Entwicklung von Ungleichheit und Armut in Deutschland

In jüngster Zeit hat sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter geöffnet. Auch der Anteil der Armen steigt nicht mehr. Die Zahlen widerlegen überdies die Behauptung, die Umstellung von der Arbeitslosenhilfe auf das stärker bedürftigkeitsgeprüfte Arbeitslosengeld II im Zuge der Hartz-IV-Reformen habe Menschen massenhaft in die Armut getrieben. Denn seit 2004 ist der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des allgemeinen Einkommens haben, nicht mehr deutlich gestiegen. Das hing mit der Vielzahl der im Aufschwung neu geschaffenen Stellen zusammen. Ob sich die Situation im Abschwung gedreht hat, lässt sich noch nicht sagen.

 

Schere Samari FotoliaKontinuierlich beschreiben lässt sich die Entwicklung der Einkommensungleichheit am besten mit den Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Das Einkommen wird im SOEP gleich doppelt erfasst. Zum einen mit dem aktuellen laufenden Monatseinkommen, zum anderen mit dem Jahreseinkommen des vergangenen Jahres. Das Jahreseinkommen ist generell etwas ungleicher verteilt als das aktuelle Monatseinkommen. Das liegt vermutlich daran, dass unregelmäßige Einkommenskomponenten und Zusatzeinnahmen, die bei der monatlichen Befragung leicht vergessen und erst beim Jahreseinkommen berücksichtigt werden, bei Wohlhabenden ein höheres Gewicht haben.

 

Beide Einkommensindikatoren haben sich sehr ähnlich entwickelt. Während sich der Abstand zwischen Arm und Reich jahrzehntelang nicht veränderte, öffnete sich die Schere mit Beginn des neuen Jahrtausends deutlich – auch eine Folge zunehmender Arbeitslosenzahlen. Mit dem Abschmelzen der Arbeitslosigkeit wurde dieser Trend aber gestoppt: Seit dem Jahr 2005 ist die Einkommensungleichheit in etwa konstant geblieben.

 

Einkommensungleichheit: Lücke klafft nicht weiter auseinander
Verhältnis „Reich“ zu „Arm“
  SOEP-Monatseinkommen SOEP-Jahreseinkommen
1983 3,02
1984 2,98 2,98
1985 2,98 2,88
1986 2,94 2,86
1987 2,89 2,82
1988 2,88 2,90
1989 2,80 2,85
1990 2,88 2,97
1991 3,06 3,01
1992 2,91 3,04
1993 3,03 3,06
1994 2,94 3,21
1995 3,03 3,12
1996 2,98 3,02
1997 2,89 3,03
1998 2,92 3,03
1999 2,92 3,02
2000 3,00 3,11
2001 3,00 3,19
2002 3,00 3,34
2003 3,16 3,26
2004 3,15 3,38
2005 3,24 3,56
2006 3,28 3,49
2007 3,29 3,50
2008 3,32

Bis 1990 Westdeutschland; Verhältnis „Reich“ zu Arm“: Einkommen der Person an der Schwelle zum obersten Einkommenszehntel dividiert durch das Einkommen der Person an der Schwelle zum zweituntersten Einkommenszehntel; SOEP Monatseinkommen: direkt abgefragtes aktuelles Nettomonatseinkommen; SOEP-Jahreseinkommen: mit Detailangaben aus der Befragung des Folgejahres generiertes Jahreseinkommen
Quelle: DIW

 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der relativen Einkommensarmut. Die Zahlen widerlegen überdies die Behauptung, die Umstellung von der Arbeitslosenhilfe auf das stärker bedürftigkeitsgeprüfte Arbeitslosengeld II (ALG II) im Zuge der Hartz-IV-Reformen habe Menschen massenhaft in die Armut getrieben. Denn seit 2004 ist der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des allgemeinen Einkommens haben, nicht mehr deutlich gestiegen. Das hängt – wie bereits erwähnt – mit der Vielzahl der im Aufschwung neu geschaffenen Stellen zusammen.

 

Einkommensarmut: Auch eine Frage der Statistik
So viel Prozent der Bürger leben in relativer Einkommensarmut
  SOEP-Monats-
einkommen
SOEP-Jahres-
einkommen
EVS ECHP/EU-SILC
1973 8,7  
1978 9,0  
1983 12,4 11,0  
1984 12,2 12,7    
1985 13,2 11,3    
1986 11,7 10,9    
1987 10,9 10,4    
1988 11,4 11,5 11,8  
1989 11,3 10,7    
1990 11,4 11,4    
1991 10,5 11,5    
1992 10,4 11,9    
1993 11,9 11,0 12,0  
1994 12,2 12,4   15
1995 11,2 11,8   14
1996 11,0 10,8   12
1997 10,1 10,5   11
1998 11,0 10,3 12,1 11
1999 10,5 10,7   10
2000 10,8 11,6   11
2001 11,0 12,3    
2002 12,8 13,1    
2003 12,3 13,2 13,6  
2004 12,2 13,8   12
2005 12,5 14,5   13
2006 13,0 13,5   15
2007 12,5 14,0   15
2008 13,3    

fehlende Jahre: keine Angaben; bis 1990 Westdeutschland; relative Einkommensarmut: Äquivalenzeinkommen (bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) von weniger als 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste); SOEP-Monatseinkommen: direkt abgefragtes aktuelles Nettomonatseinkommen; SOEP-Jahreseinkommen: mit Detailangaben aus der Befragung des Folgejahres generiertes Jahreseinkommen; EVS: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, bis 1988 ohne Ausländer; ECHP (Werte bis 2000) und EU-SILC (Werte ab 2004): deutsche Teilstichprobe des Panels der Europäischen Kommission, Werte ab 2006 mit den Vorjahren nur bedingt vergleichbar
Quelle: DIW, Eurostat, Hauser

 

Themen
Menschen mit Migrationshintergrund gehören zusammen mit den Alleinerziehenden zu den besonders von relativer Einkommensarmut betroffenen Gruppen (Einkommensarmut – die Hauptbetroffenen). Der sozio-demografische Wandel hat dazu geführt hat, dass der Bevölkerungsanteil beider Gruppen deutlich angestiegen ist – bei den Personen mit Migrationshintergrund zwischen 1996 und 2007 um fast 4 Prozentpunkte und bei den Alleinerziehenden um 1 Prozentpunkt. Zudem hat sich die Einkommensposition beider Gruppen verschlechtert. Dies hat die Armutsrisikoquote deutlich nach oben getrieben. Würden hierzulande nur Deutsche und nur Paare mit Kindern leben, hätte der Anteil der armen Menschen zuletzt kaum zugenommen.

 

Einkommensarmut: Eine Frage der Herkunft und des Familienstands
  1996 2007
Bevölkerung insgesamt    
Armutsrisikoquote in Prozent 10,9 13,4
Schwellenwert für das Armutsrisiko, in Euro pro Monat 644 773
Bevölkerung ohne Migrationshintergrund und ohne Alleinerziehende    
Armutsrisikoquote in Prozent 9,9 11,2
Schwellenwert für das Armutsrisiko, in Euro pro Monat 670 830

Armutsrisikoquote: Anteil der Personen mit einem bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommen (Äquivalenzeinkommen, Skala nach Citro/Michael) unterhalb des Schwellenwerts; Schwellenwert: 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste) des Äquivalenzeinkommens
Ursprungsdaten: DIW

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