Entwicklung von globaler Armut und Ungleichheit

Oft wird behauptet, die Globalisierung mache die Welt immer ungleicher. Doch schon der Befund ist nicht korrekt. Vielmehr ist die globale Ungleichheit seit den 1980er Jahren sogar leicht gesunken. Und die globale Armut auch.

 

Von Globalisierungskritikern und in der öffentlichen Diskussion ist häufig zu hören, dass die Armen auf der Welt immer ärmer werden. Als Ursache für diese vermeintlich gut belegte Entwicklung wird dann oft die Globalisierung angeführt. Aber diese Diagnose ist schlichtweg nicht haltbar.

 

Kein Zweifel, es gibt weltweit Armut und Hunger in erschreckendem Ausmaß und viel zu viele Menschen, die deshalb sterben. Doch die Globalisierung ist dafür kaum verantwortlich, vielmehr bietet sie eine Möglichkeit für die Entwicklungsländer, aus der Armut herauszuwachsen. Die heutigen Industrieländer, aber auch erfolgreiche Schwellenländer haben vorgemacht, wie eine vernünftige Wirtschaftspolitik, aber auch eine stärkere Offenheit für den Weltmarkt und für den internationalen Wettbewerb dazu beitragen können.

 

Vor zweihundert Jahren waren auch die heutigen Industrieländer noch arm. Wachstum, Fortschritt – und die internationale Arbeitsteilung – haben seitdem dazu beigetragen, dass es eine tiefe und existenzielle Armut in den Industrieländern kaum noch gibt. Wenn hierzulande trotzdem von steigender Armut die Rede ist, dann wird sie fast immer relativ gemessen, also im Verhältnis zum Durchschnitt. Bei dieser Messung steigt die Armutsquote auch dann, wenn die Armen reicher werden, die Wohlhabenden aber prozentual noch mehr an Einkommen zulegen.

 

Dieses Maß erscheint beim Blick auf existenzbedrohende Armut in Entwicklungsländern wenig sinnvoll. Diese wird daher an einer absoluten Einkommensgrenze gemessen, die sich an den elementaren Grundbedürfnissen orientiert. Die Weltbank hat dazu nach neueren Analysen von absoluten Armutsschwellen in verschiedenen Ländern den Wert von 1,25 Dollar pro Tag und Kopf angesetzt (bereinigt um Preissteigerungen und Kaufkraftunterschiede zwischen den Ländern). Menschen, die mit weniger Einkommen auskommen müssen, gelten als absolut arm.

So gemessen ist die globale Armut zwischen dem Beginn der 1980er Jahre und dem Jahr 2005 – also im Zeitalter der beschleunigten Globalisierung – deutlich gesunken. Die Zahl der absolut Armen ging weltweit nach Angaben der Weltbank um rund 27 Prozent auf rund 1,4 Milliarden Menschen zurück. Die globale Armutsquote – also der Anteil der absolut Armen an der (stark gestiegenen) Bevölkerungszahl – hat sich halbiert: von 52 Prozent auf knapp 26 Prozent. Dabei gibt es auch Studien, die das Niveau der Armut deutlich geringer ausweisen, aber – und das ist zentral – ebenfalls in etwa eine Halbierung der Armutsquote seit Anfang der 1980er Jahre ermitteln.

 

Uneinigkeit herrscht vor allem über den Verlauf der absoluten Armut in Afrika südlich der Sahara. Während die Weltbankdaten hier seit Anfang der 1980er Jahre keinen Fortschritt bei der Armutsquote feststellen, kommt der renommierte Ökonom Sala-i-Martin in einer neueren Studie mit einer anderen Methode zu dem Ergebnis, dass die Armutsquote in Subsahara-Afrika, die bis Mitte der 1990er Jahre noch leicht anstieg, seitdem um rund ein Viertel gesunken ist und damit jetzt ein Fünftel unter dem Anteil im Jahr 1980 liegt.

 

Armut geht zurück
Veränderung der Zahl der Ärmsten zwischen 1981 und 2005 in Millionen
Ostasien -751
China -627
Osteuropa und Zentralasien 17
Lateinamerika / Karibik 0
Mittlerer Osten / Nordafrika -1
Südasien 47
Indien 35
Subsahara-Afrika 182
Welt -505
Armutsschwelle: 1,25 Dollar, bereinigt um Inflation und Kaufkraftunterschiede
Ursprungsdaten: Weltbank

 

Einig sind sich die Experten in der wichtigen Rolle Chinas und Indiens. Hier lebten Anfang der achtziger Jahre noch rund zwei Drittel der absolut Armen. Das starke Wachstum beider Länder, die heute als Prototypen der Globalisierungsgewinner gelten, hat die weltweite Armut massiv sinken lassen.

 

Genau diese Entwicklung hat auch dazu beigetragen, dass die globale Ungleichheit in den letzten Dekaden abgenommen hat, obwohl in vielen Ländern das Gegenteil zu beobachten war. Doch wenn man globale Ungleichheit umfassend messen will, darf man nicht nur auf die Entwicklung in den einzelnen Ländern schauen, sondern sollte am besten alle Menschen auf der Welt gleichzeitig betrachten, so als ob es keine Grenzen gäbe. Dabei zeigt sich, dass die globale Ungleichheit im Zeitalter der Globalisierung – also etwa ab 1980 – nicht zugenommen hat, wie oft behauptet wird, sondern eher leicht gesunken ist.

 

Diese Entwicklung ist äußerst bemerkenswert. Denn die globale Ungleichheit war zuvor seit 1850 stark und anhaltend gestiegen, weil die heutigen Industrieländer sich erfolgreich industrialisierten und die meisten der heutigen Entwicklungsländer dies nicht schafften. Wenn nun seit einiger Zeit China und andere erfolgreiche Schwellenländer nachhaltig gegenüber den Industrieländern an Wohlstand aufholen, wird die Welt folglich wieder etwas gleicher. Das ist sicherlich nicht nur, aber auch der Globalisierung zu verdanken.

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