Lateinamerika

Aufbruchstimmung am Amazonas

Die Staaten Lateinamerikas sind auf einem guten Weg, durch ein kräftiges Wirtschaftswachstum die Wohlstandslücke zu den Industrieländern zu verringern. Dazu tragen unter anderem die umfangreichen ausländischen Investitionen bei. Auch die aktuelle globale Rezession hat keine der großen Volkswirtschaften nachhaltig aus der Bahn geworfen. Trotzdem sind die Voraussetzungen für einen neuen Aufschwung in den einzelnen Ländern unterschiedlich.

Wenn lateinamerikanische Staaten früher in den Schlagzeilen auftauchten, hatte dies meist nichts Gutes zu bedeuten: Politische Unruhen sowie wirtschaftliche Turbulenzen durch hohe Inflationsraten oder staatliches Missmanagement waren keine Seltenheit. Doch in diesem Jahr, in dem die Wirtschafts- und Finanzkrise fast rund um den Globus tiefe Schneisen geschlagen hat, ist es in den Ländern Mittel- und Südamerikas vergleichsweise ruhig geblieben. Zwar zogen die dunklen Rezessionswolken nicht ganz an den Anden und am Amazonas vorbei, aber zumindest kamen von dort keine Nachrichten über marode Banken oder drohende Staatsbankrotte. Und so sieht der Internationale Währungsfonds (IWF) für die 32 Länder von Antigua bis Venezuela bereits wieder sonnigere Zeiten kommen:
Im Schnitt wird das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der lateinamerikanischen Staaten in diesem Jahr um 2,5 Prozent schrumpfen – für 2010 prognostiziert der IWF ein mittleres Wachstum von 3 Prozent.

LateinamerikaVerglichen mit den etablierten Industrieländern wie Deutschland, wo die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr deutlich moderater ansteigen dürfte, lesen sich die Zahlen für Lateinamerika ausgesprochen erfreulich. Allerdings erreichen die meisten Staaten vorerst noch nicht wieder den Wachstumspfad früherer Jahre (Grafik):
Von 2000 bis 2008 legte das reale BIP in Peru um fast 6 Prozent zu, in Argentinien, Venezuela und Kolumbien zwischen 4 und 5 Prozent und im größten lateinamerikanischen Land, Brasilien, immerhin um 3,6 Prozent.

Selbst diese Steigerungsraten sind nicht ganz so beeindruckend, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Denn die zu den Schwellenländern zählenden Staaten Lateinamerikas müssten aufgrund ihres Nachholbedarfs an Investitionen und Konsumgütern sowie angesichts ihrer relativ jungen und stark wachsenden Bevölkerung wirtschaftlich deutlich stärker expandieren als die Industrienationen. Bis zuletzt aber blieb die Wohlstandslücke beträchtlich:
Um Kaufkraftunterschiede bereinigt, erwirtschafteten die beiden reichsten lateinamerikanischen Länder – Mexiko und Chile – im Jahr 2008 ein Bruttoinlandsprodukt je Einwohner von etwa 14.500 Dollar.

In Peru, Kolumbien und Ecuador lag die Wirtschaftsleistung pro Kopf zuletzt sogar unter 10.000 Dollar. Zum Vergleich: Portugal als ärmstes Land der Eurozone kam im vergangenen Jahr auf rund 22.000 Dollar. Noch deutlicher fällt die Differenz zu Deutschland aus, wo das BIP je Einwohner im vergangenen Jahr fast 36.000 Dollar betrug.

Mit der in jüngster Zeit wieder anziehenden konjunkturellen Dynamik dürften die mittel- und südamerikanischen Länder ihren Aufholprozess allerdings fortsetzen und zusehends an wirtschaftlicher Stärke gewinnen. Dafür sprechen auch die steigenden Beträge, die ausländische Unternehmen an Standorten in Lateinamerika investieren (Grafik):
Zwischen 1990 und 1999 flossen netto jährlich knapp 32 Milliarden Dollar an Direktinvestitionen nach Lateinamerika, von 2000 bis 2008 waren es im Jahresmittel sogar 60 Milliarden Dollar.

Damit konnte der Kontinent in den vergangenen Jahren meist knapp 10 Prozent der weltweiten Direktinvestitionszuflüsse anziehen. In einigen Jahren war der Anteil sogar deutlich höher.
Wie groß das Interesse der Kapitalgeber an der Region ist, lässt sich besonders gut am Beispiel Brasiliens ablesen, das sich in den Jahren 2000 bis 2008 über insgesamt 215 Milliarden Dollar an Direktinvestitionszuflüssen freuen konnte. Etablierte Industrieländer wie Schweden oder die Schweiz verbuchten dagegen nur 160 bzw. 150 Milliarden Dollar.

Bedeutsam sind diese Zahlen deshalb, weil Direktinvestitionen helfen, eine leistungsfähige Infrastruktur aufzubauen sowie moderne Produktions- und Managementmethoden zu etablieren. Beides stärkt mittelfristig das wirtschaftliche Wachstum.

Doch auch wenn die Gebiete zwischen dem Golf von Mexiko und dem Kap Hoorn generell recht hoch in der Gunst ausländischer Unternehmen stehen, präsentieren sich die einzelnen Länder doch in ganz unterschiedlicher Verfassung. Ein genauerer Blick auf die beiden größten Volkswirtschaften des Kontinents verdeutlicht dies:

• Brasilien. Das Land an der Copacabana hat sich bis dato einigermaßen gut durch die Krise manövriert. Es profitiert vor allem davon, dass im Finanz- und Bankensektor keine allzu großen Scherbenhaufen zusammenzukehren sind und das Wachstum zuvor nicht durch eine allzu expansive Kreditvergabe in die Höhe getrieben worden war. Daher bleibt nun der große Absturz aus:
Im Jahr 2009 wird das brasilianische BIP voraussichtlich stagnieren; für 2010 erwarten Konjunkturforscher ein Plus von bis zu 5 Prozent.

Ein Teil der Hoffnungen basiert nicht zuletzt darauf, dass sich die Rohstoffpreise in diesem Jahr deutlich erholt haben. Damit kann Brasilien wieder mit höheren Einnahmen aus dem Außenhandel rechnen – immerhin machten Öl, Erze und andere Rohstoffe im Jahr 2006 fast 20 Prozent aller Warenexporte aus.

Der mögliche Aufschwung dürfte auch die Staatsfinanzen weiter stärken. In diesem Jahr werden die Folgen der weltweiten Rezession wohl den brasilianischen Haushalt in die roten Zahlen treiben. Doch in Sachen Verschuldung kann die Regierung fast vorbildliche Zahlen vorlegen. Stand der Staat im Krisenjahr 2002 noch mit rund 60 Prozent des BIP in der Kreide, werden es in diesem Jahr nur etwa 40 Prozent sein. Dies dürfte die Bereitschaft internationaler Unternehmen erhöhen, rund um den Zuckerhut zu investieren.

Sorgen bereiten den Brasilianern allerdings die hohen Zinsen und Teuerungsraten. Obwohl die Zentralbank den Leitzins in diesem Jahr um 5 Prozentpunkte gesenkt hat, liegt er immer noch bei fast 9 Prozent. Das hat seinen Grund: Im Schnitt der Jahre 2000 bis 2008 kletterten die Preise um 7 Prozent, und auch in diesem Jahr ist mit einer Inflation von 5 Prozent zu rechnen. Dazu beigetragen hat unter anderem eine Dürreperiode, die die Nahrungsmittelproduktion schrumpfen ließ und die Preise nach oben trieb.

• Mexiko. Hier läuft die Wirtschaft schon seit längerem nicht richtig rund. Im Schnitt der Jahre 2000 bis 2008 stieg das reale BIP lediglich um 2,4 Prozent – das war der geringste Zuwachs unter den zehn größten lateinamerikanischen Ländern. Und auch in diesem Jahr dürften die Mexikaner wenig Lust auf eine Fiesta haben:
Die reale Wirtschaftsleistung wird 2009 voraussichtlich um 7 Prozent zurückgehen; erst im kommenden Jahr ist wieder eine Steigerung von gut 3 Prozent drin.

 

Ökonomen schreiben den jüngsten herben Konjunkturdämpfer vor allem der starken Abhängigkeit Mexikos vom großen Nachbarn USA zu – zuletzt gingen 68 Prozent der mexikanischen Exporte an Uncle Sam. Dessen schlechte Verfassung dürfte die Ausfuhren im Jahr 2009 um fast 20 Prozent einbrechen lassen. Hinzu kommt aber auch ein dickes Minus bei den privaten Konsumausgaben. Zudem hat die Grippeepidemie viele Touristen abgeschreckt – die geringeren Einnahmen aus dem Fremdenverkehr hinterlassen so manches Loch in den Kassen von Unternehmen und Haushalten.

Die Krise schlägt sich auch in den Staatsfinanzen nieder. Zwar fällt die Gesamtverschuldung mit 30 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr noch sehr moderat aus, doch die staatliche Konjunkturstütze in Form von Beschäftigungszuschüssen, höheren Sozialleistungen und zusätzlichen Infrastrukturausgaben dürften dem Staatsbudget ein Minus von 4 Prozent des BIP bescheren. Ein wenig trösten können sich die Politiker mit der Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Diese steigt 2010 zwar wohl auf einen krisenbedingten Höchststand von 6,5 Prozent – das ist verglichen mit anderen Schwellenländern aber noch ein relativ niedriger Wert.

 

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