Milliarden Euro extra zur Verfügung gestellt und hält die Zinsen dafür niedrig. Dennoch horten die Geldhäuser ihr Kapital, statt es in Kredite zu verwandeln. An der laxen Politik der Zentralbank wird sich wohl so schnell nichts ändern. Langfristig könnte dieser Kurs jedoch eine höhere Inflation nach sich ziehen.
Das europäische Währungssystem ist wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise durcheinandergeraten. Auf der einen Seite ist die Bilanz der EZB deutlich expandiert – das heißt, die europäischen Währungshüter haben viel mehr Kredite verteilt als früher:
Mitte Februar dieses Jahres betrug die Bilanzsumme der EZB knapp 1.900 Milliarden Euro; drei Jahre zuvor waren es 1.150 Milliarden Euro.
Bei einem normalen Geldmengenwachstum ständen allenfalls 1.350 Milliarden Euro in den Büchern. Die EZB stellt den Banken also rund 550 Milliarden Euro extra zur Verfügung.
Das Ziel dieser großzügigen Geldpolitik ist es vor allem, den Geldmarkt zu beruhigen, auf dem sich Banken untereinander Kapital borgen – ganz nach dem Motto: Es ist genug für alle da. Diese Rechung geht auf, was sich an der wieder geringeren Differenz zwischen den Zinsen auf nicht besicherte und besicherte Dreimonatskredite zeigt (vgl. iwd 17/ 2009). Weil der Zinssatz für unbesicherte Interbankenkredite vom geschätzten Ausfallrisiko abhängt, gilt: Je größer der Zinsunterschied zwischen besicherten und unbesicherten Krediten ist, umso größere Unsicherheit herrscht am Geldmarkt. Mitte Februar lag die Differenz bei 30 Basispunkten – und damit deutlich unter dem Höchststand von 180 Basispunkten im Herbst 2008.
Das Paradoxe: Die EZB verteilt die Euros großzügig, aber die in der Wirtschaft befindliche Geldmenge schrumpft. Sie lag etwa im Dezember 2009 um 0,2 Prozent unter dem Volumen des Vorjahres, im November war sie sogar 0,3 Prozent niedriger. Als Richtwert für ein normales Wachstum gelten rund 4,5 Prozent im Jahr.
Die Erklärung für die aktuelle Situation liegt bei den Banken: Sie geben das EZB-Geld nicht als Kredite weiter, sondern horten es. In großem Umfang schleusen die Institute das Kapital sogar wieder in die Zentralbank zurück, indem sie es als Einlage in Frankfurt bunkern – auch wenn es darauf nur niedrige Zinsen gibt.
Im Jahr 2009 hatten die Banken Einlagen von knapp 120 Milliarden Euro bei der EZB; 2007 waren es lediglich 660 Millionen Euro.
Mit ihrer Geldpolitik unterstützt die EZB das Bedürfnis der Banken, eine hohe Vorsichtskasse zu halten. Unproblematisch ist die Situation jedoch nicht. Die Banken könnten beginnen, ihr Extrapolster aufzulösen und Kredite an die Wirtschaft zu geben. Geschieht dies zu schnell, fließt zu viel Geld auf den Markt – eine höhere Inflation droht.
Bereits Mitte Dezember 2009 hat die Zentralbank die Zügel etwas angezogen. Sie hatte den Banken 94 Milliarden Euro für ein Jahr geliehen. Das Besondere an diesem Kredit ist, dass er nicht für einen festen Zinssatz von 1 Prozent gewährt wurde, sondern sich am variablen Leitzins orientiert. Damit hat die EZB zaghaft angedeutet, dass eine Zinserhöhung möglich ist. Höhere Zinsen würden eine eventuelle Inflation im Zaum halten, da sie das Geld verteuern.
Die Zentralbanker dürften allerdings politischen Druck verspüren, die Zinsen trotz des Inflationsrisikos niedrig zu lassen. Denn einige Staaten sind hoch verschuldet. Eine höhere Inflation würde ihnen helfen, denn mit dem Wert des Geldes sinkt auch der Wert der Schulden. Höhere Zinsen hingegen brächten die Länder noch mehr in die Bredouille.
Dass die EZB es bisher kaum glaubhaft machen konnte, die Zinsen anzuheben, zeigt auch ein Blick auf sogenannte Swapgeschäfte (swap = Tausch) auf dem Geldmarkt (Grafik). Die Swapsätze bilden die Erwartungen ab, ob der EZB-Leitzins steigt oder fällt. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Swapsatz oberhalb des Leitzinses liegt, dann steigt der Leitzins später und vice versa. Zurzeit bewegt sich der Swapsatz für ein Jahr deutlich unter dem Leitzins von 1 Prozent. Kaum ein Finanzmarktakteur rechnet also mit einer rigideren EZB-Politik.