Fachkräfte

Engpass trotz Krise

Die aktuelle wirtschaftliche Talfahrt macht auch vor hochqualifizierten Beschäftigten nicht halt. Doch gerade MINT-Fachkräfte – Mathematiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker – bleiben am Arbeitsmarkt begehrt. Spätestens im Zuge des nächsten Aufschwungs droht ein Rekordengpass. Die Politik bleibt daher aufgerufen, die Fachkräftelücke nachhaltig zu stopfen.*)

 

MINT-ArbeitsmarktDie Finanzmarkt- und Konjunkturkrise bekommen zwar auch Naturwissenschaftler, Technikexperten und Co. zu spüren – schließlich suchen die Unternehmen aktuell deutlich weniger neue entsprechende Mitarbeiter als im Rekordjahr 2008; dennoch geben die jüngsten Arbeitsmarktdaten keinen Anlass zu trüber Stimmung (Grafik):
Im März 2009 waren lediglich gut 83.000 Fachkräfte aus dem MINT-Bereich arbeitslos gemeldet. Für Ingenieure und Naturwissenschaftler, von denen 23.000 bzw. 8.400 auf Stellensuche waren, bedeutete dies den niedrigsten Februarwert seit der Wiedervereinigung.

 

Allein seit Anfang 2004 verringerte sich die Zahl der mathematisch, naturwissenschaftlich und technisch versierten Jobsucher um fast 60 Prozent, während insgesamt nur knapp 30 Prozent weniger Arbeitslose notiert wurden. Somit sank der Anteil der MINT-Kräfte an allen Arbeitslosen von 4,4 auf 2,5 Prozent. Den stärksten Rückgang verbuchten die Ingenieure, die statt 1,5 inzwischen nur noch 0,7 Prozent aller Erwerbslosen ausmachen.

 

Diese Daten spiegeln die anhaltende Knappheit an MINT-Experten wider. Allein 2008 klaffte zwischen den Absolventen der entsprechenden Studienrichtungen und dem Bedarf am Arbeitsmarkt eine Lücke von rund 14.400 Personen.

 

Angesichts alternder Belegschaften sowie immer komplexerer und zunehmend informationstechnisch geprägter Produktionsabläufe wird sich der Engpass eher noch verschärfen. Ungeachtet konjunktureller Schwankungen könnten im kommenden Jahrzehnt auf dem deutschen Arbeitsmarkt pro Jahr leicht mehr als 20.000 technische, mathematische und naturwissenschaftliche Fachleute fehlen. Anders gewendet:
Die Zahl der Hochschulabsolventen in den MINT-Fachrichtungen dürfte zwischen 2010 und 2020 Jahr für Jahr um 10 bis knapp 30 Prozent zu gering sein, um den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt zu decken.

 

Daher ist die Politik gefordert, die Zahl der nachrückenden MINT-Akademiker zu steigern – etwa auf folgenden Wegen:

 

• Zahl der Studienabbrecher reduzieren. Gegenwärtig bricht jeder Vierte, der sich für ein MINT-Fach an einer Hochschule eingeschrieben hatte, sein Studium ab. Sieben von zehn Abbrechern nennen die oft unbefriedigenden Studienbedingungen als einen Grund hierfür. Abhilfe schaffen könnten Zielvereinbarungen zwischen einer Hochschule und dem jeweiligen Bundesland bzw. den Dozenten und ihrer Uni, die auf eine Verringerung der Abbrecherzahlen hinwirken.

 

• Zahl der Studienberechtigten steigern. Dazu gilt es, die frühkindliche Bildung stärker zu fördern und mehr Ganztagsschulangebote zu machen. Hiervon würden gerade Familien profitieren, in denen das Thema Bildung nicht allzu hoch im Kurs steht. So könnte längerfristig der Anteil der Kinder von Nichtakademikern an allen Hochschülern gesteigert werden, der zurzeit nur 23 Prozent beträgt. Für den Staat lohnt sich dies allemal – die späteren zusätzlichen Fachkräfte lassen die Einnahmen aus Steuern und Sozialversicherungen steigen, sodass die Bildungsinvestitionen am Ende eine Rendite von 8 Prozent abwerfen (vgl. iwd 43/2008).

 

• Interesse an Technik fördern. Um den Beliebtheitsgrad der MINT-Studiengänge zu steigern, sollte der Staat schon in der Schule den technischen Fächern mehr Raum geben. Aber auch Unternehmen können ihr Scherflein beitragen, indem sie etwa noch intensiver mit Schulen und Hochschulen kooperieren sowie duale Studienplätze in MINT-Fächern anbieten.

 

*) Vgl. Oliver Koppel, Axel Plünnecke
Fachkräftemangel in Deutschland – Bildungsökonomische Analyse
politische Handlungsempfehlungen, Wachstums- und Fiskaleffekte
IW-Analysen Nr. 46
Köln 2009, 132 Seiten, 19,90 Euro
Bestellung über Fax: 0221 4981-445 oder unter: www.divkoeln.de

More articles on the topic

1 2 3 4 5 ...
 
IW-News
September 7, 2011
Ingenieurengpass: Und es gibt ihn doch
Zu viel oder zu wenig – das ist hier die Frage. Die meisten Arbeitsmarktforscher sagen: Deutschland hat zu wenig und braucht mehr Ingenieure. Nun warnen einzelnen Stimmen aber davor, dass es bald viel zu viele dieser Hochqualifizierten geben wird – ein Irrtum, denn die Unkenrufer vergleichen Äpfel mit Birnen und kennen sich offenbar auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure nicht richtig aus.
more
IW-News
November 18, 2010
DIW-Wochenbericht zum Fachkräftemangel: Fehlerhafte Analyse
Im aktuellen Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vorgeworfen, das Thema Fachkräftemangel methodisch nicht sauber zu behandeln: So könne man aus der Gegenüberstellung von offenen Stellen und Arbeitslosen nicht auf Fachkräfteknappheiten schließen. Diese Kritik läuft ins Leere, denn exakt diese Methode ist sowohl in der Wissenschaft als auch bei der Bundesagentur für Arbeit ein gängiges Verfahren der Engpassanalyse.
more
IW-News
November 16, 2010
Fachkräftemangel: Und es gibt ihn doch
Noch vor wenigen Wochen forderten Wirtschaftsforscher eine Nettozuwanderung von 500.000 Menschen, da sonst ein gravierender Fachkräftemangel den Wohlstand in Deutschland gefährden könnte. Nun wird das Gegenteil verkündet: Jetzt heißt es, dass es keine Indizien für einen Mangel an Fachkräften gebe und auch in Zukunft keine Probleme auf dem Ingenieurarbeitsmarkt zu erwarten seien. Was stimmt denn nun?
more
iwd
No. 43 from October 28, 2010
Fachkräfte: Steigender Bedarf
Die Wirtschaft kommt aus der Krise, die Unternehmen suchen neue Mitarbeiter. Vier von zehn Firmen haben aber Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. Auch beim Fachkräftenachwuchs wird es eng: Im vergangenen Jahr blieben rund 75.000 Ausbildungsstellen unbesetzt.
more
IW-Dossiers
No. 1 from January 13, 2009
Fachkräfte sind weiter knapp
Ein allgemeiner Arbeitskräftemangel droht angesichts von immer noch 3 Millionen Arbeitslosen zunächst nicht, auch wenn von insgesamt rund eine Million unbesetzten Arbeitsplätzen ausgegangen werden muss. In ihrer Statistik wies die Bundesagentur für Arbeit für den November 2008 rund 539.000 gemeldete offene Stellen aus. Viele Betriebe suchen neue Mitarbeiter z.B. über Zeitungsannoncen, Aushänge, Headhunter, das Internet etc. – oder sie nutzen persönliche Kontakte zur Akquise. Diese Stellenangebote tauchen in der Statistik der Bundesagentur nicht auf.
more
1 2 3 4 5 ...
Contact
Dr. Oliver Koppel
Phone: +49
(0)
221 4981-716
zum Profil
Prof. Dr. Axel Plünnecke
Phone: +49
(0)
221 4981-701
zum Profil
iwd - No. 15 from April 9, 2009
[ImagePath_HyperLink1]

Weekly analyses of topics concerning economic, social and education policies.

This service is only available in German.

Further articles of this issue
Themen von A-Z

iwd-Sachregister 2011
Download | PDF

Weitere Sachregister

Newsletter: iwd-Vorschau
2.8.2010, Zuwanderung von Fachkräften
3.8.2011, Fachkräftemangel: Bau besonders betroffen
15.4.2011, Das Quiz zum Fachkräftemangel